Arztfehler Bis zu 15 Prozent aller Diagnosen sind falsch

Wie oft urteilt ein Arzt falsch? Schätzungen zufolge schwankt die Quote je nach Fachgebiet zwischen zwei und 15 Prozent. Viele Ärzte überschätzen ihre Fähigkeiten, kritisieren Forscher, und fordern gezielte Maßnahmen, um im schlimmsten Fall tödliche Fehldiagnosen zu vermeiden.

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Kunstfehler? Falsche Diagnose? Ärzte sprechen nicht gern über ihre Fehler. Am offenen Umgang mit Missgeschicken mangelt es in vielen Praxen und Krankenhäusern. Forscher haben sich nun mit einem sehr delikaten Aspekt ärztlicher Fehler beschäftigt: den falschen Diagnosen.

Mammografie in der Universitätsklinik Greifswald: "Uns liegen keine Zahlen für Deutschland vor"
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Mammografie in der Universitätsklinik Greifswald: "Uns liegen keine Zahlen für Deutschland vor"

Die Fehlerquote liege in Bereichen wie der Pathologie, Radiologie oder Dermatologie zwischen zwei und fünf Prozent, erklären Eta Berner von der University of Alabama und Mark Graber von der State University of New York. Doch es gebe auch Fehlerraten deutlich über zehn Prozent, etwa beim Lesen von Röntgenbildern, schreiben die Forscher in einer Sonderausgabe des Fachblatts "The American Journal of Medicine".

Die beiden Experten haben Dutzende Studien zu Fehldiagnosen durchgesehen und die teils sehr verschiedenen Schätzungen zusammengetragen. So hatte ein Forscherteam des University College London den Anteil der Fehldiagnosen in britischen Krankenhäusern mit sechs Prozent beziffert. Andere Studien kamen zumindest für die Notfallstationen auf Werte bis zu zwölf Prozent.

Tumor mit Hämorrhoiden verwechselt

Arthur Elstein, emeritierter Professor von der University of Illinois in Chicago, hat sich fast sein gesamtes Berufsleben lang mit Irrtümern der Götter in Weiß beschäftigt. Nach seiner Schätzung liegen Mediziner in etwa 15 Prozent aller Fälle falsch.

"Die meisten Diagnosen sind korrekt" betonen Berner und Graber jetzt, doch trotz modernster Technik gebe es immer noch zu viele falsche Urteile. Ärzte seien zu sehr von sich überzeugt, sie überschätzten die Genauigkeit ihrer Diagnosen. Das sensible Problem von Fehldiagnosen werde zu wenig thematisiert und sei auch nicht ausreichend erforscht.

An exakte Zahlen über falsche Einschätzungen deutscher Mediziner zu kommen, ist so gut wie unmöglich: "Uns liegen keine Zahlen für Deutschland vor", sagt Jörg Lauterberg vom AOK-Bundesverband. Lauterberg ist ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Kunstfehler: Er sitzt im Vorstand des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, das im Februar eine Broschüre veröffentlicht hatte, die für einigen Wirbel sorgte. 17 Ärzte und Pfleger bekannten sich darin öffentlich zu Behandlungsfehlern.

Die Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern hat Hunderte Fälle von Arztirrtümern bearbeitet. So ging eine 47-jährige Frau wegen Blutabganges aus dem Anus zu ihrer Hausärztin. Diese stellte Hämorrhoiden fest und verordnete Salben und Zäpfchen, ohne den Enddarm zu untersuchen. Die Patientin kam mehrfach wieder, immer mit den gleichen Beschwerden. Wegen auffälliger Laborwerte wurde die Frau knapp vier Monate nach dem ersten Arztbesuch zum Urologen überwiesen - und dieser stellte schnell fest, dass es sich nicht um Hämorrhoiden, sondern um einen Tumor handelte.

Ärzte überschätzen eigenes Urteilsvermögen

Fälle wie dieser beschäftigen die Schlichter immer wieder, deren Ziel es ist, Streit zwischen Patienten und Medizinern außergerichtlich zu lösen. Im Fall der angeblichen Hämorrhoiden erkannte der Gutachter der Schlichtungsstelle eine Sorgfaltspflichtverletzung der Ärztin. Der Krankheitsverlauf sei typisch gewesen, eine Darmuntersuchung hätte zwingend erfolgen müssen. Die Diagnose und somit die Behandlung seien um rund vier Monate verzögert worden.

Für das Jahr 2007 hat die Schlichtungsstelle eine Liste der häufigsten Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen niedergelassener Ärzte in Norddeutschland erstellt. An der Spitze stehen nicht erkannte Brusttumore, gefolgt von Frakturen an Hand, Handgelenk oder Unterarm sowie Blinddarmentzündungen. "Selbst Hausärzte staunen, wenn sie in Statistiken lesen, wie oft in ihrer Berufsgruppe zum Beispiel Blinddarmentzündung nicht oder zu spät erkannt werden", sagt AOK-Experte Lauterberg.

Wie aber lassen sich derartige, für Patienten mitunter folgenschwere Fehleinschätzungen vermeiden? Irren sei menschlich, das gelte auch für Mediziner, schreiben Berner und Graber im Fachblatt "The American Journal of Medicine". Viele seien sich aber gar nicht bewusst, wie hoch die eigene Fehlerquote tatsächlich sei. Die Ärzte bräuchten ein besseres Feedback.

Aufruf an die Patienten: Hakt nach!

"Lernen und Feedback sind untrennbar" erklärt Gordon L. Schiff vom Brigham and Women's Hospital in Boston, der in der Sonderausgabe des Fachblatts für ein systematisches Feedback plädiert. Anders als seine Kollegen Berner und Graber macht er weniger die Selbstgewissheit der Ärzte, sondern viel stärker den Zeitdruck in vielen Kliniken für die Fehler verantwortlich.

Eine Absicherung gegen Fehldiagnosen könnten auch Computer bieten: "Verschafft den Ärzten einen Internetzugang im Behandlungszimmer", fordert Graber. So könnten sie schnell auf Fachtexte und Fachmagazine zugreifen. Zudem sei Software zu empfehlen, die die Entscheidungsfindung unterstütze. Grabers Rat an Mediziner, doch auch eine zweite Meinung einzuholen, erscheint da fast schon banal. Das Verfahren scheitert im Alltag häufig auch am Zeit- und Kostendruck.

Eine wichtige Rolle spielen laut Graber jedoch auch kritische, aufmerksame Patienten. Sie seien "ideale Partner" der Ärzte, um die Fehlerwahrscheinlichkeit zu senken. Dazu müssten Mediziner jedoch auch ihre Kommunikation ändern: Häufig würden nur Untersuchungen beschrieben und Testergebnisse genannt, statt die Diagnose explizit anzugeben.

Und wenn die Diagnose unsicher sei, sollte dies auch offen so gesagt werden, fordert der Mediziner. Patienten ruft er zum Nachfragen auf: "Was könnte es noch sein?" Über andere Varianten nachzudenken, sei ein guter Weg, um der Tendenz menschlichen Denkens entgegenzuwirken, die erstbeste Erklärung für die richtige zu halten.



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