Archäologie Forscher rekonstruieren Gesicht von Moorleiche

Sie streifte vor mehr als 2600 Jahren durchs heutige Niedersachsen und starb unter mysteriösen Umständen. Jetzt haben Wissenschaftler das Leben der Moorleiche "Moora" in Teilen erforscht - und das Gesicht des Mädchens nachgebildet.

Von Thomas Brock

Univ. Dundee / Caroline Wilkinson

Es war ein kurzes Leben voller Entbehrung und Leid. Das Teenager-Mädchen hatte einen gutartigen Tumor an der Schädelbasis, eine Verkrümmung der Wirbelsäule und, als sei das noch nicht genug, eine chronische Entzündung der Schenkelknochen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam aus Paläoökologen, Rechtsmedizinern, Anthropologen und Archäologen, das die vor sechs Jahren identifizierte Moorleiche "Moora" untersucht hat.

Am Donnerstag haben die Experten neue Erkenntnisse in Hannover vorgestellt. "Moora" lebte vor rund 2650 Jahren, also in einer Ära, die sich Historikern und Archäologen nur schemenhaft erschließt. Damals, in der vorrömischen Eisenzeit, fertigte schließlich niemand Aufzeichnungen über den europäischen Norden an. Und nur gelegentlich geben archäologische Funde Aufschluss über das Leben der Menschen jener Zeit.

Jetzt lässt sich mit Hilfe von "Moora" ein erstaunlich detailliertes Bild zeichnen. Es mag nicht repräsentativ sein, aber sehr wohl eindrücklich: Das Mädchen starb mit 17 bis 19 Jahren und war Linkshänderin. Selbst die Fingerabdrücke waren vortrefflich erhalten. Wachstumslinien an den Knochen bezeugen, dass "Moora" in Kindheit und Jugend unter Mangelernährung litt. Vielleicht erkrankte sie auch häufig während der langen, harten und entbehrungsreichen Wintermonate. Die Knochen zeugen außerdem von zwei Schädeldachfrakturen. Sie kamen während der Lebenszeit des Mädchens durch stumpfe Gewalteinwirkung zustande.

Mit Wasserkrügen auf Stegen durchs Moor

Wahrscheinlich trug sie auch regelmäßig Lasten wie etwa Wasserkrüge auf dem Kopf und verrichtete körperlich schwere Arbeit. Dabei balancierte "Moora" auf einem Steg durch das Moor. Zahlreiche Bohlenwege haben Archäologen in den einst morastigen Weiten Nordwestdeutschlands inzwischen ausgegraben. Kilometerweit führten sie durch die nassen und unwirtlichen Areale. "Su 3" heißt die wissenschaftliche Bezeichnung eines solchen 1,80 Meter breiten Weges, auf dem "Moora" vielleicht einst wandelte.

Die Gegend war einerseits für die Nahrungssuche wichtig, hatte aber auch sakrale Bedeutung, glauben Archäologen. Interessanterweise war das Moor, in dem die Leiche gefunden wurde, vergleichsweise klein. Landzungen ragten in die Sumpflandschaft, Kuppen erhoben sich wie Inseln aus dem Morast. Die Gegend war durchaus besiedelt - und keineswegs eine komplette Einöde. Das haben Wissenschaftler um Andreas Bauerochse vom niedersächsischen Denkmalamt bei Pollenanalysen herausgefunden.

Um dem Mädchen aus dem Moor noch näher zu kommen, haben die Wissenschaftler auch Gesichtsrekonstruktionen erstellen lassen. "Es ist der Blick in das Gesicht einer jungen Frau, zu deren Zeiten Rom noch ein unbedeutendes Dorf war", sagt der Chef des Denkmalamts, Stefan Winghart. Zunächst hatten Experten um Dennis Säring vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) die gefundenen Knochen in einem Computermodell zusammengesetzt. Daraus wurde dann ein Nachbau des knöchernen Schädels gefertigt.

