Latrinen-Archäologie Die stinken, die Römer

Die alten Römer galten wegen ihrer Latrinen und Kloaken als besonders hygienisch. Doch die antike Sanitärtechnik wird offenbar überschätzt. Die Toiletten waren regelrechte Keim- und Parasitenschleudern, wie Forscher herausgefunden haben.

"Gemeinsam Defäkieren": Blick auf die ausgegrabene antike Bedürfnisanstalt in Ostia Antica (Italien)
DPA

"Gemeinsam Defäkieren": Blick auf die ausgegrabene antike Bedürfnisanstalt in Ostia Antica (Italien)


Sauberes Wasser über die Aquädukte, öffentliche Bäder und sanitäre Einrichtungen: Die Kultur der alten Römer galt von jeher als besonders reinlich - das musste selbst die jüdische Widerstandsgruppe Volksfront von Judäa in der legendären Diskussionsszene in Monty Pythons Klamauk-Klassiker "Life of Brian" neidlos anerkennen.

Aber dass die Geschichtswahrnehmung nicht unbedingt die damalige Realität widerspiegelt, haben nun britische Forscher festgestellt. Denn die römischen Latrinen stanken wohl nicht nur zum Himmel, sondern waren auch noch Keimschleudern in einem bisher nicht vermuteten Ausmaß. Die Latrinen seien demnach maßgeblich verantwortlich für die Verbreitung von Krankheitserregern im ganzen Römischen Reich gewesen.

Viele Menschen litten zum Beispiel an Darmkrankheiten, die von den Erregern in den Latrinen übertragen und ausgelöst wurden, berichtet der Anthropologe Piers Mitchell von der Universität Cambridge im Fachjournal "Parasitology". Entgegen einer allgemeinen Annahme brachten die Toiletten laut seiner Studie keine wesentlichen Verbesserungen im Gesundheitssystem.

Kotsteine voller Läuse, Flöhe oder Zecken

Gemeinschaftsklos sind seit dem ersten Jahrhundert vor Christus bekannt - als Sitzreihe für rund 50 Menschen, ohne Trennwände oder Privatsphäre. In vielen Fällen verrichteten Mann und Frau nebeneinander ihre Notdurft. Darüber hinaus war eine Latrine ein Privileg der Stadtbewohner. Rund 85 Prozent der Menschen lebten auf dem Land und nutzten die Natur, um sich zu erleichtern.

Mitchell untersuchte in antiken Gemeinschaftsklos sogenannte Koprolithe - das sind Kotsteine aus fossilen Exkrementen. Die Reste verglich er dann mit den Analysen aus Gräbern und Ausgrabungsresten. Dabei zeigte sich: In den Kothäufchen wimmelte es nur so an Überresten zum Beispiel von krankmachenden Läusen, Flöhen oder Zecken. Solche Überreste finden sich überall im einstigen Römischen Reich - von britischen Siedlungen bis nach Vorderasien.

Die Hygienemaßnahmen hatten laut Mitchell kaum positive Effekte auf die Gesundheit. Flöhe und Läuse hätten sich bei den Römern ebenso stark verbreitet wie zu Zeiten der Wikinger oder im Mittelalter. Dabei herrschten zu dieser Zeit aus hygienischer Sicht deutlich rauere Sitten: Im Mittelalter schüttete man die Fäkalien und schmutziges Wasser auf die Straße, bis diese festgetreten waren. Doch warum kamen dann die römischen Gemeinschaftstoiletten keiner hygienischen Revolution gleich?

Brutstätte für Bandwürmer

Eine von Mitchells Thesen besagt, dass das Wasser in öffentlichen Latrinen wohl eher selten ausgetauscht wurde und sich so eine Schlammschicht auf der Oberfläche gebildet haben könnte. Bisher ging man davon aus, dass ein Kanalsystem über Aquädukte und regelmäßige Wasserzulieferungen die Hygienestandards in öffentlichen Bädern verbessert hätten. "Offensichtlich waren die Badeanstalten jedoch nicht so hygienisch wie bisher angenommen", resümiert Mitchell laut einer Mitteilung.

Eine zweite Theorie geht noch weiter: In den Proben fand Mitchell immer wieder die Eier einer speziellen Art von Bandwürmern, die sich vor allem in Fischen einnistet. Der mögliche Grund: Die Römer liebten eine spezielle Fischsoße auf ihren Gerichten, das sogenannte Garum. Die Paste wird nicht gekocht, sondern steht lange Zeit in der prallen Sonne - ideale Bedingungen für den Fischbandwurm. "Heute würde man von ekligem Gammelzeug sprechen, damals war es das 'Maggi der Antike'", sagt Karl-Wilhelm Weeber, Altphilologe und Historiker von der Universität Wuppertal. Für ihn ist Mitchells Theorie plausibel. Durch intensiven Garum-Handel könnten sich die Parasiten weit verbreiten.

