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Archäologie-Skandal: Deutsche Behörden ließen Steinzeit-Einbäume vergammeln

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Reste der Holzboote: Nur "klägliche Reste" übrig geblieben

Es klingt wie eine Provinzposse - und ist doch ein archäologischer Skandal europäischer Tragweite: In Mecklenburg-Vorpommern sind 7000 Jahre alte Einbäume verrottet, weil Archäologen sie falsch gelagert haben. Von den ältesten Wasserfahrzeugen des Ostseeraums bleiben nur klägliche Reste.

Eigentlich sollte das Hansa-Gymnasium, ein repräsentativer Backsteinbau direkt an der Uferpromenade von Stralsund bei Sanierungsarbeiten nur ein neues Rückhaltebecken für Regenwasser bekommen. Doch bei den Arbeiten vor gut sieben Jahren stießen die Bauleute auf alte Holzreste, die durch die Expertise von herbeigerufenen Archäologen schnell zum Sensationsfund wurden: Die modrigen Stücke waren Einbäume aus der Steinzeit - Gefährte, die Tausende von Jahren im feuchten Boden nahe dem Strelasund gelegen hatten.

Zwei der Fahrzeuge aus daumendickem Lindenholz stammten aus der Zeit um 5000 vor Christus, das dritte - immerhin zwölf Meter lang - war nur tausend Jahre jünger. Die Archäologen jubilierten und kürten die Funde bald schon zu den "ältesten erhaltenen Wasserfahrzeugen des Ostseeraums". Weil die Einbäume aus sehr dünnem und weichem Holz gefertigt waren, sollten sie fachgerecht konserviert werden - und zwar in den Räumen des Landesamtes für Denkmalpflege in Schwerin. Dort sollten sie einem Verfahren unterzogen werden, das in der Unterwasserarchäologie üblich ist: In einem speziellen Prozess wird das Holz erst gefriergetrocknet, dann wird das gebundene Wasser ganz langsam durch ein Kunstharz ersetzt, das für dauerhafte Stabilität sorgt.

Nur "klägliche Reste" blieben übrig

Doch wie sich nun herausstellt, ist genau das nicht geschehen. Die Archäologen haben die Boote, die sich seit der Bergung im Besitz des Landes befanden, einfach verrotten lassen. Behördenleiter Michael Bednorz musste zerknirscht zugeben, dass die Fundstücke bereits seit 2004 kaum mehr als Holzmüll sind. Die steinzeitlichen Preziosen waren nicht wie erforderlich feucht, sondern trocken gelagert worden. Dabei seien nur "klägliche Reste" übrig geblieben, wie Bednorz, der seit 2006 im Amt ist, erklärte.

Das lag offenbar auch daran, dass die wertvollen Kulturgüter in Schwerin in einer Bruchbude gelagert wurden. Die sogenannte Remise stürzte im Jahr 2004 teilweise ein - und begrub, was bis dahin von den Einbäumen noch übriggeblieben war.

Eine alte Archäologenregel lautet, dass nur solche Funde geborgen werden dürfen, die anschließend auch ausreichend konserviert werden können. Und daran haperte es bei den Denkmalpflegern an der Küste offenbar - und nicht nur in diesem Fall, wie Insider unter der Hand berichten. Das zuständige Amt habe eine unrühmliche Geschichte von "Konservierungsproblemen".

Behördenchef Bednorz beharrt, die Funde hätten wegen der Bauarbeiten geborgen werden müssen. Außerdem habe sein Amt viel zu wenig Mitarbeiter. Auch an passenden Räumlichkeiten fehle es bis heute. Landesarchäologe Detlef Jantzen gesteht ein, dass selbst die teilweise eingestürzte Remise nach einer Notsicherung bis heute genutzt werde, aus Mangel an Alternativen. Auch andere Depots und Werkstätten seien oft nur Provisorien, ein Teil der Schätze sei dabei unzureichend untergebracht.

Nun ist das öffentliche Wehklagen groß. Mecklenburg-Vorpommerns Kultusminister Henry Tesch erregte sich öffentlichkeitswirksam: Durch "verantwortungsloses, inkonsequentes und gleichgültiges Handeln" seien "wertvolle Schätze" dem Verfall preisgegeben worden. "Das muss Konsequenzen haben", donnerte der CDU-Politiker. "Stralsund trägt Trauer", hieß es kurz und prägnant aus der Pressestelle der Stadt.

"Das war eine Notlüge"

Der Welterberat und der Oberbürgermeister der Stadt, Alexander Badrow (CDU), fordern nun eine vollständige Aufklärung der Vorgänge, nötigenfalls auch strafrechtliche Schritte. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE äußert sich auch der CDU-Landtagsabgeordnete Mathias Löttge geschockt: "Ich fasse das überhaupt nicht. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass das Konsequenzen haben muss."

Erst vor wenigen Wochen hatte sich Löttge für eine Rückkehr der Boote nach Stralsund starkgemacht. Die Uralt-Boote sollten als zusätzlicher Touristenmagnet öffentlich ausgestellt werden, idealerweise irgendwo in der Nachbarschaft des spektakulären Neubaus des Deutschen Meeresmuseums. Und erst dadurch war der Archäologieskandal überhaupt aufgedeckt worden. Der Stadtrat beschloss vor rund zwei Wochen, sich für eine Präsentation der kostbaren Einbäume als Dauerleihgabe des Landes starkzumachen - ohne um den traurigen Zustand der hölzernen Boote zu wissen.

Der Chef des Kulturhistorischen Museums in Stralsund, Andreas Grüger, wirft den Landesbehörden nun eine "Hinhaltetaktik" vor. In regelmäßigen Abständen habe man nach dem Zustand der Einbäume gefragt - und habe dabei stets ausweichende Antworten erhalten. Man sehe noch nichts, eine Konservierung sei ein langjähriger Prozess, habe es geheißen. "Wir sind deshalb davon ausgegangen, die Konservierung sei auf einem guten Weg", beklagt Grüger.

Tatsächlich hatte Archäologe Jantzen noch vor einem Jahr auf eine Anfrage der "Ostseezeitung" erklärt, wie man die Boote im Detail zu konservieren gedenke - obwohl er zu diesem Zeitpunkt nach Aussagen von Kollegen längst über den wahren Zustand der Einbäume Bescheid gewusst haben muss.

"Das war eine Notlüge", gesteht Behördenchef Bednorz nun im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein. Man habe darauf spekuliert, die Seefahrzeuge mit Hilfe von Berliner Diplomstudenten wieder einigermaßen hinzubekommen. Erst im Anschluss daran habe man an die Öffentlichkeit treten wollen. "Wir hatten die Hoffnung, wir können noch etwas retten."

Die Stadt Stralsund hat die Denkmalpfleger inzwischen aufgefordert, einen detaillierten Bericht zu den anderen eingelagerten Gegenständen des Stralsunder Welterbes vorzulegen - aus Angst vor weiteren bösen Überraschungen.

Mit Material von dpa

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