Ausgegraben

Archäologie Streit über Karthagos Kinderopfer

Urne mit Knochenresten: Opferte man in Karthago tatsächlich Säuglinge?
J.H. Schwartz

Urne mit Knochenresten: Opferte man in Karthago tatsächlich Säuglinge?


Seit Jahren zanken sich Archäologen und Anthropologen heftig über die Kinderopfer von Karthago. Sind sie eine Erfindung der Römer oder gab es sie tatsächlich? Nun holen die an das blutige Ritual Glaubenden in einem Fachartikel erneut zum Schlag aus.

Lange Zeit gehörte es schlicht zum Allgemeinwissen: Blondinen sind nun mal dämlich, Jungs besser in Mathe und die Karthager legten ihre Söhne der Statue des Gottes Baal Hammon auf die Arme und ließen sie von dort hinab ins Feuer rollen. Klar, weiß doch jeder! Das dokumentierten schließlich schon die antiken Geschichtsschreiber Diodorus Siculus und Plutarch. Und diese Szenen malte Gustav Flaubert 1862 noch einmal in seinem Roman "Salammbô" schauerlicher aus, als jede römische Amme es hätte erzählen können: "Dann ward die Glut im Innern dunkler, und man erkannte brennendes Fleisch. Manche glaubten sogar Haare, Glieder und ganze Körper wahrzunehmen. (...) Man hörte das Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das auf die Kohlen herabtropfte..." Die Karthager waren eben einfach Monster - weshalb ja auch der ehemalige Feldherr und Senator Marcus Porcius Cato seine Reden mit dem berühmten Satz beendete, der bis heute jedem Lateinschüler in den Ohren klingt: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" - "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss!"

Der Sieger schreibt die Geschichte

Cato bekam seinen Willen und die Römer damit das Recht, als Sieger der Nachwelt die Geschichte aufzuschreiben. Kein Karthager hat sich jemals selbst zum Thema Kinderopfer äußern dürfen - jedenfalls wurde keine solche Äußerung von den Schreibern der Römer überliefert. Damit bleibt es den Archäologen überlassen, die Wahrheit ans Licht zu zerren: Haben sie - oder haben sie nicht? Seit in den zwanziger Jahren in mehreren phönizischen Städten Friedhöfe mit den Knochen Neugeborener, so genannte Tophets gefunden wurden, zanken sich allerdings die Forscher um die Interpretation dieser Stätten.

Den jüngsten Schlagabtausch eröffnete vor drei Jahren eine Forschergruppe um den US-amerikanischen Anthropologen Jeffrey Schwartz von der University of Pittsburgh im Open-Access-Journal "PLoS ONE". In dem Aufsatz kam Schwartz zum Schluss, dass auf dem Tophet von Karthago Säuglinge begraben wurden, die auf natürliche Weise gestorben waren, bevor sie ein Alter erreicht hatten, das ihre Bestattung auf dem regulären Friedhof erlaubte. Seine Auswertung von verbrannten Knochenresten aus 348 Urnen hätte ergeben, dass 20 Prozent der Kinder Totgeburten gewesen und der Rest mehrheitlich zwischen dem zweiten und zwölften Lebensmonat gestorben sei. Das entspreche einer ganz normalen Sterblichkeitsrate. Die Tophets, schrieb er, waren "Friedhöfe für diejenigen, die kurz vor oder kurz nach der Geburt starben, egal aus welchem Grund."

Doch im folgenden Jahr konterte eine Gruppe um Patricia Smith von der Hebrew University in Jerusalem in der britischen Zeitschrift "Antiquity": Stimmt nicht! Schwartz habe schlicht ignoriert, dass Knochen bei der Verbrennung ja schrumpfen. Sie hätten 334 derselben Urnen wie Schwartz untersucht und dabei nur drei Totgeburten gefunden, alle anderen Kinder aber wären in einem Lebensalter zwischen einem und anderthalb Monaten gestorben - und dieser Befund entspräche eben keinem bekannten Muster von Kindersterblichkeit, weder in archäologischen Kontexten noch in modernen Gesellschaften ohne medizinische Versorgung. Quod erat demonstrandum: Die Kinder im Tophet von Karthago wurden geopfert.

