Archäologie in Mexiko Tropfstein rettet Knochen vor Grabräubern

Aus einer überfluteten Höhle in Mexiko stahlen Plünderer ein Skelett. Durch einen Zufall gelang es Forschungstauchern trotzdem, die Knochen zu datieren - sie könnten zu den ältesten Amerikas gehören.

Von


Die meisten Mexiko-Touristen ahnen sicher nicht, was es mit der unauffälligen Einfahrt an der Bundesstraße 307 auf sich hat. Sie interessieren sich mehr für die Maya-Bauten von Tulum an der Karibikküste, die nur ein paar Kilometer entfernt liegen. Dabei ist Tulum zumindest aus archäologischer Sicht nur mäßig spannend - wenige Inschriften und mäßige Architektur. Von der unscheinbaren Einfahrt sind es dagegen nur wenige Meter bis zum Eingang der Chan-Hol-Höhle. Hier beginnt ein unglaubliches Unterwasser-Universum.

Im Inneren der Höhle haben Forscher schon mehrmals aufsehenerregende Funde gemacht. Es handelt sich um Spuren der frühesten Besiedlung des amerikanischen Kontinents - mehrere Skelette wurden entdeckt.

Dafür müssen Wissenschaftler allerdings erhebliche Mühe auf sich nehmen. Denn die Höhle ist wie viele andere auf der Halbinsel Yucatán überflutet, nur durch die Dunkelheit tauchend gelangt man zu den Fundplätzen in dem weitverzweigten Höhlensystem. Diesen Nervenkitzel schätzen inzwischen auch viele Freizeittaucher, die in den Höhlen auf Entdeckungstour gehen.

Zu den jüngsten Funden von Chan Hol gehörte zuletzt auch ein Skelett, das mehr als einen Kilometer vom Höhleneingang entfernt im dem Kalkstein-Labyrinth lag. Erstmals geisterten von dem Gerippe vor ein paar Jahren Bilder durch das Internet - aufgenommen von Hobbytauchern. Sie zeigten einen hervorragend erhaltenen Schädel, die Forscher waren begeistert. Doch wie überall in Mittelamerika bekommen solche Entdeckungen auch Grabräuber mit - in vielen Fällen vor den Archäologen.

So war es auch dieses Mal: Im März 2012 waren die Knochen weg, selbst in der schwer zugänglichen Höhle hatten die Räuber zugeschlagen. Wie alt der Tote war, welches Geschlecht er hatte, wann der starb? Die Forscher wussten es nicht.

Doch eine Laune der Natur kam ihnen zu Hilfe: Neben einigen winzigen Knochenfragmenten, die die Grabräuber zurückgelassen hatten, konnten sie ein großes Stück des Beckenknochens nicht mitnehmen: Ein Stalagmit, Tropfen für Tropfen entstanden durch Kalkstein-Sinter, hatte sich im Laufe der Zeit auf dem Knochen gebildet und war vom Boden in die Höhe gewachsen. Ein Glücksfall für die Forscher um Geowissenschaftler Wolfgang Stinnesbeck von der Universität Heidelberg. "Vermutlich hat die Umhüllung des Beckenknochens ihn davor bewahrt, auch gestohlen zu werden", schreibt er in der Fachzeitschrift "Plos One".

Fotostrecke

10  Bilder
Maya-Archäologie: In Menschenknochen gemeißelt

Doch auch für die Datierung war der Tropfstein ein Glücksfall. Er muss nach dem Tod entstanden sein. Dadurch hatten die Forscher bei der Altersbestimmung noch einen weiteren wertvollen Anhaltspunkt. "Denn eine gute Datierung ist in solchen Fällen sehr schwer," sagt Stinnesbeck.

Auf die C14-Methode konnten die Wissenschaftler nicht setzen: Kollagen, das organische Material im Knochen, war ausgewaschen worden, das Ergebnis wäre sehr ungenau gewesen. Die weitläufigen Röhren der Höhlensysteme sind mit dem Karibischen Meer verbunden. "Dadurch gelangt auch Salzwasser nach Chan Hol, das ist aggressiver als Süßwasser", sagt Stinnesbeck. "Auch DNA-Analysen sind hier nicht mehr möglich."

