Ausgegraben

Archäologie Steinzeit-Spuren in unseren Genen

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Steinzeitliches Grab in Sachsen-Anhalt: Analyse alter DNA kombiniert mit archäologischer Forschung
State Office for Heritage Management and Archaeology Saxony-Anhalt

Steinzeitliches Grab in Sachsen-Anhalt: Analyse alter DNA kombiniert mit archäologischer Forschung


Die Vorfahren der Europäer sind ab der Jungsteinzeit genetisch fassbar. Doch wer war es, der den Grundstein für unser Erbgut legte? Eine DNA-Untersuchung aus dem Mittelelbe-Saale-Gebiet liefert erste Antworten.

Wer sind wir eigentlich? Die meisten Menschen, die diesen Text lesen werden - sowie die Verfasserin -, leben mehr oder weniger konstant in Häusern. Sie essen vielleicht die gelegentliche Scheibe Wildsalami, ernähren sich aber ansonsten von Tieren oder Pflanzen, die für den Verzehr gezüchtet beziehungsweise angebaut wurden. Kaum einer jagt oder sammelt sein Essen.

Doch sind wir Nachfahren jener Bauern, die um 10.000 v. Chr. im Nahen Osten Ackerbau und Viehzucht erfanden - und in den kommenden 4500 Jahren bis Mitteleuropa wanderten, im Gepäck ihre revolutionären Ideen? Oder stammen wir von den Jägern und Sammlern ab, die durch unsere dichten Wälder streiften, aber diese Ideen so überzeugend fanden, dass sie fortan ebenfalls Tiere züchteten und Pflanzen anbauten?

Nach einer Antwort darauf suchen Wissenschaftler seit langem. Ein internationales Forscherteam, bestehend aus Anthropologen der Johannes- Gutenberg-Universität Mainz, des Australian Centre for Ancient DNA in Adelaide/Australien sowie Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle (Saale) hat nun etwas Licht in unsere dunkle Vergangenheit bringen können. Dazu haben sie die DNA mehrerer hundert Skelette von insgesamt 25 jungsteinzeitlichen Fundplätzen aus dem Mittelelbe-Saale-Gebiete untersucht.

Hier war viel los in der Jungsteinzeit

Warum ausgerechnet die Gegend um Mittelelbe und Saale? Zum einen eignen sich die mitteldeutschen Menschenfunde wegen der hier herrschenden günstigen Erhaltungsbedingungen gut für genetische Untersuchungen. Und hier war viel los in der Jungsteinzeit. Während der ersten 4000 Jahre bäuerlicher Sesshaftigkeit trafen in der Region immer wieder verschiedene Kultur- und Bevölkerungsgruppen aufeinander. Archäologisch sehen sie alle unterschiedlich aus. Aber waren sie es auch genetisch? Oder waren letzten Endes alle Cousinen und Cousins - egal, von welchen Geschirr sie aßen und wie sie ihre Toten bestatteten? Vergangene Woche haben die Forscher ihre Ergebnissein der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht und auf Pressekonferenzen in Halle und Adelaide präsentiert.

364 tote Neolithiker standen den Forschern zur Verfügung. Sie analysierten Bereiche der mitochondrialen DNA, die von der Mutter vererbt wird. Die ältesten Toten stammten aus dem 6. Jahrtausend vor Christus, als die ersten Bauern der Linienbandkeramikkultur sesshaft wurden. Die jüngsten lebten und starben zu Beginn der Bronzezeit im 2. Jahrtausend vor Christus.

Die Ergebnisse deuten auf vier große Verschiebungen in Zentraleuropa während des Neolithikums. Die erste Welle kam zwischen 10.000 vor Christus und 5500 vor Christus aus dem Nahen Osten. Die eingewanderten Bauern ersetzten große Teile der bis dato ansässigen Jäger-Sammler-Bevölkerung. Danach herrschten 2500 Jahre genetische Ruhe. Dann kam das Spätneolithikum - und mit ihm aus dem Norden die Trichterbecherkultur, aus dem Osten die Schnurkeramische Kultur und die Glockenbecherkultur aus dem Westen.

"Nachdem das Bauerntum in Europa etabliert war und alle siedlungsgünstigen Territorien bevölkert waren, folgte eine lange Zeit der Stasis", sagt Forscher Guido Brandt von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Erst als ökonomische Faktoren wie die Verfügbarkeit von Metallen an Bedeutung gewannen, seien instabilere Zeiten angebrochen, in denen plötzliche genetische Umbrüche erkennbar seien. "Während die Erbgut-Signatur der ersten Bauern in dieser Zeit immer weiter ausgedünnt wird, kommen entweder neue genetische Linien hinzu oder die bekannten Jäger-Sammler Linien erfahren eine überraschende Rückkehr", sagt Brandt.

Allein durch genetische Daten hätte man das nicht aufdecken können, betont der Mainzer Forscher Kurt Alt. "Unsere Studie war als integrative Forschung erfolgreich."

Durch Ereignisse in der Jungsteinzeit wurde also Schicht für Schicht das Fundament für derzeitigen Genpool der Europäer gelegt. Seitdem hat dieser sich tatsächlich wenig verändert.

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28 Leserkommentare
papayu 20.10.2013
Layer_8 20.10.2013
joG 20.10.2013
Eckhard 20.10.2013
sschuste 20.10.2013
franklin1157 20.10.2013
reuanmuc 20.10.2013
kumo17 20.10.2013
reuanmuc 20.10.2013
regentrude 20.10.2013
Layer_8 20.10.2013
insprinc 20.10.2013
reuanmuc 20.10.2013
DianaSimon 20.10.2013
wasgucksdu 20.10.2013
herkurius 21.10.2013
mayazi 21.10.2013
Blaue Fee 21.10.2013
Blaue Fee 21.10.2013
Miere 21.10.2013
Zoppo 21.10.2013
bustany 21.10.2013
crookes 21.10.2013
crookes 21.10.2013
cafbad 21.10.2013
isp 21.10.2013
Blaue Fee 21.10.2013
FXRichter 22.10.2013

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