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17. Juli 2006, 09:02 Uhr

Archäologie

Forscher wollen das Kelten-Rätsel lösen

Die Kelten galten lange Zeit als primitive Draufgänger. Doch das Klischee, das vor allem der römischen und griechischen Geschichtsschreibung entstammt, löst sich durch neue archäologische Funde langsam auf. Nur eines bleibt rätselhaft: Warum verschwanden die Kelten?

Die langen Haare verfilzt, die Tierfelle am Körper schlecht gegerbt, fallen keltische Krieger brüllend über den Feind her. Solche Bilder bringen viele Menschen mit den Kelten in Verbindung. Verwundern darf das nicht: Bis vor wenigen Jahren stammte fast das gesamte allgemeine Wissen über die frühen Kelten aus den Berichten griechischer und römischer Historienschreiber. Von sinnlosem Draufgängertum der Barbaren, die an der oberen Donau hausten, ist die Rede. Andere Quellen berichten von tollkühnen, leicht erregbaren und auf den Kampf versessenen Kriegern, die ihren Pferden die Köpfe der erschlagenen Feinde um den Hals hängten.

Doch die Texte entsprechen wohl nicht der Wahrheit: Mittlerweile deuten immer mehr archäologische Funde darauf hin, dass die angeblichen Barbaren eine sehr komplexe Gesellschaftsstruktur besaßen, berichtet das Magazin "Bild der Wissenschaft" in seiner Augustausgabe. Möglicherweise standen die frühen Kelten schon in der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus kurz vor der Entwicklung einer Hochkultur - inklusive Städten, Staatswesen mit Herrscherdynastien und Adelsfamilien sowie einem Reichsgebiet.

Systematische Suche in Fürstensitzen

Schon die Funde der vergangenen Jahrzehnte in Südwestdeutschland und Frankreich ließen sich nur schlecht mit dem Bild vom tumben keltischen Draufgänger in Einklang bringen. So pflegten die Kelten enge Beziehungen mit der Mittelmeerregion, wo sie handwerklich anspruchsvolle Goldarbeiten sowie ausgeklügelte Waffen anboten. Sie besaßen einen Kalender, prägten schon früher als alle anderen Völker nördlich der Alpen Münzen und produzierten hochwertige Textilien. Auch importierten sie Luxusgüter aus dem Süden, was ebenfalls eher für eine feine Lebensart spricht.

So interessant diese hauptsächlich aus Fürstengräbern stammenden Entdeckungen auch sind, über die Gesellschaftsstruktur der Kelten verraten sie nur wenig. Erkenntnisse erhoffen sich Archäologen nun von einem Projekt, in dem das Umfeld und die Siedlungen rund um die großen Fürstensitze systematisch durchkämmt werden sollen. Besonders vielversprechend erscheint die an der oberen Donau im Landkreis Sigmaringen gelegene Heuneburg, eines der wichtigsten Keltenzentren der frühen Epoche und die wohl älteste Keltenburg überhaupt.

Hinweise aus alten Gräbern

Dort machte der Tübinger Archäologe Siegfried Kurz einen spektakulären Fund: In einem abgeernteten Maisfeld stieß er auf das Grab eines kleinen Mädchens, dem mehrere vergoldete Gewandspangen, Bronzeringe, die Reste einer Halskette und sogar zwei Anhänger aus massivem Gold mitgegeben worden waren. Wer ein Kind so prestigeträchtig bestatten kann, glaubt Kurz, sei mit Sicherheit kein reich gewordener Bauer. Vielmehr sollten damit Macht und Reichtum demonstriert werden - ein Verhalten, das typisch für eine adelige Familie ist. Kurz: "Das Grab ist ganz klar ein Ansatz zu dynastischem Denken."

Doch nicht nur das Grab, auch die Struktur der sogenannten Außensiedlung, die nördlich der Heuneburg liegt, stützt laut Kurz die Hypothese von einer Adelsschicht: Verfärbungen im Boden deuten darauf hin, dass das Gelände mit Hilfe von Wällen und Gräben in verschiedene Bereiche unterteilt war. Dabei könnte es sich um die Areale einzelner Clans oder wichtiger Familien gehandelt haben, glaubt der Archäologe. Er ist überzeugt: Die Kelten des sechsten Jahrhunderts vor Christus waren "ganz dicht vor der Stadt- und damit Staatsbildung".

Auch die Burg selbst scheint diese Vermutung zu stützen. Dort grub der Archäologe Jörg Bofinger vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg die Reste einer imposanten Toranlage aus, die um 600 vor Christus entstand. Alter und Baustil dieses spektakulären Fundes entsprechen denen einer bereits früher entdeckten Wehranlage, mit der der Fürst der Heuneburg den bis dahin üblichen Schutzwall aus Holz und Erde ersetzt hatte.

Rätselhafter Niedergang

Das Besondere daran: Die Bauweise - eine weißgetünchte verputzte Mauer aus Lehmziegeln auf einem Steinfundament - gab es zu dieser Zeit nirgendwo sonst nördlich der Alpen. Sie stammte eindeutig aus Mittelmeergefilden.

Gleichzeitig ordnete der Fürst die Bebauung innerhalb der Burg neu: Statt eines wirren Durcheinanders gab es nun planmäßig angelegte Hausreihen. Für Bofinger sind das deutliche Hinweise auf einen Siedlungsplan: "Das ist ein gewichtiges Argument für den Beginn der Urbanisierung auf der Heuneburg."

Warum die Kelten den Sprung zur Hochkultur dann doch nicht schafften, ist den Archäologen bisher völlig schleierhaft. Sicher ist nur: Schon kurz nach dem Bau der aufwändigen Wehranlagen begann der Abstieg der Heuneburg, die zwischen 500 und 430 vor Christus vollständig aufgegeben wurde.

Ähnlich erging es etwas später den anderen Keltenzentren Hohenasperg und Ipf in Baden-Württemberg, dem hessischen Glauberg und dem Mont Lassois in Südfrankreich. Die Ausgräber hoffen nun, dass weitere Funde helfen, das Verschwinden der Keltenzivilisationen zu verstehen.

Ilka Lehnen-Beyel, ddp

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