Astronomie-Pionier Forscher graben Tycho Brahes Knochen erneut aus

Wurde er vergiftet? Wissenschaftler haben die sterblichen Überreste des dänischen Astronomen Tycho Brahe in Prag ein zweites Mal exhumiert. Sie wollen die mysteriösen Umstände seines plötzlichen Todes im Jahr 1601 genauer untersuchen.

Erneute Exhumierung: Tycho Brahes Tod soll genauer untersucht werden
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Erneute Exhumierung: Tycho Brahes Tod soll genauer untersucht werden


Prag - Tycho Brahe lebte erst seit kurzem am Hofe des Kaisers Rudolph II. in Prag, als er nach einem Bankett plötzlich erkrankte. Zehn Tage später starb er im Alter von 54 Jahren. Seitdem kursieren verschiedene Varianten, wie der weltberühmte Astronom zu Tode gekommen sein könnte. Nach mehr als 400 Jahren will ein internationales Team von Wissenschaftlern die Ursache endlich aufklären. Am Montag öffnete es Brahes Grab um seine Leiche zu exhumieren.

Archäologieprofessor Jens Vellev von der Aarhus Universität in Dänemark hofft, Haar- und Knochenproben entnehmen zu können, um unter anderem eine Röntgenuntersuchung und einen CT-Scan durchzuführen. Die Forscher wollen außerdem Kleidungsstücke analysieren, die sich im Sarg befinden sollen.

Der gebürtige Däne Brahe hatte sein Heimatland nach einem Zerwürfnis mit dem dänischen König verlassen und sich in Prag niedergelassen. Nach seinem Tod im Jahr 1601 wurde er in der heutigen Altstadt in der Teynkirche beigesetzt.

Quecksilber im Barthaar

Lange Zeit hieß es, Brahe sei an den Folgen einer Blasenentzündung gestorben. In zeitgenössischen Berichten ist zu lesen, der Astronom sei seinem verstärkten Harndrang beim Hofbankett aus Scham und Höflichkeit nicht nachgekommen, bis seine Blase irgendwie "gerissen" sei. Doch schon bei Brahes Beerdigung kamen Zweifel über die Todesursache auf, der Leichenredner wunderte sich über den "unerwarteten Tod". Mordgerüchte kamen auf.

In den 90er Jahren kamen erstmals wissenschaftliche Hinweise ans Licht, die diesen Verdacht erhärteten. Das Prager Nationalmuseum hatte den Schnurrbart Brahes aufbewahrt, der 1901 bei einer ersten Exhumierung gefunden wurde. Es übergab einige der Haare an dänische und schwedische Spezialisten, die das das Material im Labor untersuchten. Das Ergebnis: Eine über hundertfach erhöhte Quecksilberbelastung. Wurde der Astronom vergiftet?

Professor Vellev verspricht sich von der zweiten Exhumierung Erkenntnisse darüber, wie viel Quecksilber Brahe in den letzten Wochen seines Lebens zu sich genommen hat. Es ist bekannt, dass Brahe sich auch als Alchimist versuchte und Wunderarzneien herstellte, die möglicherweise Quecksilber enthielten. Vielleicht hat er sich damit versehentlich selbst getötet. Vellev hofft den genauen Todesumständen näher zu kommen. Erste Analyseergebnisse werden für das kommende Jahr erwartet. "Aber ich denke nicht, dass wir eine endgültige Antwort auf diese Frage erhalten werden."

Auf der Suche nach der Nasen-Prothese

Die Archäologen interessieren sich auch für den Schädel des Toten. Tycho Brahe hatte bei einem Duell als Student an der Universität Rostock ein Stück seiner Nase eingebüßt, welches durch eine Metallplatte ersetzt wurde. Bei seiner letzten Exhumierung wurde die Platte jedoch nicht gefunden. Die Forscher wollen herausfinden, aus welchem Metall die Prothese gefertigt wurde.

Am Freitag soll der Leichnam des Astronomen, der vor allem wegen seiner genauen Beschreibung der Supernova von 1572weltbekannt wurde, erneut in der Teynkirche beigesetzt werden. Der Prager Erzbischof liest dabei eine Messe im Beisein von Dänemarks Kirchenministerin Birthe Rønn Hornbech.

mah/dapd, ap, dpa



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