Ausgegraben

Ausgegraben - Neues aus der Archäologie Die geplagtesten und kränksten Skelette Ägyptens

Auf Wandbildern erscheint die Stadt Amarna als eine Art Paradies. Tatsächlich war das Leben unter Pharao Echnaton aber die Hölle, wie Forscher nun herausfanden. Außerdem im Wochenrückblick: Ein Angelhaken, der schon in der Eiszeit eine echte Antiquität war und Neues aus der Welt der Meeresschnecken-Mode.

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Geschichte lässt sich fälschen. Die Archäologie aber bringt die Wahrheit unweigerlich an den Tag. Einen kruden Fall von Geschichtsfälschung hat das Team um Jerome Rose von der University of Arkansas im ägyptischen Amarna aufgedeckt. Die Wandgemälde dort porträtieren die Stadt unter der Herrschaft des Pharao Echnaton als eine Art Paradies. Fette Tiere und üppig gefüllte Speicher erzählen vom Überfluss. Doch die Archäologen des Armana Projects haben auf dem Friedhof der Stadt ein ganz anderes Szenario vorgefunden. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Antiquity berichten die Forscher von den Ausgrabungen dort: "Wir haben dort die geplagtesten und kränksten antiken Skelette gefunden, die aus Ägypten bekannt sind."

Knochenfund: Von wegen Leben im Überluss Zur Großansicht
Amarna Trust

Knochenfund: Von wegen Leben im Überluss

Schon die Abwesenheit von Särgen ist ein Zeichen äußerster Armut - in einer Gesellschaft, in der aufwendige Särge so wichtig für die Repräsentation der Toten waren. Die meisten der Verstorbenen waren nur in einfache Matten eingerollt. Einer der wenigen Särge war zwar mit Hieroglyphen bemalt - doch sie sind unleserlich, gemalt von einem Analphabeten für Kunden, die ebenfalls Analphabeten waren. Die Knochen selbst zeugen von unwürdigen Lebensbedingungen. Die Anthropologin Kathleen Kuckens hat die Skelette untersucht. Viele der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 25 Jahren litten an Skorbut oder Rachitis, beides Zeichen schwerer Mangelernährung. Darauf deuten auch Rillen in den Zähnen hin, die ebenfalls durch eine mangelhafte Ernährung entstehen.

Kinder über achteinhalb Jahren waren oft Kleinwüchsig. An ihren Knochen konnte die Forscherin auch zeigen, warum: Sie mussten schon in ganz jungen Jahren sehr schwere Arbeit verrichten. Auch den Erwachsenen erging es nicht besser. Über 75 Prozent litten an Arthrose, 67 Prozent hatten mindestens einen Knochenbruch erlitten.

Diese außergewöhnlich schwere körperliche Belastung der Einwohner Amarnas könnte mit einer neuen Erfindung zusammenhängen: den Talatat. Diese Steinblöcke sind mit etwa 70 Kilogramm gerade so schwer, dass ein Arbeiter sie noch allein bewegen kann. Viele der Gebäude Amarnas sind aus Talatat errichtet. Die Stadt wurde um 1350 v. Chr. von Echnaton als neue Hauptstadt in Auftrag gegeben. Zuvor hatte der Vater Tutanchamuns die alten Götter Ägyptens degradiert und den Sonnengott Aton über alle anderen gestellt.

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terviseks 17.03.2013
wernerz 17.03.2013
Tiananmen 17.03.2013
Stimmviech 17.03.2013
Tiananmen 17.03.2013
Stimmviech 17.03.2013
adam. 17.03.2013
hirnschlacht 17.03.2013
nilaterne 17.03.2013
lalowa 18.03.2013
schimpansengirl 04.04.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.