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Atomanlage Tricastin: Hundert Mitarbeiter bei Reaktorpanne kontaminiert

Zwischenfall in der französischen Atomanlage Tricastin: Wegen eines Lecks in einem Reaktor sind hundert Mitarbeiter in Kontakt mit radioaktivem Material gekommen. Der Stromkonzern EDF beschwichtigt, spricht nur von "leichter" Kontamination - doch Experten haben Ermittlungen aufgenommen.

Paris - Der Stromkonzern EDF übte sich nach der neuerlichen Panne in einer französischen Atomanlage in Beschwichtigung: Bei dem Leck in Tricastin seien die Betroffenen Kobalt-58 ausgesetzt gewesen. Die radioaktiven Partikel seien aus einer Leitung eines abgeschalteten Reaktors entwichen, sagte EDF-Sprecherin Caroline Muller. Die Strahlenbelastung der Betroffenen habe um den Faktor 40 unterhalb des zulässigen Grenzwertes gelegen. Demnach wurden die Mitarbeiter "leicht kontaminiert".

Atomanlage Tricastin: Leck in einem Reaktor
AFP

Atomanlage Tricastin: Leck in einem Reaktor

"Was uns Sorge macht, ist weniger das Ausmaß der Verstrahlung als vielmehr die Zahl der kontaminierten Menschen", sagte Muller. Experten hätten Ermittlungen aufgenommen.

Die Atomaufsichtsbehörde (ASN) stufte den Vorfall auf Stufe 0 der von 0 bis 7 reichenden Störfallskala ein. Ein ASN-Sprecher kündigte für Donnerstag die Veröffentlichung einer Mitteilung der Aufsichtsbehörde an, obwohl dies bei Vorfällen der Stufe 0 normalerweise nicht üblich ist. Die Entscheidung sei angesichts der Anzahl der betroffenen Menschen sowie der vorangegangenen Zwischenfälle in Tricastin am 7. Juli und in einer Brennstäbefabrik in der Nähe von Grenoble in der vergangenen Woche getroffen worden, sagte der Sprecher. Die radioaktive Dosis, die die Betroffenen abbekommen hätten, sei jedoch "unbedeutend".

In Frankreich werden jedes Jahr etwa 800 Vorfälle in Atomkraftwerken auf der Stufe 0 eingeordnet. Nach Angaben der Wissenschaftlervereinigung Groupement de scientifiques pour l'information sur l'énergie nucléaire (GSIEN) sind jedoch nur bei 150 dieser Zwischenfälle Menschen involviert.

Es war bereits der vierte Zwischenfall in einer französischen Atomanlage in den letzten Wochen. Erst vor zwei Wochen waren in Tricastin 74 Kilogramm Uran ausgetreten und in zwei Flüsse gelangt. Ende voriger Woche wurden in einer Atomanlage im Südosten Frankreichs 15 Arbeiter bei einer Inspektion verstrahlt. EDF hatte den Vorfall erst am Montag öffentlich gemacht. Am vergangenen Donnerstag wurde zudem ein undichtes Kanalisationsrohr in einer Brennstäbefabrik in Romans-sur-Isère entdeckt, aus dem zwischen 120 und 800 Gramm Uran ausgelaufen waren. Die Pannen haben zu scharfen Protesten von Atomgegnern geführt.

Tricastin im Südosten von Frankreich ist nach Angaben der Betreiber die größte Atomanlage der Welt. Der Komplex an der Rhône ist seit Mitte der siebziger Jahre in Betrieb. Er erstreckt sich über 600 Hektar und lieferte im vergangenen Jahr 27,07 Terawattstunden Strom. Die vier Druckwasserreaktoren der Anlage verfügen über eine Leistung von 900 Megawatt.

Weinbauern aus Tricastin für neue Herkunftsbezeichnung

Die Zwischenfälle in der südfranzösischen Atomanlage machen den örtlichen Winzern Sorgen. Wein aus Tricastin wird wahrscheinlich bald anders heißen. Es sei "nur eine Frage des Ansehens", sagte der Vorsitzende des örtlichen Gütesiegelverbands AOC, Henri Bour, am Mittwoch. "Kernkraft und Lebensmittel gehen in den Köpfen der Verbraucher nicht sehr gut zusammen." Die Winzer der geschützten Herkunftsbezeichnung Côteaux du Tricastin fürchteten sich nicht etwa vor einer radioaktiven Verstrahlung. Denn zum einen entnehme der Verband kein Grundwasser aus dem Gebiet, zum anderen habe er " volles Vertrauen" in die Betreiber der Kernkraftanlage Tricastin, sagte Bour.

Dennoch denke die örtliche AOC ("Appelation d'Origine Contrôlée") schon seit etwa zehn Jahren über einen anderen Namen für den Wein nach. Mittlerweile scheine eine Mehrheit der Winzer dafür zu sein, "und ich möchte, dass das vor der Ernte 2009 umgesetzt wird", sagte der AOC-Vorsitzende. Möglicherweise werde der Wein künftig die Herkunftsbezeichnung Grignan tragen, nach dem Ort, in dem der Verband seinen Sitz hat.

hen/dpa/AP/AFP

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