Anschließend zeichneten insgesamt fünf Forscher, darunter eine Mitarbeiterin des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt und Experten der Universitäten Freiburg und Dundee (Großbritannien), ein Bild vom Antlitz des Eisenzeit-Mädchens. Entstanden ist ein faszinierender Blick in die Vergangenheit ( siehe Fotostrecke).

Fund zunächst falsch eingeordnet

Dass die Forscher "Moora" überhaupt untersuchen konnten, grenzt an ein Wunder: Ein Torfbagger hatte sie im September 2000 beinahe zerstört. Wirbel, Schädelteile und Haare fanden sich - und ein Rätselraten begann, das erst Jahre später sein Ende finden sollte. An eine Moorleiche aus der Eisenzeit dachte damals noch niemand.

In der Rechtsmedizin des Hamburger Universitätskrankenhauses identifizierte man die Leiche zunächst als 16- bis 21-jährige Frau, die offenbar niemals in ihrem Leben beim Zahnarzt war. Zunächst hegte man den Verdacht, der Leichnam gehöre zu der 1969 nach einem Discobesuch verschwundenen 16-jährigen Elke Kerll. Eine DNA-Probe konnte diesen Verdacht jedoch ausschließen.

Anschließend ging der Fall zu den Akten. Erst fünf Jahre später, am 5. Januar 2005, als an der alten Fundstelle eine menschliche rechte Hand an die Oberfläche kam, geriet die Leiche aus dem Moor in den Blick der Archäologie. Diesmal informierten Kriminalisten das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege in Hannover. Landesarchäologe Hennig Haßmann und Paläoökologe Andreas Bauerochse nahmen die Hand in Augenschein: Sie war mumifiziert und hatte ihrer Lage nach mindestens zwei Jahrtausende im Moor gelegen.

Eine Radiokarbon-Datierung an der Universität Kiel bestätigte das hohe Alter. Demnach starb das Mädchen zwischen 764 und 515 vor Christus. Im Juni 2005 präsentierten Archäologen, Anthropologen und Rechtsmediziner dann die Sensation erstmals der Presse. Der NDR animierte sein Publikum, dem Fund einen Namen zu geben. So bekam das "Mädchen aus dem Uchter Moor" eine populäre Bezeichnung: "Moora".

Doch die Frage, wie und warum "Moora" in ihr Grab gelangte, bleibt offen. Vielleicht lag die junge Frau längere Zeit in einer Vertiefung des Moors. Auffällig ist, dass sie offenbar nackt war. Kleidungs- und Trachtbestandteile fehlen. Wäre sie verunglückt, so die Archäologen, dann wären mit einiger Wahrscheinlichkeit wohl Reste lederner Kleidung oder Schmuck erhalten geblieben. Außerdem sind aus dieser Zeit bisher nur Feuerbestattungen bekannt.

Die Moorleiche von Uchte hat also noch nicht alle Rätsel preisgegeben.

