Ausgegraben

Rätselhafte Grabbeigaben Die Trinkstiefel der kleinen Prinzen

Von

Soprintendenza per i Beni Archeologici dell'Umbria

Typische historische Grabbeigaben sind Schmuck und Waffen. In uralten Kindergräbern der italienischen Stadt Spoleto aber liegen durchlöcherte Trinkstiefel - die Unterwelt galt einst als Spiegelbild des Normalen.

Die Idee eines Gefäßes in Stiefelform wurde nicht von einer trinkfreudigen Dorfjugend unserer Zeit ersonnen. Schon im fünften Jahrhundert vor Christus bekam einer der Keltenfürsten aus dem hessischen Glauberg ein stiefelförmiges Trinkgefäß mit ins Grab.

Und es geht sogar noch älter: "Wir kennen Trinkgefäße in Schuh- oder Stiefelform schon im 7. Jahrhundert vor Christus aus Italien, Mittel und Osteuropa sowie dem Vorderen Orient", sagt Joachim Weidig vom Museo Archeologico Nazionale e Teatro Romano in Spoleto.

Die wohl seltsamsten Stiefelgefäße aber fanden Archäologen unlängst auf dem eisenzeitlichen Friedhof der Stadt: insgesamt zwölf Gefäße in Stiefelform, verteilt auf drei Kindergräber. Die Kinder waren gerade eben drei bis neun Monate, neun bis zwölf Monate und zwei bis vier Jahre alt. Entsprechend winzig sind einige der Gefäße: "Die vier Exemplare aus dem Grab Nummer 17 des mittleren Kindes sind so klein, wie man sich seine Fußgröße vorstellen könnte", erzählt Weidig.

Die Stiefelchen hielten allerdings niemals Getränke, weder Hefeweizen wie ihre deutschen Vettern, noch Wein wie ihre antiken Parallelen. Denn schon bei der Herstellung machte man sie unbrauchbar: bohrte Löcher in die Sohle oder ließ sie gleich ganz weg, so dass jede Flüssigkeit sofort herausgelaufen wäre.

Spiegelbild der Welt der Lebenden

Es waren keine gewöhnlichen Kinder, denen diese Gefäße mit in die Gräber gelegt wurden. Denn obwohl sie alle im Säuglings- oder Kleinkindalter starben, zeichnen ihre Grabbeigaben sie als Fürsten aus. Man legte den kleinen Körpern Schwerter, Lanzen und Keulen mit ins Grab, wie erwachsenen Kriegern auch. Und das Kind aus Grab Nummer 17 trug sogar Panzerscheiben aus Bronzeblech.

"Diese Scheiben waren nur den reichsten und wichtigsten Oberhäuptern der Kriegeraristokratie in Etrurien und in Mittel- und Ostitalien vorbehalten", erläutert Weidig. Es sind die kleinsten bisher bekannten Exemplare, und sie wurden wahrscheinlich explizit für dieses Kind gefertigt. Wie die Stiefelgefäße waren aber auch sie - nicht zu gebrauchen.

"Die beiden seitlichen halbrunden Aussparungen wurden an beiden Exemplaren mit jeweils einem dreieckigen Bronzeblech verschlossen. Technisch ist der Verschluss damit unnütz, da ja der Ledergurt so nicht durch die Aussparungen laufen konnte."

Warum bekamen die kleinen Prinzen so wertvolle Grabbeigaben - aber alle kaputt? Der Brauch war seit prähistorischer Zeit weitverbreitet: "Die Unterwelt wird in vielen antiken Kulturen als Spiegelbild der Welt der Lebenden gedacht", führt Weidig aus. "Um in der Welt der Toten benutzt werden zu können, müssen also einige wichtige beigegebene Gegenstände ihre Funktion in der Lebendwelt verlieren."

In der Gemeinschaft, die ihre Toten auf diesem Friedhof bestattete, müssen die Kinder trotz ihres zarten Alters bereits einen hohen Rang innegehabt haben. Denn ihre Gräber lagen nicht etwa abseits am Rande - sondern ganz zentral in unmittelbarer Nähe der zwei bedeutendsten Erwachsenengräber des Friedhofs.

Diese Anordnung und die archäologischen Funde gewähren einen seltenen Einblick in die Sozialstruktur dieser Gemeinschaft. Hier entschieden nicht Kraft oder Durchsetzungsvermögen darüber, wer die Gemeinschaft anführen durfte - sondern die Erbfolge. "Alles deutet darauf hin, dass hier eine Familie die politische, wirtschaftliche und religiöse Macht in den Händen hielt - und bereits in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts vor Christus versuchte, eine Dynastie zu etablieren", glaubt Weidig.

Der älteste König von Spoleto

Der mächtigste Mann dieser Familie lag einst vermutlich in Grab Nummer 8. Doch wurde diese Grabstätte bereits in der Antike ausgeraubt, die Archäologen fanden nur noch durchwühlte Erde. Zum Glück waren den Grabräubern einige Gegenstände entgangen, die entweder ganz am Rande der Grabgrube gelegen hatten oder in den Aushub gerutscht waren.

Gleich vier verzierte Zepter aus Metall konnten die Ausgräber noch bergen - das sind viele für einen einzelnen Mann. "Zepter sind uralte Symbole der Macht und der Herrschaft", sagt Weidig. "Und die vier Exemplare, die wir in diesem Grab gefunden haben, sind die bedeutendsten und schönsten Exemplare Italiens. Wir haben hier den ältesten bisher bekannten König Spoletos."

Bis zu so hoher Macht war es für die kleinen Prinzen noch ein weiter Weg - sie waren doch noch Kinder. Denn nicht alle Beigaben in ihren Gräbern sprechen von Krieg und Macht. Gewandfibeln, Ketten oder ein verzierter Kammanhänger aus Knochen sind Beigaben, wie sie sonst typischerweise Frauen und Mädchen mit ins Jenseits bekamen.

Die weiblichen Elemente unter den Grabbeigaben zeigen, dass die kleinen Prinzen eben doch noch nicht erwachsen waren, sondern in der Kinderwelt zwischen der männlichen und der weiblichen Rolle lebten. Die Schmuckstücke, erklärt Weidig, waren eine Art Mutter-Magie: "Aus Vergleichen mit anderen Völkern wissen wir, dass diese Objekte als wirksam gegen Krankheiten und gegen den bösen Blick angesehen wurden."



Diskutieren Sie mit!
6 Leserkommentare
Tiananmen 05.01.2015
spon-facebook-10000363349 07.01.2015
genziana 07.01.2015
genziana 07.01.2015
Montanabear 19.03.2015
Koda 02.12.2015

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.