Ausgegraben

Ausgegraben Was vom Menschen am längsten bleibt

Archäometrie: Was vom Menschen am längsten bleibt Fotos
Anne Lauritsen

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Nachdem ein Körper schon lange verwest ist, bleiben die Stellen, wo die Organe lagen, noch lesbar. Archäometriker haben eine Methode gefunden, daraus die chemische Lebensgeschichte des Toten zu rekonstruieren.

Asche zu Asche, Staub zu Staub, Quecksilber bleibt da. Diese Formel ist vielleicht ein wenig sperrig für Begräbniszeremonien - also werden Pfarrer wohl bei der etablierten Kurzversion bleiben. Aber akkurat wäre es, das Element mit der Ordnungszahl 80 im Verwesungsprozess herauszustellen.

Denn anders als zu Beispiel Eisen, Aluminium oder Magnesium, die tatsächlich nach der Dekomposition eines Körpers wieder in den Naturkreislauf zurückkehren, verbleibt Quecksilber an Ort und Stelle: dort, wo die Organe lagen. Der Grund dafür ist, dass Quecksilber sich gerne mit Schwefel zu Quecksilbersulfid verbindet - eine sehr stabile chemische Verbindung, die so unbeweglich ist, dass sie, einmal abgelegt, Jahrhunderte an diesem Ort verbleibt. Und da Quecksilber noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein beliebtes Heilmittel bei einer ganzen Bandbreite an Krankheiten - von Frauenleiden über Darmverschluss bis hin zur Syphillis - war, sind unsere Friedhöfe voll davon.

Auf die Idee, gezielt nach Quecksilber in den Organen zu suchen, kam ein Forscherteam um Kaare Lund Rasmussen vom Institut für Physik, Chemie und Pharmazie der Universität Süddänemark. In der Zeitschrift "Heritage Science" berichten sie von ihren Untersuchungen auf zwei dänischen Friedhöfen des Mittelalters: dem Friedhof Lindegaarden in Ribe aus dem 11. Jahrhundert und dem Friedhof Ole Wormsgade in Horsens aus der Zeit von 1250 bis zur Reformation im Jahr 1536.

Probenentnahme dort, wo die Organe lagen

Rasmussen ist ein alter Bekannter der Archäologen - seit über 20 Jahren arbeitet er in der Archäometrie, der Erforschung von archäologischen Kontexten mit naturwissenschaftlichen Methoden. Die Ausgräber sind auf die Naturwissenschaftler wie Rasmussen dringend angewiesen, denn kaum einer von ihnen hat je einen Chemie- oder Physik-Leistungskurs besucht. Als die Archäologen nun bei den Ausgrabungen auf dem Lindegaden und dem Ole Wormsgade einige Skelette so weit freigelegt hatten, dass die obere Hälfte der ehemaligen Körpermasse abgetragen war, riefen sie die Archäometriker hinzu.

Rasmussen und sein Team entnahmen Proben dort, wo einst Leber, Lunge und Nieren lagen, sowie Vergleichsproben an Stellen, an denen sich keine Organe befanden - innerhalb und außerhalb des ehemaligen Körpers.

Im Labor wurden die Proben dann ausgewertet. Zwei der Toten scheinen zu Lebzeiten keinen außergewöhnlichen Kontakt zu Quecksilber gehabt zu haben. Bei zwei weiteren fanden die Forscher erhöhte Konzentrationen und bei den drei letzten sogar stark erhöhte Werte. Besonders stach aus den Ergebnissen ein Kind hervor, das im Alter von zehn bis 13 Jahren auf dem Lindegaarden-Friedhof in Ribe beigesetzt worden war. Einer der Messwerte aus der Leber war der höchste aller Proben, die Forscher fanden hier 2688 ± 120 ng g-1 Quecksilber.

Aber auch dort, wo einst die Lungen gelegen hatten, lagen die Werte noch über 1000 ng g-1. Nun baut der Körper Quecksilber in der Lunge wesentlich schneller ab als in der Leber. "Die Halbwertzeit von Quecksilber beträgt in der Leber etwa zwei Monate, in den Lungen 1,7 Tage", erklärt Rasmussen. Damit wird aus den Quecksilberwerten die Krankengeschichte des Kindes lesbar.

Offenbar litt es bereits mehrere Monate vor seinem Tod an einer Krankheit, gegen die es eine hohe Dosis Quecksilber verabreicht bekam - das Rasmussen und sein Team dann in der Leber fanden. Doch verbessert scheint sich sein Zustand nicht zu haben. In seinen letzten Tagen bekam das Kind erneut Quecksilber - das der Körper aber nicht mehr abbauen konnte, die Reste verblieben in den Lungen.

Während die Quecksilberwerte aus den Organen von Krankheiten in den letzten Lebensmonaten oder -tagen erzählen, reichen andere Gewebe weiter in die Vergangenheit zurück. "Die Halbwertzeit von Quecksilber im kompakten Oberschenkelknochen beträgt beispielsweise fünf bis zehn Jahre, die im schwammartigen Inneren der Langknochen drei bis fünf", schreibt Rasmussen. "Andere Gewebe bleiben unverändert, nachdem sie sich einmal gebildet haben, und sind so eine Art Zeitkapsel."

Das älteste Gewebe ist der Schmelz des ersten Schneidezahns, der sich bereits sechs Monate vor der Geburt zu bilden beginnt: "Er reflektiert sogar die Chemie im Körper der Mutter." Das Felsenbein, der härteste Knochen des menschlichen Schädels, ist mit etwa zwei Jahren unveränderlich fertig. Die Weisheitszähne spiegeln das chemische Gleichgewicht im Alter von 18 bis 20 Jahren. "So können wir die chemische Belastung durch das gesamte Leben eines Individuums hindurch verfolgen", erklärt Rasmussen. "Wir haben das die chemical life history genannt, die chemische Lebensgeschichte."

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9 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Kauzboi 18.08.2013
Izmi 18.08.2013
nereb 18.08.2013
orwyn 19.08.2013
3xo 19.08.2013
susiwolf 19.08.2013
Tiananmen 19.08.2013
rogerwilco 20.08.2013
guteronkel 26.08.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.