Astronomie in der Antike Mehr Sonne bitte!

Hauptsache gigantisch, lautete das Motto der Römer, selbst wenn sie Sonnenuhren bauten. Sogar das Pantheon soll einer neuen Theorie zufolge dem Studium des Gestirns gedient haben. Zu Meister-Astronomen wurde aber ein anderes Volk der Antike, das Raffinesse vor Größe setzte: die Griechen.


Die Bahnen von Planeten und Sternen zu berechnen, gehörte schon früh zum Repertoire der Menschheit. Um 4800 vor Christus bauten neolithische Bauern nahe der heutigen Stadt Goseck in Sachsen-Anhalt eine Ringgrabenanlage, deren Südtore auf den Sonnenauf- und -untergang zur Wintersonnenwende ausgerichtet waren. Sie gilt als das älteste bekannte Sonnenobservatorium der Welt.

Rund 2200 Jahre später schleppten auf dem britischen Festland engagierte Sonnenbeobachter tonnenschwere Felsbrocken von Wales in die Ebene von Salisbury, um dort die Steinkreise von Stonehenge zu errichten. Zu annähernd gleicher Zeit arbeiteten am anderen Ende der bekannten Welt ägyptische Priester mit einem 365-Tage-Kalender, der auf der Sichtbarkeit des Doppelsterns Sirius basierte. Und um 1000 vor Christus jonglierten babylonische Astronomen bereits so geschickt mit der Berechnung von Himmelsphänomenen, dass sie verlässliche Aussagen über deren Auftreten treffen konnten.

Eine Sonnenuhr zu bauen, ist nicht besonders schwer. Man steckt einen Stock in die Erde und markiert um ihn herum im Verlauf des Tages die Richtung des geworfenen Schattens. Wer das ganze Jahr über auch noch die Positionen der Schattenspitze festhält, weiß dann im kommenden Jahr genau, wann der Sommer seinen Höhepunkt erreicht hat und ab wann die langen Nächte des Winters wieder kürzer werden.

Tag- und Nachtgleiche im Pantheon

Auch die Römer bauten Sonnenuhren. Aber sie sind nicht gerade dafür bekannt, dass sie sich mit Stöcken in der Erde behalfen, wenn sie stattdessen auch einen Prachtbau in die Landschaft stellen konnten. Kaiser Augustus nahm zum Zweck der Vermessung des Jahres einen fast 30 Meter hohen Obelisken, den er nach einem erfolgreichen Feldzug den Ägyptern stibitzt hatte. Der wurde zum Zeiger seiner monumentalen Sonnenuhr auf dem Marsfeld in Rom - weithin für jeden sichtbar.

Doch es ging noch größer. Unweit der augustäischen Anlage ließ der Feldherr und Politiker Marcus Agrippa 27 bis 25 vor Christus das Pantheon errichten - ebenfalls zu Ehren des Augustus. Zwar steht heute in Rom nur noch der Wiederaufbau des Tempels aus dem Jahr 128 nach Christus - der ist aber wohl dem ersten Entwurf in seinen Grundzügen ähnlich. Und war - wie der neuseeländische Archäologe Robert Hannah in seinem gerade erschienenen Buch "Time and Antiquity" ausführt - möglicherweise ebenfalls eine überdimensionale Sonnenuhr.

Da weder Wände noch Kuppel Markierungen für besondere Daten tragen, sind Forscher erst in den vergangenen Jahren auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden. Der Bau gilt gemeinhin immer noch als Tempel für "alle Götter", wie die Übersetzung des griechischen Wortes "Pantheon" lautet. "Kein Wunder - antike Sonnenuhren kamen meistens ohne Gebrauchsanweisung", verteidigt Hannah die Sonnenuhr-Theorie. "Sie waren Teil der Kultur und benötigten keine Erklärung."

Von außen wirkt das Gebäude klobig. Tritt man aber durch den Vorbau in den 43 Meter hohen Kuppelsaal, wird das Ausmaß des Tempels vollends klar. Die geräumige Leere ohne tragende Pfeiler wirkt auch auf heutige Betrachter noch überwältigend. Beleuchtet wird der Raum einzig durch ein Loch im Dach, das "Auge". Durch ihn fällt ein Sonnenstrahl, der als Lichtpunkt auf der Wand den Tageslauf der Sonne nachzeichnet - der Finger der Sonnenuhr.

Während des Winterhalbjahres wandert der Lichtpunkt innen im Kuppeldach entlang. Wenn aber im Sommerhalbjahr die Strahlen in einem steileren Winkel einfallen, bewegt er sich über die Wände und den Fußboden. Nur zweimal im Jahr, an den beiden Tag- und Nachtgleichen, überstreicht das Mittagslicht die Nahtstelle zwischen Wand und Kuppel - und fällt dabei durch ein Gitter über der Tür in den Vorraum.

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