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24. Februar 2013, 07:41 Uhr

Ausgegraben - Neues aus der Archäologie

Nach dem Fell kamen die Farben

Von Angelika Franz

Wie alt ist die Kunst des Tätowierens? So alt wie der Verlust unserer Ganzkörperbehaarung, meint eine Anthropologin. Außerdem im archäologischen Wochenrückblick: der Befehl zur Verhaftung des "Fürsten der Dunkelheit", ein neufundländischer Vogelkult und die Rückkehr eines Paar Skier in die Antarktis.

Wann begannen die Menschen, ihre Haut zu tätowieren? Dieser Frage ging die Anthropologin Nina Jablonski von der Penn State University auf dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in Boston nach. Vor 1,5 bis zwei Millionen Jahren verloren unsere Vorfahren ihr Fell. Und nutzen schon bald darauf die frei gewordene Fläche als Leinwand, meint Jablonski. Mit den Körperbemalungen verfolgten sie vornehmlich zwei Ziele: das andere Geschlecht zu beeindrucken oder Gruppenzugehörigkeit zu demonstrieren.

Frauen nutzen die Körperbemalung, um sich attraktiver zu machen, zum Beispiel durch die eine scheinbare Vergrößerung der Augen. "Wir können so visuell beeindrucken und einen gänzlich anderen Eindruck hinterlassen als mit undekorierter Haut", sagte die Anthropologin. Doch während Knochen sich lange Zeit erhalten, vergeht Haut relativ schnell - und damit ist der Nachweis von permanenten Tätowierungen und temporären Bemalungen nur schwer zu erbringen.

Indirekte Anzeichen für Körperbemalung gibt es schon sehr früh. So fanden Archäologen beispielsweise eine 100.000 Jahre alte "Werkstatt" zur Herstellung von Farbe in der südafrikanischen Blombos Höhle. In Muscheln hatten die Menschen dort Ocker als Farbe zubereitet und gelagert. Sie vermischten das Pigment mit Fett, Knochenmehl, Quarz und Holzkohle. Die Wände der Höhle waren jedoch nicht bemalt - daraus könnte man schließen, dass die Farbe zur Bemalung von Haut diente.

+++ Vogelkult in Neufundland +++


Neufundland ist sowohl auf dem Land als auch in den Gewässern reich an nahrhaften Tieren: Karibu zum Beispiel oder Seehunde. Doch wie jüngere archäologische Untersuchungen von Abfallhaufen der Beothuk zeigen, hatten diese offenbar eine Vorliebe für Tiere, die ausgerechnet die Luft bevölkern: für Vögel.

Die letzte Beothuk starb 1829, so dass die Anthropologen heute nur noch die archäologischen Hinterlassenschaften des Volkes haben, um ihr Leben zu untersuchen. Und als sie die überraschende Vorliebe der Beothuk für Vögel im Kochtopf festgestellt hatten, begannen sie auch in anderen Bereichen immer mehr Vögel zu entdecken. In der aktuellen Ausgabe des "Cambridge Archaeological Journal" beschreiben Todd Kristensen von der University of Alberta und sein amerikanischer Kollege Donald Holly den Vogelkult der Beothuk. Die Anhänger, die die Beothuk ihren Toten mit ins Grab geben, waren zwar aus Karibu-Knochen geschnitzt - zeigten aber oft Motive wie Vogelfüße oder Federn, die eindeutig von fliegenden Kreaturen inspiriert waren.

"Warum sollte man Seevögel abbilden, wenn es doch Bären und Wölfe und Seehunde und Wale gab?", fragten sich die Forscher. Nach Antworten suchten sie in der Glaubenswelt der Beothuk: "Auch wenn eine watschelnde Ente vielleicht kein glamouröses Tier ist, bedeutete sie doch viel für die Beothuk, weil sie sich mühelos von einer Welt zur nächsten bewegte - von Wasser zu Luft." Die Vögel, meinen die Wissenschaftler, seien "spirituelle Botschafter", die die Seelen der Toten ins Nachleben hinübertragen würden. G

enau werden wir allerdings nie wissen können, welche Rolle die Vögel bei den Beothuk tatsächlich spielten. Nachdem der anglo-italienische Entdecker John Cabot im Jahr 1497 seinen Fuß auf neufundländischen Boden gesetzt hatte, war das Volk in der Folgezeit den Krankheitserregern ausgesetzt, die Portugiesen, Franzosen und Briten in das Gebiet des heutigen Kanada einschleppten. "Archäologen gehören jetzt mit zu den wenigen, die den Beothuk noch ihre Geschichte wiedergeben können", sagt Kristensen.

