Atomanlage Sellafield Briten legen Bericht über Leichenteil-Diebstahl vor

Britische Wissenschaftler haben sich über Jahrzehnte als Leichenfledderer betätigt: Sie untersuchten die Körperteile von Arbeitern, die in Atomanlagen Strahlung ausgesetzt waren - ohne Zustimmung der Angehörigen. Die britische Regierung hat die Fälle jetzt aufgearbeitet.

Atom-Aufbereitungsanlage Sellafield: Minister entschuldigt sich bei Angehörigen
AFP

Atom-Aufbereitungsanlage Sellafield: Minister entschuldigt sich bei Angehörigen


Sie nahmen Leber, Herzen, Nieren, Lungen - und auch mal einen Oberschenkelknochen: Zwischen den Jahren 1962 und 1991 haben britische Wissenschaftler Körperteile von verstorbenen Atomanlagen-Arbeitern im Kraftwerk Sellafield ohne Zustimmung der Angehörigen eingesammelt - und zu Forschungszwecken untersucht.

Das schockierende Vorgehen kam erst Jahre später ans Licht, woraufhin das britische Parlament 2007 eine Untersuchung anordnete. Der rund 640 Seiten umfassende Abschlussbericht der "Redfern Inquiry" liegt jetzt vor.

Die Behörden überprüften nicht nur die 64 Fälle von ehemaligen Arbeitern in der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield, die an Krebs gestorben waren. Die Untersuchung weitete sich sogar auf weitere Projekte der Atomindustrie aus, bei denen laut Aussage von Michael Redfern Körperteile von insgesamt mehr als 6500 Leichen entnommen wurden - ebenfalls meist ohne Einverständnis der Angehörigen.

Demnach wurden nicht nur die Leichen ehemaliger Arbeiter gefleddert, sondern zum Teil auch die von Menschen, die nichts mit der Atomindustrie zu tun hatten. So hatte man in den fünfziger Jahren eine Untersuchung in der gesamten Bevölkerung begonnen, um die Verbreitung von radioaktivem Strontium-90 zu analysieren. Dazu wurden Knochenteile in die Forschungslabore geschickt. Ein Großteil dieser Knochen stammte aus den Oberschenkeln verstorbener Kinder unter sechs Jahren. Die Studienergebnisse wurden seinerzeit sogar in Fachjournalen veröffentlicht.

Energieminister entschuldigt sich

In Sellafield, das zeichnet sich nach der Untersuchung ab, machten offensichtlich Wissenschaftler mit Pathologen und Bestattern gemeinsame Sache, um an die Organe zu kommen. Die Familien wurden nur selten über die Organentnahme informiert.

Pathologen oder Bestatter entnahmen die Organe. Anschließend wurden sie nach Sellafield gebracht, wo der damalige medizinische Leiter Geoffrey Schofield die Leichenteile weiter analysierte. Die Reste entsorgte er mit dem schwach radioaktiven Müll im Endlager Drigg. Schofield war wohl die treibende Kraft hinter den Aktionen in Sellafield, schreibt der "Independent". Er starb 1985.

Energieminister Chris Huhne entschuldigte sich bei den Angehörigen für die Vorfälle. Mit Strafen muss allerdings niemand mehr rechnen: Die Fälle liegen schon zu lange zurück und die Gesetzgebung zur Organentnahme wurde in Großbritannien erst 2004 verschärft.

wbr

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