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26. Oktober 2005, 17:56 Uhr

Atomarer Bunkerknacker

US-Regierung gibt "Mini-Nukes" auf

Die US-Regierung hat ihre Pläne zur Entwicklung eines nuklearen "Bunkerknackers" offenbar endgültig begraben. Damit geht eine jahrelange Debatte zu Ende, die in den USA und international für Aufruhr sorgte.

Die US-Regierung sah in ihm eine vorzügliche Waffen gegen "Schurkenstaaten", amerikanische Oppositionspolitiker und internationale Experten hielten ihn für den möglichen Auslöser eines Atomkriegs: den nuklearen "Bunkerknacker", eine taktische Nuklearwaffe mit vergleichsweise geringer Sprengkraft, die selbst tief in der Erde vergrabene Bunkeranlagen zerstören soll. Zuletzt war das Gespenst in Gestalt des "Robust Nuclear Earth Penetrator", kurz RNEP, umgegangen.

Bunkerknacker vom Typ GBU-28: Pläne für kleinformatige Atomwaffen sind passé
US Airforce

Bunkerknacker vom Typ GBU-28: Pläne für kleinformatige Atomwaffen sind passé

Mehrere Jahre lang hatte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Entwicklung solcher Waffen betrieben, was vor dem Hintergrund der ebenfalls von ihm entworfenen nuklearen Erstschlags-Doktrin der USA besondere Brisanz erhielt. Der politische Widerstand in Washington wurde jedoch immer größer - und hat jetzt offenbar dazu geführt, dass die Pläne für die sogenannten "Mini-Nukes" endgültig in der Schublade verschwinden.

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, hat die Regierung von US-Präsident George W. Bush entschieden, keinen nuklearen "Bunkerknacker", sondern eine konventionelle Waffe mit vergleichbaren Fähigkeiten entwerfen zu lassen. Der republikanische Senator Pete Domenici habe erklärt, dass die Mittel für die Entwicklung der kleinformatigen Atomwaffe aus dem nächsten Jahresetat des zuständigen Energieministeriums gestrichen worden seien. Ein nicht namentlich genannter Regierungsbeamter habe bestätigt, dass sich die Regierung Bush auf die Entwicklung einer nicht-nuklearen Anti-Bunker-Waffe konzentrieren werde.

Heftige Debatten im Kongress

Im US-Senat und im Repräsentantenhaus hatte es wiederholt hitzige Debatten um die "Mini-Nukes" gegeben. Die Befürworter hatten argumentiert, dass Anführer von "Schurkenstaaten" sich selbst und ihr Waffenarsenal zunehmend in tiefgelegenen Bunkeranlagen schützten. Atomwaffen hätten in solchen Fällen das einzig glaubwürdige Drohpotential.

Die Gegner sind jedoch nach wie vor der Meinung, dass die von Rumsfeld als "einsetzbar" bezeichneten Sprengköpfe den Ausbruch eines nuklearen Krieges wahrscheinlicher machten und zur Weiterverbreitung von Atomwaffen beitragen könnten. Zudem waren wissenschaftliche Studien zu dem Schluss gekommen, dass auch kleinformatige Atomwaffen Zehntausende von Todesopfern fordern können.

Das US-Repräsentantenhaus hatte zuletzt sogar die bescheidene Summe von vier Millionen Dollar verweigert, die das Energieministerium für die Entwicklung der kleinen Nuklearwaffen angefordert hatte. Der Senat hatte dem Antrag dagegen zugestimmt. In den Vermittlungsgesprächen kam es nun zum Aus des Programms.

"Sieg für eine vernünftigere Atompolitik"

Senator Domenici ist Vorsitzender des Ausschusses, der für den Etat des Energieministeriums verantwortlich ist. Nach seinen Angaben haben sich die Vertreter der Republikaner und der oppositionellen Demokraten darauf geeinigt, die Finanzierung des Atomwaffen-Programms einzustellen. Das Verteidigungsministerium werde sich nun auf die Forschung an konventionellen Waffen konzentrieren, die ebenfalls vergrabene Ziele zerstören können, sagte Domenici.

"Das ist ein wahrer Sieg für eine vernünftigere Atompolitik", sagte Stephen Young von der Union of Concerned Scientists, einer Vereinigung von renommierten Wissenschaftlern, die unter anderem für eine friedliche Nutzung der Atomenergie eintreten. Die Waffe, die das Pentagon habe entwickeln wollen, "war mehr als 70 Mal so stark wie die Hiroshima-Bombe" und hätte beispiellose Opferzahlen unter Zivilisten verursacht.

Forscher der National Academy of Sciences waren zu dem Schluss gekommen, dass ein nuklearer Bunkerknacker wahrscheinlich ähnlich viele Menschen töten würde wie eine gleich starke, an der Oberfläche gezündete Atombombe. Je nach Explosionsort und Sprengkraft könnte die "Mini-Nuke" mehrere Tausend bis hin zu einer Million Menschen töten oder verletzen. Die Studie war vom US-Kongress in Auftrag gegeben worden.

Die Federation of American Scientists und auch die National Nuclear Security Administration (NNSA), die innerhalb des US-Energieministeriums die Nuklearprogramme beaufsichtigt, waren zu ähnlichen Schlüssen gelangt. In einer Anhörung vor dem Kongress sagte NNSA-Chef Linton Brooks, es sei unmöglich zu verhindern, dass ein nuklearer Bunkerknacker radioaktives Material über ein weites Gebiet verstreue. Die US-Regierung habe auch niemals behauptet, "dass es möglich wäre, eine Bombe so tief in die Erde eindringen zu lassen, dass jeder Fallout verhindert würde. Ich glaube nicht, dass die Gesetze der Physik das jemals erlauben werden."

Markus Becker

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