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Ausgegraben

Glasfund in Stade Sie tranken daraus das Blut der Kindsmörderin

Archäologie: Das Blutglas von Stade Fotos
Dietrich Alsdorf

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Vor 40 Jahren fand Dietrich Alsdorf auf einem Feld bei Stade ein zerbrochenes Glas. Er steckte das merkwürdige Fundstück ein und bewahrte es auf. Mittlerweile scheint klar: Das Glas steht für die grausame Hinrichtung der Kindesmörderin Anna Brümmer.

"Ich stand da mit einem Panzer am Wegrand", erinnert sich Alsdorf an den Tag, als er das Glas entdeckte. Der spätere Grabungstechniker diente damals noch als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr und war mit seinem Zug im Tal des Heidbeck auf dem Stader Stadtgebiet unterwegs. Er zeigt den matschigen Weg hinunter: "Da vorne standen wir, diesen Weg gab es damals schon. Na ja, und dann bin ich ein wenig abseits gegangen."

Dort entdeckte Alsdorf einen Haufen Lesesteine aus dem Feld. Seit seiner Kindheit interessierte er sich für Archäologie, mit 16 hatte er zum ersten Mal auf einer Ausgrabung gearbeitet. Und tatsächlich lag etwas auf dem Haufen, das dort nicht hingehörte. Ein Trinkglas. Dickwandig, mit breitem Fuß und scharfkantiger Standfläche. Kein feines Tafelgeschirr, sondern für derbe Hände gemacht.

Hinweise in geheimnisvollen Kirchenakten

"Kutscherglas nannte man das auch", erklärt Alsdorf. "Daraus tranken die Kutscher ihren Schnaps, wenn sie länger auf ihre Kundschaft warten mussten." Doch weit und breit war nichts zu sehen, was die Kundschaft eines Kutschers hätte interessieren können. Alsdorf steckte das Glas in die Tasche und ging zurück zum Panzer.

Jahrzehnte später verdient Alsdorf sein Brot bei der Kreisarchäologie des Landkreises Stade und schreibt akribisch recherchierte Romane über historische Persönlichkeiten seiner Heimat. Als er bei den Nachforschungen über Hinrichtungen des 19. Jahrhunderts ist, drückt ihm der Stadtarchäologe Andreas Schäfer einen Stapel bisher noch nicht gesichteter geheimnisvoller Kirchenakten in die Hand. Erst kürzlich sind sie auf einem Kirchenboden gefunden worden.

Darin findet Alsdorf alles, was sich zu einer Hinrichtung so archivieren lässt. Ein Zeitungsausschnitt aus dem "Stader Sonntagsblatt" vom 25. Mai 1856, verfasst vom Pastor höchstpersönlich: "Weil die schöne Magd Anna Brümmer aus Balje ihr uneheliches Kind vergiftet hatte, starb sie in der Frühe des 9. Mai 1856 durch das Richtschwert." Auch eine handschriftliche Einladung zu dem Ereignis liegt bei, der Dienstplan des Seelsorgers und eine Taschenkarte mit einem Gebet, das bei der Hinrichtung aufzusagen sei.

Blut sollte Epilepsie kurieren

Anna war ein kniffliger Fall. Besonders schlau war sie wohl nicht, wie der Pastor in seinem Artikel ausführt. Zwischen den Zeilen aber steht deutlich zu lesen, dass sie dafür ein außerordentlich attraktives Mädchen war: Sie sei "nach ihrer Leibesbeschaffenheit großen Versuchungen des Fleisches von innen, und weiterer drängender Verführung und Not von außen ausgesetzt gewesen." Grund genug für viele Bürger Stades, wiederholt um Gnade für Anna zu bitten.

Doch vergeblich. Am verregneten Morgen des 9. Mai setzte sich der Zug von Stade aus Richtung Süden in Bewegung. Der Pastor beschreibt zunächst detailliert die Stätte der Hinrichtung, einen Hügel mit einem Stuhl, dahinter Scharfrichter und zwei Gehilfen, zudem Militär und eine "zahllose Menge Volks". Die darauffolgenden Zeilen lassen Alsdorf beim Lesen den Atem stocken. Sie beschreiben, was geschah, als der Kopf der Kindesmörderin am Boden lag: "Etwa sechs epileptische Kranke tranken darauf Blut, wozu sie vorher vor Anna Brümmers Augen die Gläser gereicht, natürlich ohne dass diese die furchtbare Bedeutung derselben ahnte."

Der Brauch ist uralt und wurde schon in der Antike praktiziert. Epilepsie kann kuriert werden, so der Aberglaube, wenn der Kranke das noch warme Blut eines Gerichteten trinke und daraufhin den Ort möglichst laufend verlasse. Die Kirche duldete das Treiben - und verdiente sogar daran. Je inbrünstiger der Gerichtete zuvor gebetet hatte, desto stärker die Heilkraft seines Blutes - und desto teurer konnte es verkauft werden.

Rätsel um das Grab der Kindesmörderin

Alsdorf fällt das Glas ein, das er als Bundeswehrsoldat im Steinhaufen gefunden hat, mitten auf dem freien Feld, fernab der Stadt. Sollte es etwa tatsächlich eines der Blutgläser sein? Er fährt zurück an den Fundort. Zwar ist dort nur noch eine Bodenwelle zu erkennen, doch die Recherche zeigt bald: Einen markanten Hügel gab es hier tatsächlich, nur wurde der im Zweiten Weltkrieg abgetragen.

Es passt alles zusammen. "Wie Puzzleteile", sagt Alsdorf und dreht nachdenklich das Glas in den Händen. Mindestens drei Menschen starben hier zwischen 1854 und 1856 durch das Schwert des Henkers. Bereits kurze Zeit später wurde die Guillotine eingeführt, und die Todesurteile wurden hinter Gefängnismauern vollstreckt.

Mittlerweile wurde die Richtstätte rekonstruiert, bis zum nächsten Sommer soll sie für Besucher hergerichtet sein. Nur die Knochen der Anna Brümmer werden wohl verschollen bleiben. "Wo ihr Grab lag, dafür haben wir leider überhaupt keinen Anhaltspunkt", sagt Alsdorf. Ein Denkmal soll sie trotzdem bekommen - als Hauptperson in einem seiner Romane.

Das Glas wird jetzt im Schwedenspeicher in Stade ausgestellt.

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz
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Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
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Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.

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