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17. Februar 2013, 09:13 Uhr

Ausgegraben - Neues aus der Archäologie

Tutanchamuns geheimnisvolle Mutter

Von Angelika Franz

Der Vater des berühmten Pharaos Tutanchamun war Echnaton. Doch wer war seine Mutter? Ein Ägyptologe bringt nun einen prominenten Namen ins Spiel. Außerdem im archäologischen Wochenrückblick: Rettende Luft für die Terrakotta-Armee und ein tiefer Blick in Yorks multikulturelle Vergangenheit.

Wer war die Mutter von Pharao Tutanchamun? DNA-Analysen der vergangenen Jahre deuten darauf hin, dass es eine unbekannte Schwester seines Vaters Echnaton war. Nun hat der französische Ägyptologe Marc Gabolde von der Université Paul Valery-Montpellier III eine andere These plausibel gemacht.

In einem Vortrag an der Harvard University stellte er Nofretete als mögliche Mutter des Kindkönigs vor. Die Hauptgemahlin Echnatons war nicht seine Schwester, sondern eine Cousine ersten Grades. Das Paar war das erste in der ägyptischen Geschichte, das sein Ehe- und Familienleben öffentlich zur Schau stellte wie heute etwa David und Victoria Beckham.

Viele Wandgemälde auf den Bauten des Echnaton zeigen die beiden zusammen mit ihren Töchtern, beschützt von der Sonnenscheibe des Aton. Gabolde glaubt, dass sie auch einen Sohn zeugten: Tutanchamun. Die enge genetische Verwandtschaft beider Eltern könne nicht nur allein durch eine Bruder-Schwester-Verwandtschaft erklärt werden, sondern könne auch entstanden sein, weil zuvor schon drei Generationen jeweils Cousins und Cousinen ersten Grades geehelicht hätten: "Die Konsequenz aus diesen Eheschließungen ist, dass die DNA der dritten Generation zwischen Cousin und Cousine aussieht wie diejenige zwischen Bruder und Schwester", sagte er in seinem Vortrag.

Gabolde geht weiterhin davon aus, dass das eigentlich für Tutanchamun bestimmte Grab noch nicht gefunden wurde. Die Grabkammer, in der er gefunden wurde, sei eine Notlösung gewesen, als der König unerwartet im Alter von nur 19 Jahren starb.

+++ Viktorianische Verbesserungen +++

Viktorianische Verbesserungen

Im viktorianischen Zeitalter erlebte die britische Gesellschaft große Umwälzungen. Die industrielle Revolution rollte voran, und zwischen 1831 und 1901 verdoppelte sich die Einwohnerzahl Großbritanniens fast von 24 Millionen auf 41,5 Millionen.

Auf dem Gelände der Seething Wells Hall of Residence der Kingston University konnten Archäologen nun einen Blick in das Londoner Vorortleben dieser Jahre werfen. In Seething Wells stand ab 1852 ein Wasserwerk - damals eine Neuheit. "Das Werk ist von besonderer historischer Bedeutung, weil es entscheidend die Lebensqualität der Londoner verbesserte", erklärt Archäologin Helen Wickstead in einer Pressemitteilung der Kingston University. "Es versorgte sie mit klarem, gefiltertem Wasser, nachdem zuvor die Cholera in der Stadt gewütet hatte."

Auf dem Gelände lag außerdem ein Garten. "Diente er den Menschen zur Erholung? War er rein dekorativ und nur den Privilegierten vorbehalten oder wurden hier tatsächlich Nutzpflanzen angebaut?", fragte sich Wickstead. "Es war eine Zeit des großen sozialen Umbruchs, also waren wir ganz gespannt, was wir unter dem Rasen finden würden." In der Tat wurde der Garten wohl schon in viktorianischer Zeit öffentlich genutzt.

Aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs fanden die Ausgräber dann Metallschildchen mit Pflanzennamen - sie steckten einst in Beeten von Kleingärtnern, die hier auf ihren Parzellen mit selbst angebautem Gemüse die schmale Kriegskost aufbesserten. Doch auch ungewöhnliche Funde können die Ausgräber vorzeigen. Im Kiesbett eines Weges fanden sie einen Splitter Flint - wahrscheinlich von der Produktion von Steinwerkzeugen in der Jungsteinzeit. Zu den schönsten Funden zählt eine Scherbe viktorianisches Porzellan. Darauf sind zwei feine Herren abgebildet. "Ich stelle mir gerne vor, dass einer der beiden James Simpson ist, der das erste Wasserfiltersystem Londons erfunden hat", sagt Wickstead.