Der antike Lokus gibt jedoch noch andere tiefgründige Erkenntnisse preis: Weil die öffentlichen Latrinen durch die starke Nutzung schnell überzuquellen drohten, mussten sie in regelmäßigen Abständen ausgehoben werden. Doch wohin mit all den Exkrementen? Einzelne Aufzeichnungen legen nahe, dass diese auch auf den Feldern als Düngemittel eingesetzt wurden. Laut Mitchell hatte diese Maßnahme dramatische Konsequenzen: Die Parasiten gelangten mit der Ernte wieder auf die Märkte - schlecht für die Konsumenten.

Auch Weeber schätzt die Hygienevorschriften im alten Rom nicht hoch ein. Private Latrinen lagen meist unmittelbar neben der Küche, dort wurde auch der Hausmüll entsorgt. Einige Sammelklos wurden nur gegen einen kleinen Obolus gereinigt. In Prachtlatrinen trafen sich hingegen Angehörige der Oberschicht zum "gemeinsamen Defäkieren", so Weeber. Dabei tauschte man sich etwa über Stadtgerüchte oder Politik aus.

Claudia Thaler, dpa/joe

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Leser161 08.01.2016
1. ?
Die für ihre Zeit fortgeschrittenen Kloaken der Römer halten modernen Hygienestandards nicht stand? Römer doch voll eklig? Was erlaube Römer! Sorry, aber für den Stand der Zeit war das nunmal gut. Und selbst wenn in den Wald erleichtern auch damals schon hygenischer war. Es gab leider nicht genug Wald für alle Einwohner Roms*, da musste man das wohl anders lösen. *Prinzipiell schon, aber sie habens ja nicht geschafft Germanien zu erobern, ausserdem wäre die Reise dahin etwas beschwerlich gewesen. Nur fürs Geschäft.
xformer 08.01.2016
2. Falsch verstanden
Ein paar kleine Amerkungen zum Artikel: In dem Originalartikel ist die Rede davon, dass in den öffentlichen Bädern (nicht den Latrinen) ideale Vermehrungs- und Verbreitungsbedingungen für die Parasiten vorhanden waren. Es bildete sich dort möglicherweise eine infektiöse Schaumschicht auf dem Wasser und nicht eine Schlammschicht in den Latrinen. Die Latrinen selbst werden im Originalartikel nicht als Parasitenschleudern in dem Sinne bezeichnet, dass man sich dort infizierte, wenn man sie benutzte. Die Autoren sind der Meinung, dass die öffentlichen Latrinen zur Ausbreitung von Würmern beitrugen, weil die Fäkalien wahrscheinlich direkt zur Düngung von Feldern benutzt wurden und damit darin enthaltene Wurmeier an dem Gemüse hafteten und dann von den Konsumenten aufgenommen wurden. Das ist übrigens auch heute noch so. Wer heutzutage Gemüse roh und schlecht gewaschen oder geschält zu sich nimmt, wird aus dem gleichen Grund (Düngung mit zu frischen Fäkalien) mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Wurminfektion bekommen.
widder58 08.01.2016
3. Unglaubliche Erkenntnis
ohne diese wissenschaftlichen Sensationen hätte das sicher niemand gedacht. Wie hätte man auch darauf kommen können, dass öffentliche Haufenansammlungen Keime und Bakterien beherbergen.
kallebendt 08.01.2016
4. Liebe Redaktion,
es ist schon bemerkenswert, dass in Wissenschaftsartikeln auf SPON meistens die Kommentarspalte informativer ist als der eigentliche Artikel. Habt Ihr schon mal darüber nachgedacht, einfach einen von denjenigen einzustellen, die sich die Mühe machen, die Originalpublikation zu lesen und hier zu erklären?
Discordius 08.01.2016
5. ganz am ende
Ein gelernter Parasitologe muss natürlich etwas finden, wenn die Arbeit im Journal "Parasitology" veröffentlicht wird. Ein paar Vergleichswerte zur Verbreitung von Parasiten in unserer Zeit durch öffentliche Toiletten wäre angebracht. Es bleibt auch unklar, ob die Parasitenfunde auf eine Zeit zurückgehen, als die Latrinen und Bäder nicht mehr richtig funktionierten, also nach dem "Untergang des Römischen Reiches" an den jeweilgen Örtchen.
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