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05. Oktober 2017, 18:00 Uhr

Fund an der Elbmündung

Hafencity für Germanen

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Nahe der Elbmündung haben Archäologen eine versunkene Siedlung samt Hafen gefunden. Ab dem ersten Jahrhundert entstand hier ein wichtiger Handelsplatz. Hier war das wilde Germanien selbst für Römer erträglich.

Die Römer, so die gängige Lehrmeinung, haben sich nicht bis an die Elbe getraut. Zu nass war ihnen die sumpfige Gegend um die Flussmündung, berichtet der römische Gelehrte Plinius, "in der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört". Um einigermaßen trocken zu bleiben, schreibt Plinius, werfen die dort lebenden Stämme der Chauken Erdhügel auf, "die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind".

Hauptnahrungsquelle seien nach Ablauf des Wassers auf diesen Warften zurückgebliebene Fische. Gekocht und geheizt wurde mit Torf: "Indem sie den mit den Händen ergriffenen Schlamm mehr im Winde als in der Sonne trocknen, erwärmen sie ihre Speise und die vom Nordwind erstarrten Glieder durch Erde." Kurzum: kein guter Ort für einen Römer.

Nie hat jemand am Unterlauf der Elbe nach größeren Siedlungen oder gar römischen Spuren gesucht. Aber dann entdeckten Archäologen des Landkreises Stade vor drei Jahren südlich der Elbmündung in einem Acker in der Nordkehdingen Elbmarsch eine Siedlung samt Hafen. "Es war ein Ort, an dem zumindest einige Römer, wenn nicht sogar sesshaft, dann zumindest oft und gern gesehene Gäste waren", sagt Archäologe Daniel Nösler.

Mit bloßem Auge ist heute kaum noch etwas von der Siedlung zu erkennen. Das Land sieht wieder in etwa so aus, wie Plinius es vor 2000 Jahren beschrieb: feucht, flach und baumlos. Nösler zeigt mit ausgestrecktem Arm nach Norden: "Da ist es!" Schaut man genau hin, erkennt man tatsächlich eine leichte Erhebung im Feld: Ganze 1,20 Meter liegt das ehemalige Siedlungsareal höher als der umgebene Acker. Die ersten Spuren entdeckte der Grabungstechniker Dietrich Alsdorf auf einem Luftbild. Deutlich zeichneten sich darauf mehrere verlandete Wasserläufe ab. Dazwischen lag vermutlich der Hafen.

Mittlerweile entdeckten die Archäologen zahllose Münzen, Perlen, Scherben römischer Gefäße und sogar ein Fragment einer römischen Bronzeskulptur. Die Funde sind eindeutig: Dies war kein verschlafenes Fischerdorf.

Es war eine Metropole mit weitreichenden Handelsbeziehungen - nicht nur ins Römische Reich. Zwei frühmittelalterliche Münzen brachte jemand aus Venedig mit. Eine Schnalle mit Pferdeköpfen weist auf die britischen Inseln.

Bemerkenswert sind aber vor allem die Spuren römischen Luxuslebens: ein Silberlöffel, Schmuck, auch ein Teil von einem römischen Brustpanzer. Nösler dreht eine goldene Münze zwischen den Fingern: "Dieses besonders wertvolle Stück zeigt uns, dass es hier - mitten in Germanien - eine Elite gab, die im engen Kontakt mit dem römischen Imperium stand."

Als Plinius in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus die nassen Erdhügel der Chauken beschrieb, hatten schon die ersten römischen Schiffe im Hafen geankert. "Die Elbe war ursprünglich in den Plänen der römischen Kaiser als Nordostgrenze des römischen Imperiums vorgesehen", erklärt Nösler. "Es hat mindestens zwei Militäroperationen Richtung Elbe gegeben, eine im Jahr neun vor Christus und eine fünf nach Christus. Dann aber hat die verheerende Niederlage der Römer in der Varusschlacht dieses Vorhaben auf Dauer verhindert."

Der neu entdeckte Hafen an der Elbmündung erzählt nun davon, was stattdessen geschah: Man trieb gemeinsam Handel. Außerdem verdingten sich zahlreiche Germanen im römischen Heer als Söldner. Hatten sie die Dienstzeit überlebt und kehrten als Veteranen in ihre norddeutsche Heimat zurück, hatten sie im Gepäck Goldmünzen, Silberlöffel und hübsches Geschirr dabei.

Einem solchen Veteranen wird die goldene Münze mit dem Kopf des römischen Herrschers Magnentius gehört haben, der am 18. Januar 350 als erster Germane zum römischen Kaiser ausgerufen wurde. Die Münze wurde mit einer Öse versehen, sodass sie mit einem Lederband um den Hals getragen werden konnte. "Der Besitzer war wahrscheinlich ein germanischer Söldner, der so stolz auf 'seinen' Kaiser war, dass er sich die Münze mit dessen Konterfei zum Schmuckstück umarbeitete", vermutet Nösler.

Die Elbe verließ den Hafen

Bis in das elfte Jahrhundert hinein reichen die Funde des Hafenorts. Fast 20 Hektar umfasste die Siedlungsfläche. Damit war sie so groß wie das frühmittelalterliche Hamburg. Am Ende aber verließ die Elbe den Hafen. Schlick und Sedimente sorgten dafür, dass die Priele verlandeten, der Fluss wanderte weiter nach Norden.

Um das Jahr 1000 konnten keine Schiffe mehr festmachen. Gierig vereinnahmten die flussaufwärts gelegenen Städte Stade und Hamburg den zusätzlichen Warenverkehr. Die Holzhäuser des ehemals so prächtigen Hafenorts verrotteten. Bauern pflügten die letzten Reste unter und säten Weizen auf dem flachen Hügel. Der Name des Hafens geriet in Vergessenheit.

Zwar ist schon jetzt klar, dass Plinius in seiner Beschreibung der Elbmarsch einiges unterschlug. Doch wie groß und prächtig der Hafen tatsächlich war, den er seinen Lesern vorenthielt, lässt sich bislang nur ahnen. "Alle Funde, die wir bisher haben, stammen ja nur von der Oberfläche", zieht Nösler Bilanz. "Hier liegt alles dicht gepackt. Bei einer ersten Probegrabung sind die Archäologen vom Wilhelmshavener Institut für Küstenforschung sofort auf Häuserreste gestoßen." Nöslers Blick streift über die kaum sichtbare Erhebung im Acker. "Aber im Grunde genommen haben wir noch nicht einmal angefangen."

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