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Archäologie: Wie der Libanon seine Geschichte verhökert

Verhökert an den höchsten Bieter: Weil die Strafen lax sind, werden im Libanon viele archäologisch wertvolle Funde von dubiosen Händlern verkauft. Die kostbaren Stücke gelangen in Privatsammlungen statt in öffentliche Museen. Zudem bringt der Bauboom im Land die Schätze in Gefahr.

Libanon: Antiken-Schmuggel boomt Fotos
AFP

Baalbeck - Abu Nadschef ist Schatzsucher. Seit drei Jahrzehnten gräbt der Libanese nach Überresten der reichen Vergangenheit seines Landes. Mit dem Verkauf der Goldstücke, Armreifen, Ohrringe oder Tonlampen ernährt der Mittsechziger seine Familie. Doch seine zum Teil Jahrtausende alten Fundstücke gelangen nicht ins Museum, sondern in die Hände von Geschäftemachern auf der ganzen Welt.

In Baalbeck im Osten des Landes, Standort der großartigsten römischen Tempelanlagen, verhökern Plünderer wie Nadschef die Schätze vergangener Kulturen. Denn der Schmuggel von Pretiosen aus alter Zeit wird im Libanon maximal mit geringen Geldstrafen bestraft.

"Ich weiß, dass dies historische Artefakte sind, aber meist kenne ich ihren genauen Wert nicht", sagt Nadschef. "Ich arbeite mit einem Händler nördlich von Beirut zusammen." Der Mann, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, ist sich keiner Schuld bewusst. "Ich habe eine Frau und sechs Kinder zu versorgen, und das mache ich mit diesem Geschäft."

Nadschef ist nicht der einzige Schatzsucher. Statuen, Gefäße und sogar Mosaike aus den illegalen Raubzügen enden oft in Häusern und Gärten libanesischer Bürger und vor allem Politiker. Im Februar beschlagnahmte die Polizei bei einem islamischen Scheich in Baalbeck einen Kindersarkophag aus dem Römischen Reich.

Weltweit sind archäologische Schätze aus dem Libanon in privaten Sammlungen zu finden. "Der ganze Libanon ist eine wahre Fundgrube für Antiquitäten, aber wir verlieren viele davon durch Diebstähle und den Mangel an professionellen Ausgrabungen", sagt ein Professor für Archäologie, der ebenfalls aus Angst vor den Behörden seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Während des verheerenden Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 waren Plünderungen antiker Stätten an der Tagesordnung. Der Schmuggel von Kulturschätzen aus der Zeit der Phönizier, Römer, Kreuzritter und Byzantiner blühte.

Für Schmuggler gibt es nur kleine Geldstrafen

"Der Libanon ist noch immer ein beliebtes Transitland für solchen Schmuggel", sagt Rana Andari, Leiterin der Archäologischen Sammlung in der Zentralbehörde für Antiquitäten. "Die Polizei beschlagnahmt mindestens 20-mal jährlich Schmuggelware im Landesinneren. Was am Flughafen und den Grenzübergängen vor sich geht, ist gar nicht mitgerechnet."

Die Bewahrung des historischen Erbes gehört nicht zu den Prioritäten des Landes. "Das Problem ist, dass Schmuggler nur kleine Geldstrafen befürchten müssen", sagt Andari. "Verglichen mit Jordanien oder Ägypten sind die Gesetze im Libanon harmlos." Andernorts wird die Hehlerei mit bis zu 15 Jahren Gefängnis geahndet.

Gleichzeitig werden Jahrtausende alte historische Stätten oft völlig vernachlässigt. Der Schrein des phönizischen Heilgottes Eschmun im Südlibanon etwa ist von Unkraut überwuchert. 1981 wurden 600 Skulpturen aus der religiösen Stätte gestohlen, 50 davon sind noch immer weltweit auf dem Markt.

Das berühmteste der wenigen Museen im Libanon, das Nationalmuseum in Beirut, zeigt etwa 2000 archäologische Relikte. Hunderttausende weitere verstauben im Lager des Museums, weil für die Ausstellung keine Mittel und kein Personal vorhanden sind. Die dem Kulturministerium angegliederte Zentralbehörde für Antiquitäten beschäftigt lediglich 15 Archäologen, drei davon in Museen.

Währenddessen wird Beirut dank einer Welle von Investitionen eine moderne Hauptstadt. Doch vielerorts wird dabei die reiche Vergangenheit begraben oder zerstört. Der Professor für Archäologie sieht den Aufschwung mit Sorge: "Durch den neuen Bauboom in Beirut können wir Ausgrabungen bald Lebewohl sagen."

Rana Moussaoui, AFP

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Archäologie: Streit um die Schätze der Vergangenheit


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