+++ Tempel-Neueröffnung in Karnak +++

Tempel-Neueröffnung in Karnak

Ab Ende Februar werden Besucher des Tempelareals in Karnak eine neue Attraktion bestaunen können. Dann soll die Rekonstruktion der zweiten Kapelle von Königin Hatschepsut fertig sein. Die Szenen an den Wänden zeigen Hatschepsut und ihren Mann Thutmoses II vor Amun-Re, sowie auch ihren Vorgänger Thutmoses III.

Damit ist der Tempel ein wichtiges Denkmal der ägyptischen Geschichte, wie Mansour Boreik, Antikenaufseher in Luxor, in einem Telefoninterview mit der englischsprachigen News-Webseite Ahram Online erklärt: Er zeigt Hatschepsut bereits in einer eindeutigen Machtposition, noch bevor sie den Thron bestiegen hatte. Hatschepsut regierte in der 18. Dynastie.

Viele der Blöcke des Tempels wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstreut in Karnak gefunden, weitere dann bei Ausgrabungen in den fünfziger Jahren. Komplett wird der Tempel allerdings nicht werden, denn viele der Steine wurden später für andere Bauten in Karnak oder Luxor wiederverwendet. Im Tempelareal von Karnak wurden von der Zeit des Mittleren Reiches an bis noch hinein in die Jahre der griechisch-römischen Herrschaft immer wieder neue Tempel für Amun-Re, seine Gemahlin Mut und ihren gemeinsamen Sohn Chons errichtet.

+++ Luft für die Terrakotta-Armee +++

Luft für die Terrakotta-Armee

Die Ausgrabung ist oft der Tod von Artefakten. Kaum sind sie der Luft, dem Licht und dem feuchten Atem von Museumsbesuchern ausgesetzt, beginnen sie unweigerlich zu zerbröseln, zu schimmeln, sich einfach aufzulösen. Ganz besonders gilt dies für große Objekte, die nicht in klimatisierte Glasvitrinen passen, sondern einfach so in großen Hallen ausgestellt werden.

Ein trauriges Beispiel für diesen Prozess sind die mehr als 1500 Artefakte aus dem Grab des ersten Kaisers von China, Qin Shihuangdi. Die Krieger und Pferde aus Terrakotta stehen in einer riesigen Halle mit einer Grundfläche, die fast so groß ist wie drei Fußballfelder. Über fünf Millionen Besucher kommen jährlich, um die Schätze aus dem Mausoleum des Qin Shihuangdi zu bestaunen.

Eine Studie zu umwelttechnischen Kontrollmaßnahmen für archäologische Museen kam zu dem Schluss, dass dringend Maßnahmen getroffen werden müssen, um einen weiteren Verfall der Terrakotta-Krieger aufzuhalten. In der Zeitschrift "Environmental Science & Technology" der American Chemical Society stellen die Forscher um Zhaolin Gu ihre Ergebnisse vor. Sie fordern zum Beispiel einen "Luftvorhang", der die Figuren von der Umwelt abschirmen und das Eindringen von Schmutz und Hitze verhindern soll. Außerdem könnte eine Schicht gekühlter Luft am Boden der Anlage eine Art Schutzdecke um die Artefakte legen.

+++ Fahrstuhl in Yorks Vergangenheit +++

Fahrstuhl in Yorks Vergangenheit

Die Zeit zwischen dem Abzug der Römer im 5. Jahrhundert und der Ankunft der Normannen im Jahr 1066 gilt in England als die "dunklen Jahrhunderte".

Nun hat eine Ausgrabung für einen Fahrstuhlschacht im York Minster ein kleines, aber fundreiches Fenster in diese Zeit geöffnet und etwas Licht in die Dunkelheit bringen können. Unter den Funden waren Knochen aus der Wikingerzeit, normannische Fundamente und eine extrem seltene angelsächsische Münze. Bei der Münze handelt es sich um eine sceatta, eine Silbermünze. Sie wurde für den Erzbischof Eanbald geprägt, der Verbindungen an den Hof Karls des Großen hatte. Die Münze ist so gut erhalten, dass sie wahrscheinlich niemals im Umlauf war. Daraus schließen die Archäologen, dass in unmittelbarer Nähe der Fundstätte geprägt wurde.

Die Münzstätte und der sie umgebende Reichtum könnte die Wikinger in großer Zahl nach York gelockt haben. In den folgenden Jahren ließen sie sich in der Stadt nieder und handelten fleißig mit den Angelsachsen: York war für seine anglo-skandinavische Mischkultur bekannt. Die Wikinger waren es auch, die der Stadt schließlich den heutigen Namen gaben. Die Römer hatten sie noch Eboracum genannt, wahrscheinlich nach dem keltischen Wort *Eborko- für Eibenbäume. Unter den Angelsachsen wurde daraus die Eoforwic, die "Siedlung der Eber". Die Skandinavier aber nannten sie Jórvik - "Pferdebucht".

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