Ausgegraben

Archäologie So kochten die Kannibalen

Aioze Trujillo-Mederos et al.

Gekocht, gegrillt und scharf gewürzt: Archäologen haben rekonstruiert, wie die Bewohner Mittelamerikas einst ihre Menschenopfer zubereitet haben. Ein Gewürz der Kannibalen essen wir auch heute noch - in Käse.

Die eigenen Toten zu essen, war in der Geschichte der Menschheit nicht ungewöhnlich. In einigen Kulturen galt es vermutlich sogar als Zeichen der Wertschätzung. Einen Toten heil und unversehrt zu begraben, wurde dagegen als grobe Verletzung seiner Würde empfunden. Kannibalismus gab es weltweit. Sobald Archäologen auffällige Knochen entdecken, gehört es deshalb mittlerweile zum wissenschaftlichen Standard, sie auf Merkmale kannibalistischer Rituale zu untersuchen.

Funde aus Tlatelcomila, unweit von Mexiko-Stadt, enthüllen nun, wie die Menschen vor mehr als 2500 Jahren das Fleisch zubereiteten: Einige Knochen landeten im Kochtopf, andere auf dem Grill. Und auch um die Würze des Fleisches kümmerten sich die Kannibalen, wie Forscher um Aioze Trujillo-Mederos von der Universidad Complutense de Madrid herausgefunden haben.

Die Knochen von Tlatelcomila stammen aus vier unterschiedlichen Gruben, in denen die Reste der Mahlzeiten entsorgt wurden. Übrig geblieben waren Schädelfragmente von mindestens 18 Individuen sowie Teile der großen Röhrenknochen von Armen und Beinen. Dabei entschied offenbar weder Alter noch Geschlecht darüber, wer gegessen wurde. Unter den Toten waren sieben Kleinkinder, ein Jugendlicher - wahrscheinlich ein Mädchen -, sechs erwachsene Männer, eine Frau und drei weitere Erwachsene, deren Geschlecht sich nicht bestimmen ließ.

Ihre Proben entnahmen die Forscher aus sechs der Röhrenknochen. Schon auf den ersten Blick unterschieden sich die Knochen deutlich in Textur und Farbe. Drei von ihnen waren eher gelblich. Bei ihnen vermuten Trujillo-Mederos und seine Kollegen, dass sie gekocht wurden. Die übrigen drei zeigten eine eher rötliche Färbung, die sie wahrscheinlich auf dem Grill bekamen. In allen Fällen war die Farbe sehr intensiv.

Analyse unterm Elektronenmikroskop

Schon mit bloßem Auge lässt sich erkennen, wie ein Knochen behandelt wurde. "Ein gekochter Knochen ist durchscheinend und glatt, die Struktur ist kompakter, und er wirkt sogar ein wenig gläsern", schreiben die Forscher im Fachblatt "Archaeometry". Ein Knochen, der dem Feuer direkt ausgesetzt wurde und damit höheren Temperaturen als hundert Grad, ist dagegen eher bunt. Um ihre Vermutung zu bestätigen, untersuchten die Forscher die Fragmente mit Elektronenmikroskop, Röntgenstrahlung und UV-Licht.

Tatsächlich entsprach die Struktur der ersten drei Proben derjenigen gekochter Knochen. Die Oberfläche der drei anderen Proben aber war unregelmäßig gefärbt - typisch für eine Zubereitung über Feuer. Nur eines hatten die Knochen beider Gruppen gemeinsam: den Fundort. "Es ist aber gar nicht so überraschend, zwei Zubereitungsmethoden für Menschenfleisch an derselben Stelle zu finden", berichten die Forscher. "Denn es war bekannt, dass sowohl das Kochen als auch das Grillen in der rituellen Anthropophagie - dem Verzehr von Menschenfleisch - in Mesoamerika praktiziert wurden."

Gewürz als E 160b bekannt

Damit konnten Trujillo-Mederos und seine Kollegen aber immer noch nicht die intensive gelbe und rote Farbe der Knochen erklären. Einen Verdacht hatten sie aber schon. Seit jeher benutzen die Menschen in Mexiko Annatto, den geriebenen Samen des Orleansstrauches (Bixa orellana), um Gerichte zu färben und zu würzen. Es enthält Bixin, ein starkes Carotinoid. "Zum Beispiel ist Annatto eine ganz wichtige Zutat in dem traditionellen Maya-Gericht cochinita pibil", schreiben die Forscher - langsam in Zitronensaft gegartem Schweinefleisch.

Bis heute gilt Annatto bei einigen Völkern als Aphrodisiakum - wird allerdings ganz vielseitig auch als Sonnen- oder Insektenschutzmittel sowie bei Verstopfung eingesetzt. Wir kennen ihn dagegen vor allem als Lebensmittelfarbe E 160b in Käse: im französischen Fol Epi, im englischen Cheddar oder mitunter sogar im holländischen Gouda.

Hatten die Menschen in Tlatelcomila vielleicht Annatto benutzt, um das Menschenfleisch zu würzen? Um das zu testen, entfernten die Wissenschaftler einen Teil des Fleisches von einem Ochsenbein und kochten es unter Zugabe von Annatto vier Stunden lang in einem Liter Wasser. Anschließend entfernten sie auch das restliche Fleisch und verglichen die unterschiedliche Färbung, die das Annatto am "nackten" und am "bedeckten" Knochen hinterlassen hatte.

"Der Knochen hatte anschließend die gleichen Färbungen wie die archäologischen Knochen", schließen die Forscher ihren Bericht. "Daraus können wir also schließen, dass die Oberflächenfarbe der Knochen von der Zubereitung der Gerichte mit Gewürzen verursacht wurde."

Kannibalismus unter Dinos



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.