Mitarbeit: Christoph Seidler, mit Material von dpa



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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
mitbürger 20.01.2011
1. Wahrscheinlich...
Vermutlich wird sie auch von einem Disco-Besuch gekommen sein, aber eben vor 2600 Jahren. Vermutlich hat ihre Mutter auch gesagt, laufe nicht nackt durchs Moor, aber diese jungen Leute lassen sich ja nichts sagen. Wie die damals allerdings ohne Zahnarzt ausgekommen sind, grenzt an ein Wunder. Meine Kinder sind dort Dauergäste.
Montanabear 20.01.2011
2. geheimnisvolles Moormädchen
Zitat von sysopSie streifte vor über 2600 Jahren durchs heutige Niedersachsen und starb unter mysteriösen Umständen. Jetzt haben Wissenschaftler das Leben der Moorleiche "Moora" in Teilen rekonstruiert - und das Gesicht des Mädchens nachgebildet. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,740627,00.html
Ich freue mich immer, wenn ein neues Mosaiksteinchen über die nordeuropäische Zivilisation gefunden wird. Ihnen wird viel zu wenig Achtung geschenkt. "als Rom noch ein unbedeutendes Dorf war.." sagt der Artikel. Das sollte man sich vor Augen halten. Es begann nicht erst mit dem Einmarsch der Römer. Wieviele haben davon gehört, dass eine ganze römische Legion ins Moor gelockt wurde und dort versank ? Oder dass die "Knüppelpfade" in den Mooren mehr als dreitausend Jahre alt sind ? Oder die Hünengräber ! Was mich allerdings stört, sind die weit auseinandergehenden Interpretationen des Gesichts. Es gibt doch mittlerweile solch' präzise Software, die diese Variationen ausschliessen sollten. Die Wissenschaftlerin aus Freiburg hat deutlich nur um sich geguckt. Aber trotzdem : es regt zur Diskussion und zum Nachdenken an. Danke für den Artikel.
Hans aus Jena 20.01.2011
3. Bitte übergeben Sie.
Also doch eine Straftat! Da helfen nur noch Professor Karl-Friedrich Boerne und Hauptkommissar Frank Thiel aus Münster. Bitte übergeben Sie! Ein Sonntagabend werden die doch noch frei haben und mit Moorleichen kennen sie sich nachweislich aus.
stanis laus 20.01.2011
4. Qualität der deutschen Rechtsmedizin
Einen Leiche im Alter von 2.500 Jahren wird als ein 16-jähriges, kürzlich zu Tode gekommenes Mädchen, eingeordnet. Kaum zu glauben. Die Rechtsmedizin ist offenbar in einem genauso desolaten Zustand wie allgemein die Justiz: eine Ansammlung von inkompetenten Wichtigtuern.
AusVersehen 20.01.2011
5. ...
Zitat von MontanabearIch freue mich immer, wenn ein neues Mosaiksteinchen über die nordeuropäische Zivilisation gefunden wird. Ihnen wird viel zu wenig Achtung geschenkt. "als Rom noch ein unbedeutendes Dorf war.." sagt der Artikel. Das sollte man sich vor Augen halten. Es begann nicht erst mit dem Einmarsch der Römer. Wieviele haben davon gehört, dass eine ganze römische Legion ins Moor gelockt wurde und dort versank ? Oder dass die "Knüppelpfade" in den Mooren mehr als dreitausend Jahre alt sind ? Oder die Hünengräber ! Was mich allerdings stört, sind die weit auseinandergehenden Interpretationen des Gesichts. Es gibt doch mittlerweile solch' präzise Software, die diese Variationen ausschliessen sollten. Die Wissenschaftlerin aus Freiburg hat deutlich nur um sich geguckt. Aber trotzdem : es regt zur Diskussion und zum Nachdenken an. Danke für den Artikel.
Genau das denke ich auch. Ich habe Zweifel, dass derartige Gesichtskonstruktionen, dazu zähle ich auch die Forensischen, wirklich ein realistisches Bild liefern. Dabei empfinde ich, im Gegensatz zu Ihnen, die 3d-Computerzeichnung aus Freiburg noch die natürlichste. Einige der anderen sind schon sehr phantastisch. Die Rekonstruktion aus England empfinde ich als viel zu dick geaten. Wenn da Mädchen wirklich unter Hunger gelitten hatte, wird sie sicher nicht ein solche Mondgesicht gehabt haben. Zudem scheinen mir die Augen viel zu dicht bei einander zu stehen. Die plastische Gesichtsrekonstruktion hat ja einen gewaltigen Unterkiefer. Wahrscheinlich verwendete das Mädchen diesen zum Nüsse knacken oder zum Torf baggern. Vielleicht sollten die Urheber dieser Rekonstruktion doch mal einige Nachhilfestunden bei einem Bildhauer nehmen, damit wenigstens einigermaßen realistische Rekonstruktionen angefertigt werden und nicht solche Monster.
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