Atlas der Zerstörung Die Seuche Mensch hat die Weltmeere befallen

Fische verenden in über Bord geworfenen Netzen, riesige Algenteppiche bilden Todeszonen für die Tiere des Meeres. Nur noch vier Prozent der Weltmeere sind einem neuen Atlas der Ozeane zufolge von den Folgen menschlichen Handelns unberührt. Besonders bedroht sind Korallen.


Nicht nur Ölteppiche durch Tankerunfälle und in die Meere geleitete Industrieabwasser, auch Überfischung und die Folgen des Klimawandels scheinen den Ozeanen unserer Erde den Rest zu geben. Rund 40 Prozent der Wasserfläche aller Gewässer sind bereits durch den Menschen negativ beeinflusst. Besonders betroffen sind die Nordsee, die östliche Karibik und das ostchinesische Meer.

Atlas der Zerstörung: Rot steht für besonders starke Schädigung der Meere
B. S. Halpern

Atlas der Zerstörung: Rot steht für besonders starke Schädigung der Meere

Dieses erschreckende Bild zeigt die erste globale Meereskarte zu diesem Thema, in der amerikanische Forscher um Benjamin Halpern von der University of California für jeden Quadratkilometer Meer den Einfluss von 17 menschlichen Aktivitäten eingetragen haben.

Der Atlas entstand, indem die Forscher verschiedene Karten übereinanderlegten. Zunächst wurden Meeresgebiete in 20 unterschiedliche Ökosysteme unterteilt, etwa Steinriffe, Korallenriffe, Seegrasbereiche und Unterwasser-Berge. Dann analysierten die Wissenschaftler, wie der Mensch auf diese Systeme Einfluss nimmt. Dabei unterschieden sie Einflüsse wie Überdüngung, chemische Verschmutzung, Fischerei und Temperaturanstieg durch den Klimawandel. Heraus kam eine Meereskarte, die mit Hilfe einer sechsstufigen Farbskala - von blassblau für gering bis rot für sehr hoch - den menschlichen Einfluss illustriert. Jeder kleine Abschnitt lässt sich nun beurteilen, denn die Auflösung der Karte liegt bei einem Quadratkilometer, wie die Wissenschaftler im US-Fachjournal "Science" berichten (Bd. 319, S. 948).

Der Zustand der Weltmeere ist schlecht, und auf dieser Karte sieht man, welche Bereiche besonders betroffen sind. So leidet gerade die Nordsee nordöstlich von Großbritannien und entlang der norwegischen Küste unter Verschmutzung. Aber auch der Ärmelkanal ist stark betroffen. Das gleiche gilt für die östliche Karibik, das Mittelmeer, das rote Meer, den persischen Golf und das ostchinesische Meer - kaum ein Stückchen Ozean ist vom Menschen unbeeinflusst.

Nur einige schmale Streifen an der Nordküste von Australien, im westlichen Zentralpazifik und kleinen Bereichen vor der südamerikanischen und afrikanischen Küste weisen noch keine großen Schäden auf. Kaum betroffen sind bislang auch die Ökosysteme der Ozeane rund um den Nord- und Südpol. Sie werden aber in Zukunft durch die schmelzenden Eiskappen gefährdet.

Korallen sind besonders betroffen

Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem Korallenriffe bedroht sind: Schon fast die Hälfte ist extrem geschädigt. Dabei wachsen viele dieser Nesseltiere so langsam, dass die Verluste kaum noch zu ersetzen sind. Manche Tiefseekorallen vor der Küste Hawaiis haben bis zu 4000 Jahre benötigt, um ihre heutige Größe zu erreichen, wie eine weitere Gruppe um Brendan Roark von der Stanford University in Kalifornien zum Auftakt der Jahreskonferenz der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in Boston berichtete.

Außer den Korallen sind nach der neuen Meereskarte auch Seegras-Matten, Mangroven-Wälder in Flussmündungsgebieten, unterseeische Berge, Felsenriffe und die Kontinentalsockel von menschlichen Eingriffen betroffen.

Der Müllstrudel zwischen Kalifornien und Hawaii, ein Ölteppich vor der Küste Koreas, und eine riesige Todeszone vor der Küste Afrikas, ausgelöst durch eine massive Algenblüte - das sind nur einige Meldungen aus den letzten Monaten. Der Meeres-Atlas zeigt nun das Ausmaß der Konsequenzen menschlichen Handelns für die Ökosysteme der Meere in der ganzen Bandbreite. "Die Summe der jeweiligen Einwirkungen ergibt ein viel schlechteres Gesamtbild, als die meisten Leute erwartet hätten", sagte Benjamin Halpern.

Die Forscher betrachten den Atlas als Grundlage für den Schutz der Meere. Er solle dem Natur- und Umweltschutz helfen, Prioritäten zu setzen, erläuterte Halpern auf der AAAS-Tagung.

"Die Menschen werden die Ozeane immer für ihre Bedürfnisse nutzen", sagte Halpern. "Es sollte aber auf eine nachhaltige Art und Weise geschehen, damit die Ozeane und ihre vielfältigen Ökosysteme erhalten bleiben."

nis/dpa/ddp



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