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Archäologie-Streit: Türkei droht Deutschen mit Entzug von Grabungslizenz

Der Streit um ein archäologisches Fundstück eskaliert: Die Türkei fordert von einem deutschen Museum vehement die Rückgabe einer Bronzezeit-Sphinx. Jetzt stellt Ankara ein Ultimatum - und droht Forschern mit dem Entzug der Grabungslizenz in Hattuscha. Es wäre das Ende eines Großprojekts.

Antike Stadt in der Türkei: Archäologische Funde sorgen für Streit Zur Großansicht
AFP

Antike Stadt in der Türkei: Archäologische Funde sorgen für Streit

Ankara - Vor mehr als 3000 Jahren beschützte sie ein Tor in einer Stadtmauer, später sorgte sie für diplomatische Verwerfungen: die Sphinx von Hattuscha, manchmal auch als Sphinx von Bogazköy bezeichnet. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten deutsche Archäologen in der Türkei zwei prächtige Fundstücke ausgegraben und nach Berlin zu Restaurierung gebracht. Nur eine Sphinx kehrte später wieder in die Türkei zurück, die zweite blieb in Deutschland. Bis heute.

Seit Jahrzehnten fordern die Türken das wertvolle Stück zurück - und jetzt stellt Ankaras Kulturminister Ertugrul Günay ein Ultimatum. Es könnte drastische Folgen für die Arbeit deutscher Archäologen in seinem Land haben. Wenn Berlin die Sphinx von Hattuscha bis Juni nicht zurückgebe, werde dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) die Grabung in Hattuscha entzogen, sagte Günay dem "Tagesspiegel".

Die Grabung in der ehemaligen Hauptstadt des Hethiterreiches, die heute zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, hat eine mehr als hundertjährige Tradition - mit kriegsbedingten Unterbrechungen. Sie zählt zu den bedeutendsten archäologischen Projekten der Bundesrepublik. "Wir werden für etwas in Haftung genommen, was das DAI nicht zu verantworten hat", sagt Felix Pirson, Leiter der Institutsniederlassung in Istanbul, zu SPIEGEL ONLINE. Das Problem müsse politisch gelöst werden.

Forscher fürchten um ihre Grabungsrechte

Er sei zuversichtlich, dass Deutschland die Figur zurückgeben werde, sagte Minister Günay. Offizielle Verhandlungen darüber liefen bereits. Die Türkei beansprucht auch zahlreiche weitere Fundstücke aus deutschen Museen, unter anderem den weltbekannten Pergamon-Altar oder das Markttor von Milet. Deutschland lehnt eine Rückgabe ab.

Deutsche Archäologen graben derzeit an rund einem Dutzend Stätten in Anatolien. Eine andere deutsche Grabung hat die Türkei bereits gestoppt, wie Günay sagte: Die Ausgrabungen im westanatolischen Aizanoi, wo das DAI seit 1926 gearbeitet hat, wurden zur kommenden Saison einer türkischen Universität übertragen. Der Kulturminister begründete die Entscheidung damit, dass die Deutschen dort in den vergangenen Jahren fast nicht mehr aktiv gewesen seien.

"Dem muss ich entschieden widersprechen", sagt Archäologe Pirson. "Wir arbeiten seit Jahrzehnten hier im Land. Ich bin bestürzt, dass die ausgesprochen erfolgreiche Arbeit von türkischer Seite so gesehen wird." Im vergangenen Jahr habe man sieben Wochen lang in Aizanoi gegraben, und im Jahr davor drei Wochen lang. In Bogazköy habe man zuletzt das Löwentor restauriert. Für die kommende Grabungssaison plane man "normal weiter", so Pirson.

