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Ausgegraben

Archäologie Rätsel um den Nordsee-Gasthof

Rätselhaftes Restaurant: Porzellan und Münzen Fotos
Thomas Schult

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Wer verkehrte in dem mysteriösen Gasthof, dessen Spuren Archäologen an der Nordsee gefunden haben? Edles Geschirr weist auf bessere Gesellschaft, Gewehrkugeln auf düstere Gestalten. Verstreute Münzen zeigen, dass viel gesoffen wurde.

Trafen hier am Ufer der Oste ruppige Arbeiter und Schiffer auf feine Gesellschaft? Wer im 18. Jahrhundert von der Nordsee kommend auf einem Kahn die Oste im Norden Niedersachsens entlangfuhr, konnte das Gasthaus schon von weitem sehen.

Es lag in einer Schleife des Flusses und lockte den Reisenden mit seltenen Genüssen: mit einer Tasse Kaffee oder sogar mit den neumodischen getrockneten Blättern, die man mit heißem Wasser aufgießen konnte.

Nach langen Kilometern der Einöde zu beiden Seiten des Flusses versprach das Gasthaus von Blumenthal eine kleine Oase des Luxus.

Drei Wochen hat ein Team um Donat Wehner von der Christian-Albrechts-Universität Kiel mit Unterstützung der Landkreisarchäologie Stade nach Spuren des Gasthauses gegraben, das 1768 erstmals auf einem Kartenblatt der Kurhannoverschen Landesaufnahme erwähnt wurde.

"Das hätten wir nicht erwartet"

"Der Gasthof hat uns überrascht", sagt Wehner. "So etwas hier hätten wir nicht erwartet", sagt er und holt eine zarte Porzellanscherbe aus einem der Tütchen.

Sie stammt von einer Tasse der Königlichen Porzellanmanufaktur, hergestellt im fernen Berlin. So ein Geschirr würde man in einem teuren Ausflugslokal vermuten, wo feine Damen im Sommer auf der Terrasse ihre Sonnenschirmchen aufspannen. Nicht aber in einem Flußgasthof, wo Schiffer und Saisonarbeiter aus der nahen Ziegelei möglicherweise nicht alle Konflikte nur mit den Fäusten lösten - wie der Fund einer Bleikugel aus einer Handbüchse nahelegt.

Den Kaffee als Genussmittel lernen die Menschen in den norddeutschen Städten etwa um die 1720er Jahre schätzen. Auf dem Land kommt die Mode erst später, um die Mitte des 18. Jahrhunderts, an. Tee erobert sogar noch später die Tassen der feinen Gesellschaft, gegen Ende des 18. Jahrhunderts schaut man sich die Zubereitung von den Engländern ab.

Das feine Porzellan ist indes nicht der einzige Hinweis auf das mondäne Publikum des Gasthofes. Wehner wühlt nach weiteren Tütchen. "Dies ist der Kopf einer hochwertigen Tabakpfeife, die in den Niederlanden hergestellt wurde", erklärt er.

Teile der Löhne gefunden

Pfeifenköpfe gehören zu den häufigen Funden aus dem Gasthaus. Sie erzählen von den Gästen und ihren Herkunftsorten: ein Kopf stammte aus dem rund 300 Kilometer entfernten Uslar, ein anderer ist aus hochwertigem bemaltem Porzellan gefertigt.

Vor allem ein Fund aber bestärkt Wehner in seiner Vermutung, dass dieser Ort kein gewöhnlicher Landgasthof war: eine Schreibgriffelspitze aus Buntmetall. Mit ihm konnte man Notizen in eine Wachstafel ritzen. Nur wer tat das am Ufer der Oste?

"Gegen Ende des Mittelalters konnten weniger als zehn Prozent der Männer schreiben - und Frauen, die das konnten, gab es so gut wie gar nicht", erzählt Wehner. Die alphabetisierte Bevölkerung aber hielt sich überwiegend in den Städten oder in den Klöstern auf - und nicht in Landgasthöfen zwischen Schiffern und Zieglern.

Dass die Ziegler tatsächlich auch in den Wirtshof kamen, um ihren Lohn in alkoholische Getränke umzusetzen, konnten Wehner und seine Studenten ebenfalls nachweisen. "Wir haben Teile dieser Löhne gefunden", sagt er und zeigt den Deich entlang nach Norden in das Grau des Regens hinein.

Verlorene Münzen

"Die Münzen lagen entlang des ganzen Weges zwischen Gasthof und Ziegelei. Wahrscheinlich sind sie betrunkenen Arbeitern auf dem Heimweg aus den Taschen gefallen."

Wann der erste Gasthof an dieser Osteschleife gebaut wurde, kann der Archäologe am Ende der ersten Grabungskampagne noch nicht sagen: "Wir haben die untersten Schichten noch nicht erreicht. Am Ende brach immer wieder Wasser in den Schnitt ein, da mussten wir aufgeben."

Bereits jetzt sind die Ausgräber aber schon im frühen 16. und sogar im 15. Jahrhundert angekommen. In der anderen Richtung hören die Funde dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf: "Als neue Brücken, Chausseen und Eisenbahntrassen gebaut wurden, verlor der Schiffsverkehr auf der Oste an Bedeutung. Die Kundschaft blieb aus - und der Gasthof wurde unter dem Schlick von Sturmfluten begraben."


Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Artikels wurde der Fundort statt in Niedersachsen in den Niederlanden verortet. Wir haben den Fehler korrigiert und bedauern ihn.

12 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
gerd-ehlermann 04.01.2016
Emmi 04.01.2016
tomquixote 04.01.2016
MonsieurAlex 04.01.2016
Hoss_Cartwright 04.01.2016
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sebastian_bank 04.01.2016
spon-41s-8ch0 04.01.2016

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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