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Ausgegraben

Frankreich Archäologen finden deutsches Militärlager aus Erstem Weltkrieg

Deutsches Soldatenlager: Bärenschädel und Erkennungsmarken Fotos
Denis Gliksman/ Inrap

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Französische Archäologen erlebten eine Überraschung: Bei einer Routine-Ausgrabung stießen sie auf die Reste eines großen deutschen Militärlagers aus dem Ersten Weltkrieg.

Eigentlich suchten die Ausgräber des staatlichen französischen Archäologie-Instituts Inrap nach Spuren aus der Eisenzeit und dem Römischen Reich. Auf dem Gelände in Isles-sur-Suippe nahe der französischen Stadt Reims, das demnächst zum Industriegebiet werden soll, erwarteten das Übliche: ein paar römische Häuser vielleicht oder ein gallisches Gehöft. Doch stattdessen fanden sie die Überreste eines großen deutschen Militärlagers aus dem Ersten Weltkrieg.

Was die Erde freigab, entspricht durchaus dem deutschen Einrichtungsgeschmack zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einen ausgestopften Bärenkopf fanden die Ausgräber, sogar mit Zähnen - wahrscheinlich die Erinnerung an einen lange vergangenen Jagdausflug, präpariert als Kaminvorleger. Daneben die Statue einer Deutschen Dogge, des Modehunds schlechthin, seit Otto von Bismarck 1878 seine beiden "Reichshunde" sogar mit zum Berliner Kongress mitgenommen hatte (wo Dogge Tyras dem russischen Außenminister Gortschakow die Hose zerfetzte). Doch die wilhelminische Deko lag nicht etwa in der Jagdhütte eines preußischen Landadligen, sondern unter dem Kadaver eines Pferdes neben den Hütten eines Soldatenlagers.

Die Gegend, in der das Camp lag, war den gesamten Krieg über in deutscher Hand: ein strategisch günstiger Ort in unmittelbarer Nähe einer alten Eisenbahnlinie. Von hier aus konnten Nachschub, Waffen und Soldaten leicht und schnell an die Front transportiert werden. Zugleich kamen zahlreiche erschöpfte Soldaten zurück: Im Schnitt gönnte die deutsche Armee ihren Männern alle drei Wochen eine Pause vom Leben in den Schützengräben. In zurückgesetzten Lagern wie dem von Isles-sur-Suippe, in sicherem Abstand zu den Kämpfen, konnten sie sich kurzzeitig erholen, bevor sie zurück an die Front mussten. Gleichzeitig diente das Lager als Ausbildungscamp für Rekruten und als Logistikzentrum für Ausbau, Verstärkung und Schutz der Versorgungslinien.

Munition, Flaschen und Zahnbürsten

Vier 13 Meter lange Blockhäuser haben die Archäologen auf dem 4,5 Hektar großen Gelände bereits gefunden und eines davon näher untersucht. Der Boden war mit Holzplanken ausgelegt, eine Treppe führte in den ersten Stock. Vermutlich schliefen in dieser Wohneinheit etwa 24 Mann. Die Ausgräber entdeckten hier auch vier Magazine mit französischen Patronen aus dem Jahr 1916. "Diese Art von Munition wurde typischerweise für die Verteidigung der hinteren Linien verwendet", schreiben sie in einer Presseerklärung. "Die jüngeren und effektiveren deutschen Waffensysteme waren für den Gebrauch an vorderster Front reserviert."

Wer waren die Soldaten, die hier erst ausgebildet wurden und später in den Pausen zwischen den Fronteinsätzen ihre Wunden pflegten? Ausgräber fanden die Spuren ihres Lagerlebens, darunter Wein-, Wasser- und Arzneiflaschen. Oft gab es Frischfleisch zu essen - die Knochen mit den Messerspuren der Schlachtung landeten ebenso in den Abfallgruben wie leere Konservendosen. Gegessen haben die Soldaten sowohl von mitgebrachten Tellern aus Bayern als auch von französischem Geschirr. Nur der Vorgesetzte, dem Bärenfell und Doggenstatue gehörten, aß vornehmer: In der Grube mit seinen persönlichen Gegenständen lag sein feines Tafelservice.

Ihre Zeit verbrachten die Fronturlauber damit, ihre Ausrüstung zu reparieren: Gasmaskenfilter austauschen, Helme flicken, Schuhe besohlen. Ein handwerklich geschickter Soldat schmiedete sich aus einer Granatenhülse einen Aschenbecher. Und für noch etwas fanden die Soldaten nun endlich Zeit, was in den Wochen im Schützengraben zu kurz gekommen war: die Körperpflege. Zwischen Munition und militärischer Ausrüstung entdeckten die Ausgräber die an der Front entbehrten Zahn- und Haarbürsten.

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Oberleerer 06.11.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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