Archäologie im Eismeer Echolot spürt 1940 gesunkenen Zerstörer auf

Es war ein Zufallsfund: Die norwegische Marine wollte bei einem Manöver nur ein neues Echolot ausprobieren - und entdeckte dabei das Wrack des letzten noch vermissten britischen Zerstörers aus dem Zweiten Weltkrieg.


Nordnorwegen ist im Winter ziemlich ungemütlich. Eisiger Wind, Blizzards, Dunkelheit. Deshalb machen sich jedes Jahr die britischen Royal Marines dorthin auf, um in dem rauen Wetter den Ernstfall zu proben. "Wenn du in Norwegen kämpfen und überleben kannst", so sagen sie, "dann kannst du es überall auf der ganzen Welt". Gemeinsam mit der norwegischen Marine, die dabei den Part des Feindes übernimmt, führen sie jedes Jahr ein Manöver durch.

Auch in diesem Jahr bekämpften sich Briten und Norweger übungshalber im Eiswasser, in Vorbereitung auf den Einsatz der britischen Truppen in Afghanistan später im Jahr. Mit von der Partie waren auch einige Spanier, Deutsche, Belgier und Niederländer, insgesamt über 3000 Mann auf 25 Schiffen und U-Booten.

Doch es geht in Nordnorwegen nicht nur um den Kampfeinsatz, es geht auch um die Bildung eines Teamgeistes. Und dazu bot sich am Rande der Gefechtsübung eine ganz besondere Gelegenheit. Die "HNoMS Tyr", ein spezielles Tauch- und Expeditionsschiff der Norweger, fand während des Manövers auf dem Grund des Ofotfjord das Wrack des britischen Zerstörers "HMS Hunter". Gesunken in der Schlacht um Narvik, der ersten großen Seeschlacht des Zweiten Weltkriegs, um 5.30 Uhr in der Frühe des 10. April 1940. 110 der ursprünglich 145 Mann Besatzung kamen dabei ums Leben. Es war das letzte große Kriegsschiff der Royal Navy, das bis dahin noch nicht gefunden war. Die Norweger haben es für die Briten entdeckt – ein echter Freundschaftsdienst am Rande der "Kampfhandlungen".

Knapp 2000 Tonnen Stahl auf dem Meeresgrund

Eigentlich wollte die Mannschaft der "HNoMS Tyr" in dem Manöver nur das neue Echolot ausprobieren. Da boten sich die Tiefen des Fjords an, auf dessen Wassern zu Beginn des Krieges die Alliierten und die Deutschen um den Erzhafen Narvik kämpften. Zwar wusste man, dass dort das Wrack der "HMS Hunter" liegt, aber gesucht wurde danach noch nie. Ein ideales Testobjekt also für die "Tyr". Die Besatzung scannte sorgsam Meter für Meter den Boden des Fjords. Plötzlich erfasste das Echolot in 305 Metern Tiefe eine ungewöhnliche Struktur.

Für die feinmechanischen Arbeiten hat das Expeditionsschiff ein Mini-U-Boot an Bord. Das ferngesteuerte "Scorpio 21 ROV" kam nun zum Einsatz. Und endlich, nach 14 Stunden Suche, schwenkte die Kamera über die Konturen eines britischen Zerstörers. Mit Ablagerungen bedeckt, Algenfäden an der Reling, aber dennoch ganz klar zu erkennen. 1880 Tonnen Stahl. Zwei mal vier Torpedorohre. Und dann erschien es auf dem Übertragungsbildschirm im Kontrollraum oben an Deck: Das Wappen des Schiffes mit dem Schriftzug Hunter. Ein Volltreffer für die "Tyr".

Es ist nicht der erste Wrackfund für das norwegische Spezialschiff. Den deutschen Kreuzer "Scharnhorst" hat sie schon entdeckt, ebenso wie die deutschen U-Boote U-864 bei Fedje und U-735 bei Horten, die ebenfalls im Zweiten Weltkrieg sanken.

"Die HNoMS Tyr nimmt oft auch bei der Suche nach vermissten Schiffen oder der Besatzung verunglückter Schiffe teil", erklärt Oberstleutnant John Øglænd, Pressesprecher der norwegischen Marine. Im Mai 1997 fand sie nach einem Unfall das Wrack einer norwegischen F-16 im Bindalsfjord, und im November 1999 war sie zur Stelle, als es galt, nach einem Fährunglück in der Nordsee die Toten aus der "M/S Sleipner" zu bergen.

"Haltet den Feind beschäftigt!"

Nachdem das U-Boot der "HNoMS Tyr" den Fundort dokumentiert und vermessen hatte, konnten die Briten mit einer würdevollen Zeremonie Abschied von den gefallenen Kameraden unten auf dem Fjordgrund nehmen. In Formation fuhren vier britische und ein norwegisches Kriegsschiff über das Wrack. Die Royal Navy ehrte die Toten, indem sie ein Tot Rum über die Reling kippte. Das Tot war noch bis 1970 das Maß Rum, das täglich jedem Soldaten der Royal Navy ausgeschenkt wurde.

Auf dem Flaggschiff "HMS Albion" warfen die beiden jüngsten Crewmitglieder, der 17-jährige Techniker Joe George und die ebenfalls 17-jährige Vollmatrosin Yasmin Thornton, einen Kranz über Bord. Dann flaggte das Schiff den letzten Befehl von Captain Warburton-Lee, bevor dieser mit der Hunter gesunken war: "Haltet den Feind beschäftigt!" Als die Schiffe schließlich aus den Gewässern des Fjordes zurück an die englische Küste aufbrachen, morsten die Funker zum Abschied: "Seid getrost, wir sehen uns wieder!"

Was passiert nun mit dem Wrack der "HMS Hunter"? "Es wird zum Kriegsgrab", erklärt Oberstleutnant Øglænd im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das Schiff soll ungestört bleiben, damit die toten Soldaten dort in Frieden ruhen können. Tauchen darf man dort zum Beispiel nun nicht mehr."

Überlebende bewegt von dem Fund

In England löste die Nachricht von dem Fund gemischte Gefühle bei den Überlebenden des Unglücks aus. Der heute 87-jährige John Hague aus Manchster war 19, als er auf der "HMS Hunter" diente. Er erinnert sich noch heute an den Ruck, der durch das Schiff ging, als es von seinem Schwesterschiff, der "HMS Hotspur", gerammt wurde. Die Deutschen hatten die Ruderanlage der "Hotspur" außer Gefecht geschossen. Die "Hunter" begann, sich gefährlich zu neigen. Hague lief an Deck. "Es fühlte sich an, wie in einen Gefrierschrank zu treten", beschreibt er seine Erinnerungen in einem Interview mit der BBC. "Es war eisig, ein Blizzard wehte, und ich wusste, meine einzige Chance war, ins Wasser zu springen."

Kurze Zeit später zogen ihn dann deutsche Seeleute heraus. "Ich bin so glücklich und überwältigt, dass die "HMS Hunter" nach so vielen Jahren gefunden wurde", sagte Hague gegenüber einem Sprecher der Royal Navy, als er von der Entdeckung erfuhr. "Meine Tochter in Cornwall wird für mich Blumen auf die See legen, die sind für meine toten Kameraden."

Den heute 89-jährigen James Renshaw nahm die Entdeckung des Wracks sehr mit. "Ich bin geschockt", sagte er unter Tränen einem Sprecher der Royal Marines, der die Nachricht überbrachte. "Ich habe über einhundert Freunde, quasi meine Familie, verloren, als die 'Hunter' sank. Seitdem ist kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht an sie gedacht hätte."



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