Richtig unangenehm würde die Situation für deutsche Archäologen spätestens dann, wenn das Vorgehen der Türkei Schule machen sollte. Denn auch andere Staaten fordern historische Artefakte von den Deutschen zurück - wie etwa Ägypten, das seit langem Ansprüche auf die berühmte Nofretete-Büste anmeldet.

chs/dapd

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insgesamt 115 Beiträge
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1. Sphinx
niepmann 24.02.2011
Zitat von sysopEine Sphinx aus der Bronzezeit könnte die Arbeit deutscher Archäologen in der Türkei behindern. Ankara fordert das wertvolle Stück aus einem Berliner Museum zurück - und droht den Forschern mit dem Entzug der Lizenz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,747456,00.html
Nun, die Raubzüge deutscher Museen und Archöologen sind halt nicht unbemerkt geblieben. Es ist gleichgültig, in welchem Museum besagte Sphinx steht. Wenn das Teil in der Türkei ausgegraben und klammheimlich nach Berlin gebracht wurde, muss man es wieder herausrücken. Dessen ungeachtet ist die Reaktion der Türken grenzwertig.
2. .
c++ 24.02.2011
Warum lässt man die Türken nicht selbst graben, warum bezahlt der deutsche Steuerzahler Grabungen im Ausland?
3. ..kulturelles Patt
eikfier 24.02.2011
Zitat von sysopEine Sphinx aus der Bronzezeit könnte die Arbeit deutscher Archäologen in der Türkei behindern. Ankara fordert das wertvolle Stück aus einem Berliner Museum zurück - und droht den Forschern mit dem Entzug der Lizenz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,747456,00.html
...juristisch schein mir als Nichjuristem die Sache einigermaßen klar: die beiden juristischen Personen, hier Staat Türkei, dort Staat Bundesrepublik, haben Eigentumsstreitigkeiten, die kann man wohl vor Gericht lösen, notfalls!, aber nicht das kulturell begründete Eigentum, da sieht´s nämlich eher nach einem Patt aus, weil das Türkische Volk, aus Mittelasiens Reitervölkern hervorgegangen, keine kulturellen Beziehungen zum Hethitervolk hat und - wir natürlich auch nicht! ;-) Also muß wieder mal die Vernunft - diese irdische Mangelware - das Problem lösen... weiter so wie bisher, nämlich ausbuddeln und zu Hause in die gute Stube stellen, geht für mich aber mit Sicherheit heute 2011 auch nicht mehr, da stimme ich der Türkei voll zu.
4. ....
mm01 24.02.2011
Zitat von c++Warum lässt man die Türken nicht selbst graben, warum bezahlt der deutsche Steuerzahler Grabungen im Ausland?
Weil es bequemer ist, andere arbeiten und bezahlen zu lassen und anschließend zu fordern.
5. ...........
justdude 24.02.2011
Zitat von eikfier...juristisch schein mir als Nichjuristem die Sache einigermaßen klar: die beiden juristischen Personen, hier Staat Türkei, dort Staat Bundesrepublik, haben Eigentumsstreitigkeiten, die kann man wohl vor Gericht lösen, notfalls!, aber nicht das kulturell begründete Eigentum, da sieht´s nämlich eher nach einem Patt aus, weil das Türkische Volk, aus Mittelasiens Reitervölkern hervorgegangen, keine kulturellen Beziehungen zum Hethitervolk hat und - wir natürlich auch nicht! ;-) Also muß wieder mal die Vernunft - diese irdische Mangelware - das Problem lösen... weiter so wie bisher, nämlich ausbuddeln und zu Hause in die gute Stube stellen, geht für mich aber mit Sicherheit heute 2011 auch nicht mehr, da stimme ich der Türkei voll zu.
was ist das denn für eine kindergartenargumentation?! abgesehen davon, gab es auch vor den selcuken selbstverständlich menschen dort, die nachfahren zeugten, die immer noch dort und auf der ganzen welt leben...seien es armenier, aramäer, hethither etc. und selbstverständlich müssen die in die türkei zurück...da gibt es doch überhaupt kein vertun. sie hatten glück, dass die türken jahrzehntelang von einer kriminellen elite regiert wurde, die sich einen sch... um kulturelle güter scherte. jetzt bekommt deutschland halt das neue türkischen selbstbewusstsein zu spüren, und logischerweise behagt das so manchen deutschen nicht...ihr werdet euch noch wundern!;)
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Sie sind Legenden - aber ihre Überreste wurden verstreut, verwechselt, manche gingen verloren. Um letzte Ruhestätten großer Forscher ranken sich viele Geschichten, im SPIEGEL-ONLINE-Quiz erfahren Sie die bizarrsten.

Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.

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