Archäologie Müritz-Ötzi soll seine Geheimnisse preisgeben

Er starb vor mehr als 4000 Jahren, nun sollen seine Todesumstände geklärt werden: Archäologen in Mecklenburg-Vorpommern wollen mit einer Computertomografie klären, ob der "Müritz-Ötzi" bei einer steinzeitlichen Schädeloperation sein Leben ließ.


Neustrelitz - Eine schmucklose Holzkiste, kaum 30 mal 40 Zentimeter groß, ist die vorerst letzte Ruhestätte für "Müritz-Ötzi". Mecklenburg-Vorpommerns Chefarchäologe Detlef Jantzen wuchtet in Neustrelitz das schwere Behältnis aus dem Depotregal, öffnet den Deckel der Kiste mit der Kennzeichnung "Inventar 2007/1045-244" und gibt den Blick frei auf einen in Sand eingebetteten bräunlichen Menschenschädel.

"Genau so hat unser Grabungsteam am 5. September 2007 am Südufer der Müritz die Überreste des Steinzeitmenschen aus der Erdkrume gekratzt", sagt er. Seitdem wird der nach Ansicht von Fachleuten sensationell gut erhalten gebliebene Fund als der wohl älteste Ahne Mecklenburgs gehandelt und sogar mit der Mumie des nur 1000 Jahre älteren Ötzis aus Südtirol verglichen.

Bislang wurde der nur leicht eingedrückte Schädel nicht vollständig aus dem Erdreich gelöst. Auch die Füße - Schuhgröße 37 - wurden zunächst nur im Block geborgen und in einer weiteren Kiste verpackt. Zu groß ist die Gefahr, dass die feingliedrigen und porösen, mehr als 4000 Jahre alten Knochen zerbröseln. "Wir wissen bislang nur, dass es sich hier vermutlich um einen etwa 30-jährigen Mann handelte, der etwa 2400 vor Christus in einer einfachen Bodenbestattung in der damals typischen Hockerstellung und mit einer Axt als Beilage zu Grabe getragen wurde", sagt Jantzen.

Dass nahezu das komplette Skelett eines so alten Vorfahren derart gut überdauerte, werten die Archäologen im Norden als Glücksfall. Denn die Grabstätte in nur knapp 50 Zentimetern Tiefe in Vietzen bei Rechlin blieb nicht nur von neuzeitlichen Traktorpflügen verschont. Auch schon Ackerbauern der Bronzezeit, die tausend Jahre nach dem Tod von "Müritz-Ötzi" auf der Anhöhe Hunderte Gruben für Vorräte oder Abfälle gebuddelt hatten, waren nicht auf den Vorfahren gestoßen. Und nicht zuletzt verhütete der besonders kalkhaltige Boden, dass sich die Gebeine nicht im Laufe der Jahrzehnte auflösten.

Woran der Mann einst starb, ist bislang unklar. Eine verdächtige kreisrunde Schädelöffnung deutet darauf hin, dass er an den Folgen eines steinzeitlichen "chirurgischen Eingriffs" zu Tode gekommen sein könnte. Deshalb soll der Totenkopf nun in Rostock einer Computertomografie unterzogen werden. Der Rostocker Professor für Neurochirurgie, Jürgen Piek, der als Spezialist für sogenannte Trepanationen aus der Frühzeit gilt, will durch die dreidimensionale Röntgenuntersuchung Aufschlüsse über die Todesumstände erhalten. Und die Archäologen hoffen, dass die Scanner-Untersuchung auch Hinweise darauf bringt, wie man den noch immer halb im Erdreich steckenden Schädel ohne Schaden komplett freilegen kann.

Ralph Sommer, ddp



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