Archäologie Raubgräber-Krimi um altes Römerlager

Bei Göttingen ist eine gewaltige römische Wehranlage entdeckt worden. Grabungen förderten mehr als 250 Metall- und Tonobjekte zu Tage, darunter vor allem Waffen. Den entscheidenden Tipp bekamen die Archäologen ausgerechnet aus der Raubgräber-Szene.

Von Philip Stirm


Lanzenspitze aus dem Römerlager bei Göttingen: "Wissenschaftliche Sensation"
Michael Beuermann

Lanzenspitze aus dem Römerlager bei Göttingen: "Wissenschaftliche Sensation"

Raubgräber hatten schon 1985 ein Auge auf den unscheinbaren Hügel in einem Wald bei Göttingen geworfen. Erst mit Verspätung bekamen die Behörden Wind von der Sache. Ein Banker mit einem Faible für historische Kunstgegenstände, der seinerzeit in direktem Kontakt zu Raubgräbern stand, erzählte Klaus Grote 1998 von der Entdeckung römischer Münzen. "Wir hielten das für unglaubwürdig", sagt Grote, Archäologe des Landkreises Göttingen, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er hielt den Hügel für eines von vielen Germanenlagern.

Das änderte sich schlagartig im Jahr 2000, als Grote der entscheidende Fund gelang: In dem bis dahin undatierten Wall auf dem Hügel entdeckte er einen römischen Wurfspeer, ein so genanntes Pilum. "Damit hatte ich letzte Gewissheit, dass es sich hierbei nur um ein Römerlager handeln konnte."

Geheimhaltung soll Raubgrabungen verhindern

Die 350 mal 150 Meter große Hauptanlage ist von einem gut erhaltenen Wehrwall und einem Graben umgeben. Das Lager diente wahrscheinlich als Basis für Feldzüge gen Norden. Außerdem schließen sich einige kleinere Lager an, die noch näher untersucht werden müssen. Die Wissenschaftler sind bereits im Winter 2003 auf das Areal aufmerksam geworden, präsentierten es aber erst jetzt der Öffentlichkeit. Der Grund für die Geheimhaltung: Die Archäologen hatten Angst vor weiteren Raubgrabungen.

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Archäologie-Krimi: Römerlager bei Göttingen entdeckt

Unter möglichst hoher Geheimhaltung nutzten die Forscher die ersten Monate dieses Jahres, um das Gelände großflächig abzusuchen. Besonders stolz sind sie auf vier gut erhaltene, 40 Zentimeter lange und teilweise reich verzierte Pionieräxte. "Ein seltener Fund, da diese aufwändigen Arbeiten von den Legionären normalerweise gut gehütet und nicht liegengelassen wurden", so Grote.

Archäologe Grote: "Stücke haben hohen historischen Wert"
DDP

Archäologe Grote: "Stücke haben hohen historischen Wert"

Die Archäologen buddelten noch andere spektakuläre Artefakte aus dem Boden: Katapultbolzen, Streitäxte, Stoßlanzen, Sicheln und Münzen kamen nach und nach ans Tageslicht. Die Objekte lassen auf eine militärische Nutzung des Lagers schließen: Grote vermutet, dass am Fundort bei Hedemünden ein Versorgungslager für die römischen Truppen auf dem Weg nach Norden gestanden hat. Der Wehrwall habe wahrscheinlich einige Holzhäuser, mit Sicherheit aber Zelte umgeben, was der Fund von Befestigungshaken belege.

"Die Raubgräber haben die Gegenstände 1998 mit ihren Detektoren wohl auch entdeckt, aber unter der Erde gelassen", glaubt Grote. Der Grund: "Eisenfundstücke müssen zunächst mit viel Arbeits- und Kostenaufwand restauriert werden. Das lohnt sich für Raubgräber nicht besonders." Für die Wissenschaftler dagegen um so mehr: "Diese gut erhaltenen Stücke haben einen sehr hohen historischen Wert."

Lager rund 2000 Jahre alt

Die Fachleute gehen davon aus, dass die Anlage im Zuge der Heerzüge unter Nero Claudius Drusus um 10 bis 9 vor Christus errichtet wurde. Das Römische Reich stand zu dieser Zeit nach langen Jahren als Republik erstmals unter der Herrschaft eines Kaisers: Augustus. Der wollte ganz wie sein Stiefvater Julius Cäsar das Imperium ausweiten und sandte seinen Stiefsohn Drusus nach Germanien.

Der drang mit seinen Legionen von Mainz über die Werrafurt bei Hedemünden bis an die Elbe vor, bevor ihn ein Unfall stoppte: Der Feldherr fiel vom Pferd und starb. Das Lager bei Hedemünden belegt diese Heerzüge nun anschaulich - eine wissenschaftliche Sensation, wie Grote meint: "So weit in Germanien ist bisher noch kein Römerlager gefunden worden."

Schien das Römische Reich im Zuge dieser erfolgreichen Heerzüge bereits große Teile Germaniens in die Reichsstrukturen einordnen zu können, machte Cheruskerfürst Arminius den Expansionsplänen 9 nach Christus einen Strich durch die Rechnung. In der berühmten Schlacht im Teutoburger Wald bei Kalkriese wurden die römischen Truppen unter ihrem Heerführer Varus vernichtend geschlagen. Der Anfang vom Ende der römischen Anstrengungen in Germanien, wie Grote weiß: "60 bis 70 nach Christus hatten die Römer genug und zogen den Limes hoch."



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