Archäologie im Krisengebiet Geheimnisvolle Festung am Rande der Wüste

Archäologen haben am Rande des Gaza-Streifens ein mysteriöses Gebäude entdeckt - eine stark befestigte Anlage mitten im Nichts. Die Lösung des Rätsels dürfte auf sich warten lassen: Politische Wirren und misstrauische Beduinen behindern die Ausgrabung.


Beer Sheva - Die Feinde kamen sehr schnell. Zwar hatten sich die Ägypter in der Vergangenheit sicher gefühlt in den dicken Mauern ihrer befestigten Residenz - aber diesmal würden die Verteidigungsanlagen dem Angriff nicht standhalten. Hastig rannten die Menschen aus ihren Quartieren. Die Frauen ließen die Töpfe auf den Kochstellen stehen, nicht einmal ihren Schmuck konnten sie mehr zusammensuchen.

Ausgrabungen in Kubur al-Waleida: Forscher stauen über befestigten ägyptischen Residenzbau
Sky View Photography/Ben Gurion

Ausgrabungen in Kubur al-Waleida: Forscher stauen über befestigten ägyptischen Residenzbau

Das ist alles, was über die Ereignisse am Ende der Bronzezeit in der Siedlung mit dem heutigen Namen Kubur al-Waleida bekannt ist. Wer den Ort am Übergang vom fruchtbaren Küstenstreifen Israels zur Wüste Negev überfallen hat, ist unklar. Die Eroberer haben keine Hinweise auf ihre Identität in den Mauern von Kubur al-Waleida hinterlassen - keine Waffen, keine Keramik, nicht einmal Brandspuren deuten auf eine Verwüstung der Gebäude hin, auch für eine Siegesfeier gibt es kein Anzeichen. Die Angreifer interessierten sich weder für die monumentale Architektur der Anlage, noch übernahmen sie die Felder und Äcker der Vertriebenen. Anscheinend zogen sie ebenso schnell wieder fort, wie sie gekommen waren. Für drei Generationen fegte fortan nur der Wind durch die Gemäuer.

"Wir waren ziemlich überrascht, als wir das alles fanden", sagt Gunnar Lehmann von der Ben Gurion University in Beer Sheva. Denn der Archäologe war eigentlich ausgezogen, ein Philisterdorf aus der Eisenzeit zu finden. Bei ersten Feldbegehungen am östlichen Ufer des Flusses Nahal Besor steckte Lehmann das Terrain ab: etwa vier Hektar, ein Dorf mittlerer Größe. Als die Arbeiten begannen, sah das Dorf der Philister zunächst aus wie ein Fund aus dem Lehrbuch: Ölpressen, Webstühle, ein Ofen, Abfallgruben, und alles voll von Keramik aus der frühen Eisenzeit, dem späten 12. und 11. Jahrhundert vor Christus. Alles gut zu datieren und gut zu bestimmen. Eine kleinere Siedlung existierte noch bis ins 7. Jahrhundert.

In der einen Hand die Bibel, in der anderen einen Spaten

Unter den dünnen Mauern der Hütten lagen noch weitere Schichten. Die Ausgräber stießen auf gewaltige, teilweise über zwei Meter dicke Wälle. Die Scherben und Amulette zwischen den Steinen ließen keinen Zweifel daran, wer die Anlage bewohnt hatte: Ägypter. Ein befestigter ägyptischer Residenzbau – am Rande der Negev, im freien Feld.

"Über die Funktion des Gebäudes wissen wir wenig", sagt Lehmann. "Wir haben jede Menge Wein- und Ölkrüge gefunden. Das lässt darauf schließen, dass hier eine Art Verwaltung für die landwirtschaftliche Nutzung eines großen Gebietes saß." Vielleicht war der Bau sogar eine staatliche Anlage. Doch gegen welche Angreifer mussten sich die Verwalter mit den dicken Mauern verteidigen? Warum zogen sie einen repräsentativen Bau ausgerechnet dort hoch, wo es niemanden gab, der ihn bewundern konnte?

Sicher ist: Die Siedler von Kubur al-Waleida waren nicht die einzigen, die am Ende der Bronzezeit ihre Habseligkeiten packten. Nach 400 Jahren Siedlungszeit zogen sich die Ägypter aus dem Gebiet des heutigen Israels zurück. Warum, weiß man nicht. In Kubur al-Waleida lagen die Ruinen für etwa 60 bis 80 Jahre brach - ehe die Philister kamen und ihr neues Dorf auf die letzten dicken Mauern bauten, die noch standen.

Weder die Funde noch Schilderungen des Lebens in der Bibel konnten bisher eine Antwort auf die Fragen von Kubur al-Waleida geben. Dabei waren neben Archäologen auch Theologen an der Ausgrabung beteiligt. "Hier in Israel ist es üblich, dass Theologen und Archäologen eng zusammen arbeiten", erklärt Lehmann. "Die einen kommen mit der Bibel in der Hand, die anderen bringen den Spaten."

Beduinen bangten um ihre Gräber

Dass die Ausgrabung in unmittelbarer Nachbarschaft des Krisengebiets Gaza stattfindet, wurde für die kanadischen Wissenschaftler zum Problem. Die Versicherungen weigerten sich, die Archäologen für Ausgrabungen in Krisengebieten zu versichern. So durften die Kanadier zwar als Privatleute auf der Grabung erscheinen, nicht jedoch als Angehörige der Universität. Dabei ist das Leben und Arbeiten in Kubur al-Waleida tatsächlich eher beschaulich.

"Zwischen der Grabung und dem Gaza-Streifen liegen zwölf Kilometer", erklärt Lehmann. "Das ist sehr weit weg." Man gewöhne sich an die ständige Bedrohung und stumpfe ab. "Natürlich liegen wir in der Reichweite der Raketen. Aber warum um alles in der Welt sollten sie die auf einen Haufen Archäologen in der Wüste richten? Wir sind halt einfach kein attraktives Ziel."

Die einzigen, die die Archäologen als Bedrohung empfanden, waren die Beduinen vom Stamm der Bani Walaydah. Nach einem ihrer Gräberfelder ist der Ort Kubur al-Waleida benannt. "Eines Tages stand hier plötzlich eine Abordnung der Bani Walaydah auf der Grabung – im vollen Ornat", erzählt Lehmann, die Männer bangten um die Gräberihrer Vorfahren. Doch die Archäologen konnten den Beduinen beruhigen.

Ursprünglich hätten auch palästinensische Kollegen mit von der Partie sein sollen. Doch am selben Tag, als die Archäologen ihr Projekt besprachen - am 28. September 2000 - begann in Jerusalem die zweite Intifada. Die politischen Ereignisse setzten der Zusammenarbeit erst einmal ein Ende. Die palästinensische Regierung sieht es nicht gerne, wenn ihre Archäologen Seite an Seite mit israelischen Kollegen im Sand graben. Jede Scherbe, jede Mauer könnte von den Israelis genutzt werden, um einen historischen Anspruch auf das Land zu rechtfertigen. "Das", sagt Lehmann, "ist in etwa so, als würden wir in Deutschland Herrmann den Cherusker für politische Argumentationen heranziehen."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.