Deshalb nutzte das deutsch-mexikanische Team unter anderem die Uran-Thorium-Datierung. Sie macht sich den radioaktiven Zerfall von Uran-Isotopen zunutze, dabei entsteht mit der Zeit Thorium. Die Uranverbindungen lösen sich dann - das Thorium ist dagegen nicht löslich und bleibt in den Ablagerungen zurück.

In ihrer Studie kommen die Forscher bei dem Skelett nach Abgleich der Datierungsergebnisse von Knochen und Tropfstein auf ein Alter von etwa 13.000 Jahren. Somit liegen sie genauer, als wenn sie nur den Knochen allein datiert hätten, schreiben sie. Damit wäre es einer der ältesten Funde von menschlichen Knochen auf dem amerikanischen Kontinent überhaupt.

Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, erlaubt das Rückschlüsse auf das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag. Allerdings liefert dieses Verfahren keine absolute Altersangabe wie die C14-Methode. Die Archäologen können so nur feststellen, dass ein Artefakt etwa zur gleichen Zeit in die Erde gelangt ist.

Für weitere, sehr vorsichtige Aussagen zu dem Toten nutzten die Wissenschaftler auch Fotos, die vor dem Diebstahl von Tauchern an der Fundstelle gemacht wurden. Demnach vermuten sie, dass es sich um einen jungen Mann gehandelt haben muss. Darauf weist eine kleine Knocheneinkerbung am Sitzbein nahe dem Becken hin, die bei Männern und Frauen unterschiedlich ausfällt.

Zudem sei der Tote nicht in der Höhle bestattet worden, sondern wohl vor Ort gestorben. Das ergibt sich aus der natürlichen Lage des Skeletts. Zum Zeitpunkt des Todes im späten Pleistozän standen viele

Fotostrecke

11  Bilder
Mexiko: Das nasse Grab von Chan Hol

Höhlen in Yucatán noch nicht unter Wasser. Deshalb konnten sich die Menschen früher normal darin bewegen. Auch Feuerstellen wurden schon gefunden.

Damals lag der Meeresspiegel etwa hundert Meter tiefer, erst mit dem Ende der letzten Eiszeit stiegen die Meere weltweit. Der heutige Wasserstand wurde in den Höhlen vor etwa 4500 Jahren erreicht.

In Mexiko hatte der Raub des Höhlen-Skelettes 2012 für Aufsehen gesorgt. Die INAH, Mexikos Nationales Institut für Anthropologie und Geschichte, hatte sogar Fahndungsplakate in Tauchshops und Supermärkten in der Gegend von Tulum aufgehängt. Doch der Fund blieb verschollen.

Dennoch liefert das Skelett dank der aktuellen Datierung einen interessanten Beitrag zur Besiedlungsgeschichte von Amerika, die unter Forschern schon länger diskutiert wird.

Lang waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass die Besiedlung von Amerika alleine auf die Clovis-Kultur in Nordamerika zurückgeht. Darauf hatte auch eine DNA-Analyse vor drei Jahren hingedeutet. Doch immer wieder gab es Zweifel an der These. Zuletzt hatten Forscher in einer umstrittenen Studie die Erstbesiedlung sogar 115.000 Jahre früher angesetzt. Sie lieferten allerdings nur indirekte Belege - und wollen von Menschen zerschmetterte Mammutknochen nachgewiesen haben.

In Chan Hol hatten Forscher 2010 übrigens mehr Glück. Damals holten sie den sogenannten Jungen von Chan Hol aus der Höhle, ein etwa 10.000 Jahre altes Skelett. Es war zu 60 Prozent erhalten. Entdeckt wurde es bereits 2006. Doch die fachgerechte Bergung eines solchen Fundes aus nassem Milieu ist heikel, schnell kann es zerstört werden, wenn sich die Lagerungsbedingungen zu plötzlich ändern. Deshalb hatten die Archäologen das Skelett zuvor drei Jahre lang untersucht, bevor sie sich zur Bergung entschlossen. Diese Zeit hätten die Forscher im aktuellen Fall auch gerne gehabt.

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.