Das ließ Schwartz nicht auf sich sitzen, er antwortete im vergangenen Jahr in "Antiquity" mit einem Aufsatz, in dem er seine Argumente erneut ausbreitete und nun seinerseits die Methoden der Kollegen in Frage stellte.

In der aktuellen Ausgabe von "Antiquity" sind nun Smith und Kollegen wieder an der Reihe. Weder Schwartz' Beobachtungen zum Knochenwachstum, noch die zu der Zahnentwicklung, noch die zur so genannten neonatalen Linie auf den Zähnen seien verwertbar: "Alle drei sind inkorrekt, weil er die Auswirkungen der hitzebedingten Schrumpfung missinterpretiert hat", fauchen sie zurück. Sie argumentieren weiter, dass man nicht, wie Schwartz es getan habe, die Kindersterblichkeit in England und Wales in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Vergleich heranziehen könne. Stattdessen kontrastieren sie das Verteilungsmuster mit vorindustriellen Gesellschaften, Karthago unter römischer Herrschaft (also zeitlich etwas später als die Funde aus dem Tophet) sowie modernen Gesellschaften ohne medizinische Versorgung. Und damit basta!

Kollegen kritisieren die Knochenexperten

Dem stellt der Herausgeber der Fachzeitschrift, Martin Carver, einen zweiten Artikel zur Seite, verfasst von einem Team um Paolo Xella vom L'Istituto di Studi sulle civiltà Italiche e del Mediterraneo Antico des italienischen Consiglio Nazionale delle Ricerche. "Diese Forscher treten einen Schritt von den verbrannten Resten zurück", bemerkt Carver im Vorwort zur Debatte, "um eine Reihe anderer sozialer und archäologischer Aspekte hervorzuheben."

Und so fragen sich Xella und Kollegen spitz, warum eigentlich keines der beiden Teams sich jenseits der Knochen mal mit dem Kontext von Tophets im Allgemeinen beschäftigt habe. In der phönizischen Siedlung Mozia beispielsweise konnten die Ausgräber nachweisen, dass hier pro Jahr höchstens zwei Kinder begraben wurden - für eine "normale" Kindersterblichkeit viel zu wenige. Oder was ist mit den Tieropfern, die ebenfalls mit in den Urnen lagen? Schwartz hatte vermutet, sie seien ein Teil der Begräbnisriten gewesen. Doch warum haben dann die Karthager unter römischer Herrschaft auch Tiere alleine ohne Kinderknochen beerdigt? Es ging später eben nur noch um Opfer, egal ob um Kind oder Tier, mutmaßt Xella.

Außerdem hätten die Knochenexperten es nicht so mit den Buchstaben gehabt und viele antike Erwähnungen des Tophets gar nicht gelesen, mokiert sich das italienische Team weiter. Allein in der Bibel fänden sich doch mehr als 25 Hinweise auf Kinderopfer an der Levanteküste, der Heimat der Karthager. Es stehe ja im Übrigen auch auf den Gedenksteinen des Tophets selbst geschrieben: Von mlk ist dort immer wieder die Rede, was so viel wie "Opfer für die Götter" bedeute.

"Und wir haben noch nicht einmal angefangen, dem Reichtum der archäologischen, historischen und vor allem epigrafischen Indizien Rechnung zu tragen", beschließen Xella und sein Team den kurzen Aufsatz. Alles, alles spräche dafür: Ja, die Karthager opferten ihre Kinder. Haben wir's doch schon immer gewusst. Und Blondinen sind eben einfach dämlich. Und Jungs besser in Mathe. Warum nur steht darüber eigentlich nichts in der Bibel?



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10 Leserkommentare
phboerker 04.12.2013
liberalix 04.12.2013
martinherwartz 04.12.2013
trafozsatsfm 05.12.2013
Miere 05.12.2013
imlattig 05.12.2013
mcmercy 05.12.2013
liberalix 05.12.2013
spon-facebook-10000363349 05.12.2013
Saciel 12.12.2013

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