+++ Haftbefehl für den "Fürsten der Dunkelheit" gefunden +++


"Leg' Dich nie mit den Medici an!" Diese grundsätzliche Überlebensregel des 16. Jahrhunderts hatte Niccolò Machiavelli sträflich vernachlässigt. Vor genau 500 Jahren erließ die mächtige Florentiner Familie einen Haftbefehl gegen den Politiker, Diplomaten, Philosophen, Geschichtsschreiber und Dichter, der wegen seiner rücksichtslosen Auslegungen von Macht auch als "Fürst der Dunkelheit" bekannt wurde.

Nun hat der Historiker Stephen Milner von der Manchester University hat den Haftbefehl aus dem Jahr 1513 entdeckt. Milner war für den 500-Jahr-Gedenktag der Verhaftung auf der Suche nach Dokumenten, um die genauen Vorgänge von damals zu rekonstruieren. Der Haftbefehl wurde von einem Beamten auf einem Pferd und bewaffnet mit einer Silbertrompete an verschiedenen Stellen der Stadt verlesen.

Unter den Dokumenten aus jenen Jahren entdeckte Milner, der als Gastprofessor am Harvard Centre for Italian Renaissance Studies at Villa I Tatti in Florenz lehrt, auch die Honoraranweisung für vier Reiter, die die Straßen von Florenz nach Machiavelli durchsuchen sollten. Nachdem er gefunden war, ließen die Medici den Politiker verhaften und foltern. Zwar wurde er wieder freigelassen, sein Abstieg war von dem Moment an jedoch unaufhaltsam.

Um sich bei den Medici wieder beliebt zu machen, schrieb zu zwar noch sein bekanntestes Werk, "Il Principe" - es ist allerdings nicht bekannt, ob sie es jemals überhaupt lasen. 14 Jahre später starb Machiavelli verarmt an einem Magenleiden.

+++ Äxte der Anarchie +++


Als das Weströmische Reich zusammenbrach, änderte sich so einiges - sogar im abgelegenen Skandinavien. Das fand die Archäologin Ingrid Ystgaard von der Norwegian University of Science and Technology heraus, als sie die materiellen Hinterlassenschaften der Zeit studierte.

Zwischen 400 und 600 nach Christus waren einfache Befestigungen aus Stein auf Hügelkuppen oder anderen einfach zu verteidigenden Orten populär. Dann aber wurden sie plötzlich wieder aufgegeben. Ystgaard fragte sich, warum. Auf die Spur einer möglichen Antwort kam sie in den Gräbern jener Zeit. Denn um 500 begann sich die Bewaffnung der Krieger zu ändern. Vorher entsprachen die Waffen eines Germanen in etwa denen eines römischen Legionärs. "Die Waffentechnologie des Römischen Reiches setzte den Standard nicht nur in den Provinzen, sondern auch im freien Germanien und in Skandinavien", erklärt die Forscherin auf der skandinavischen Wissenschaftsplattform "ScienceNordic".

Zum Standard gehörten ein zweischneidiges Schwert, Lanzen, Speere und Schilde. Mit dieser Ausrüstung ließen sich kriegerische Auseinandersetzungen führen, bei denen sich zwei Armeen gegenüberstanden, die nach mehr oder weniger festen Regeln kämpften. Zunächst kamen die Speere zum Einsatz, dann die Lanzen, zum Schluss im Nahkampf das Schwert.

Als sich das Weströmische Reich auflöste, änderten sich auch die Konflikte. Aus organisierten Schlachten wurden überfallartige Scharmützel. Oft waren das Ziel der Aggressionen auch gar keine fremden Armeen mehr, sondern benachbarte Gruppen. Damit wurden um das Jahr 500 die Äxte populär, wie an den Gräberfunden abzulesen ist. Diese Waffe, die auch als Werkzeug gebraucht werden kann, steht für eine ganz andere Art von Kampfhandlungen. Es herrschte kein geordneter Kampf mehr, sondern kleinteilige Anarchie.

Zumindest für ein weiteres Jahrhundert, bis die Befestigungen wieder aufgegeben werden. Um das Jahr 600 scheint die Lage sich wieder beruhigt zu haben - die Herrschaft lag wieder in der Hand von Wenigen, die aber über größere Gebiete herrschten. Erste kleine Königreiche bildeten sich heraus, die Zeit der Axt war vorüber.

+++ Wer waren und wohin gingen die Etrusker? +++

Wer waren die Etrusker? Dieser Frage geht ein italienisches Forscherteam in der aktuellen Ausgabe von PLOS One nach. Die Etrusker lebten vom 8. bis zum 1. Jahrhundert vor Christus im Raum der heutigen Regionen Toskana, Umbrien und Latium. Aus bisherige Studien wurde allerdings nicht klar, ob ihre Kultur sich lokal entwickeltet hatte oder, wie der griechische Historiker Herodot behauptet, auf Vorfahren in Anatolien zurückging.

Die Forscher nahmen DNA-Proben von 14 Individuen aus zwei etruskischen Nekropolen und verglichen die Daten mit denen von mittelalterlichen und heutigen Bewohnern des mediterranen Beckens. Dabei kam heraus, dass die Etrusker genetische Ähnlichkeiten mit den heutigen Bewohnern der Städte Casentino und Volterra haben, nicht aber mit der heutigen Bevölkerung des gesamten einstigen etruskischen Kernlandes.

Im Mittelalter sah es dagegen noch ganz anders aus: bei der mittelalterlichen Bevölkerung der Toskana handelte es sich noch um direkte Nachfahren der Etrusker. Die meisten Vorfahren der heutigen Bewohner von Florenz oder Murlo müssen also erst im Laufe der vergangenen 500 Jahre in der Toskana angekommen sein. Weiterhin ergab die Studie, dass die genetische Verbindung zu den Menschen aus Anatolien auf einen wahrscheinlich bereits 7600 Jahre alten Link zurückgeht - lange bevor die etruskische Kultur überhaupt entstand.

+++ Entdecker-Skier kehren zurück in die Antarktis +++

Entdecker-Skier kehren zurück in die Antarktis

Ein Paar Skier, das einst dem Polarforscher Edward Atkinson gehörte, wird nun in die Antarktis zurückkehren. Edwards war Teilnehmer der fatalen Terra Nova Expedition des Entdeckers Robert Falcon Scott. Die Expedition endete im Jahr 1912 mit dem Tode Scotts und vier seiner Begleiter, während sein Kontrahent Roald Amundson sechs Wochen zuvor den Südpol erreicht hatte.

Edward Atkinson arbeitete als Chirurg der Royal Navy für die Expedition. Er war verantwortlich für das Base Camp Evans und leitete das Team, das schließlich die Körper von Scott und zwei seiner Begleiter fand. Die Skier stammen aus der Hütte am Cape Evans. Sie wurden 1948 von dem Hubschrauberpiloten Lloyd Tracy von dort entwendet. Tracy fand sie auf einem Haufen bei den Hütten, als er mit der USS Edisto in der Antarktis unterwegs war. Er nahm die Skier als Souvenir mit.

Die Ruinen der Hütten liegen auf Ross Island für jeden Besucher frei zugänglich, eine ständige Aufsicht gibt es auch heute dort nicht. Allerdings arbeiten den arktischen Sommer über Archäologen und Konservatoren an der Stätte. Tracys Sohn gab die Skier nun zurück an den Antarctic Heritage Trust, der die Hütten verwaltet und für die Nachwelt konserviert.

Die Skier sollen jetzt zurück nach Ross Island. Manchmal werden Objekte allerdings auch für Forschungszwecke aus den Hütten der Polarexpeditionen entfernt. Erst im Januar diesen Jahres kehrten drei Flaschen Whisky zurück in die Hütten der Shackleton Expedition auf Ross Island. Sie waren nach ihrer Entdeckung im Jahr 2010 zunächst nach Christchurch und dann nach Schottland gebracht worden, wo der Inhalt erst analysiert und dann nachgebrannt wurde.

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