Atombombenabwürfe in Japan: Nagasaki ging wegen Treibstoffmangels unter

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Warum Nagasaki einem leeren Tank zum Opfer fiel.

Zerstörung: Gestank nach Brand und Fäulnis
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Zerstörung: Gestank nach Brand und Fäulnis

Einen weiteren Atombombenabwurf droht Truman den Japanern jedoch nicht explizit an. Er hat auch keinen Befehl dazu gegeben.

Doch auf Tinian werden Tibbets und seine Vorgesetzten nervös. Viele Bomberpiloten hatten geglaubt, schon bei der Landung, rund sechs Stunden nach dem Abwurf über Hiroshima, von der Nachricht des Kriegsendes begrüßt zu werden. Stattdessen kein Wort aus Japan.

Dafür melden sich die Meteorologen: Nach dem 11. August müsse man mit einem Sturmtief über dem Inselreich rechnen. Das Wetter wäre dann zu schlecht für einen weiteren Abwurf. Aber es gibt, inzwischen eingeflogen aus den USA, die zweite Atombombe auf dem Flugplatz North Field. Am 8. August 1945 beschließen die Generäle auf dem Pazifikstützpunkt, noch in der folgenden Nacht loszuschlagen. Ihr Motiv: drohendes Schlechtwetter. Ihre Befehlsgrundlage: Harry Trumans eher unbestimmte Anweisung vom 25. Juli, "nach dem 3. August" die "Spezialbombe" abzuwerfen.

Das Hauptziel des zweiten Bombers: Kokura

In der folgenden Nacht steigt ein Bomber auf, begleitet von zwei Messflugzeugen, ihm voraus zwei Pfadfinder. Es sind zum Teil neue Crews an Bord. Ihr Hauptziel: Kokura. Am frühen Morgen des 9. August meldet der Pfadfinder über Kokura schlechtes Wetter. Der Bomber fliegt dennoch drei Angriffe gegen die Stadt, dreimal bricht der Pilot sie ab. Sein ausdrücklicher Befehl lautet, die Atombombe nur nach Sicht abzuwerfen - und die Wolkendecke ist zu dicht.

Atompilz: Der Mensch ist zum Einsatz der ultimativen Waffe fähig
DPA

Atompilz: Der Mensch ist zum Einsatz der ultimativen Waffe fähig

Inzwischen hat die B-29 so viel Treibstoff verbraucht, dass ihre Crew die mehrere Tonnen schwere Bombe irgendwo abwerfen muss. Nur wenn sie das Gewicht loswird, hat sie eine Chance, noch einen US-Stützpunkt zu erreichen. Also Nagasaki.

Doch auch hier hängen Wolken über der Stadt. Ihr Schicksal liegt in diesem Augenblick in der Hand eines 25-Jährigen: Major Charles W. Sweeney ist Kommandant der B-29. Er greift an.

Die Crew verfehlt das Zentrum Nagasakis wegen der schlechten Sicht um mehrere Kilometer. Dies und das hügelige Stadtgebiet, in dem sich Druckwellen schlechter ausbreiten können, reduzieren die Verwüstungen in Nagasaki, obwohl die Plutoniumbombe noch stärker ist als die von Hiroshima. Dem zweiten Atombombenabwurf fallen bis Jahresende weitere 70000 Menschen zum Opfer.

Mehr als 250.000 Tote insgesamt

Der nukleare Doppelschlag hat bis heute mehr als eine Viertelmillion Leben ausgelöscht. Hunderttausende wurden verstümmelt oder litten, oft für den Rest ihres Lebens, an schrecklichen Krankheiten.

Erst nach Nagasaki setzen sich der Tenno und gemäßigte Politiker in einem dramatischen Machtkampf gegen ultranationalistische Offiziere durch, die Japan lieber untergehen sähen, als sich zu ergeben. Selbst dann dauert es noch einmal fünf Tage, bis der Kaiser in seiner ersten Radioansprache überhaupt Japans Kapitulation verkündet (ohne allerdings dieses Wort zu gebrauchen). Am 2. September 1945 unterzeichnen japanische Regierungsvertreter die Kapitulationsurkunde - der Zweite Weltkrieg ist endgültig vorüber.

War der Einsatz der Atombomben notwendig? Hat er den Krieg verkürzt und damit letztlich mehr Menschen verschont als getötet?

Auch in Tokio starben 80.000 Menschen

Möglicherweise. Militärisch und medizinisch mag es gleichgültig sein, ob Hiroshima und Nagasaki durch jeweils eine Bombe zerstört worden sind oder, wie andernorts in Japan, durch Tausende von Bomben. Stellt man das Schicksal Tokios in Rechnung (wo allein in der Nacht auf den 10. März 1945 rund 80.000 Menschen vor allem durch Brandbomben ums Leben kamen), so wären wohl bei konventionellen Angriffen in Hiroshima und Nagasaki kaum weniger Menschen gestorben als bei den nuklearen.

Doch moralisch war die Wirkung ungleich stärker. Was die Verwüstung der Hauptstadt nicht vermochte, das erreichte die blitzartige Zerstörung der achtgrößten Stadt des Landes: Erst nach Hiroshima, und eben nicht nach dem Brand Tokios, fanden der Tenno und seine gemäßigteren Gefolgsleute die Kraft, sich gegen die Kriegspartei im eigenen Lager durchzusetzen. Insofern mag der Angriff auf Hiroshima tatsächlich den Krieg verkürzt haben. Der auf Nagasaki jedoch nicht.

Enola Gay, Besatzung: Erschütterte Crewmitglieder
AFP

Enola Gay, Besatzung: Erschütterte Crewmitglieder

Der Angriff erfolgte, bevor Tokio überhaupt Zeit hatte, sich zu ergeben. Er war militärisch und moralisch sinnlos. Es war ein Massaker, unternommen einzig aus dem Grund, weil man die Waffe zum Massakrieren hatte.

So zeigen das Manhattan Project und die Flüge nach Hiroshima und Nagasaki nicht nur, dass der Mensch fähig ist, die ultimative Waffe zu bauen. Sie zeigen auch, und das ist die beunruhigendste Konsequenz jenes tödlichen Sommers 1945, dass der Mensch bedenkenlos willens sein kann, sie einzusetzen.

Die meisten Crewmitglieder waren erschüttert

Und die Flieger und die Opfer von Hiroshima? Die meisten Männer der amerikanischen Crews, die zuvor ohne Skrupel Spreng- und Brandbomben über Japan und Deutschland abgeworfen hatten, waren erschüttert. Noch Jahre später schwankten sie zwischen der Überzeugung, ihre Pflicht erfüllt zu haben, und dem Schrecken darüber, was sie getan hatten. Robert Lewis etwa, der Copilot der "Enola Gay", wurde von Albträumen heimgesucht. Oft kamen ihm, dachte er an Hiroshima, die Bilder seiner Kinder ins Gedächtnis - und die Angst, sie in einem Krieg zu verlieren.

Colonel Paul Tibbets aber, der Kommandant der 509th Composite Group, bereute nichts. Hätte es nach Nagasaki eine dritte Atombombe gegeben - er hätte das Flugzeug persönlich gesteuert. Noch 1976 pilotierte der damals 61-Jährige bei einer Flugshow in den USA eine B-29 -inklusive eines simulierten Atombombenabwurfs mit einer Rauchbombe, die den Explosionspilz nachahmte.

Akihiro Takahashi und Akiko Takakura hatten Glück - wobei "Glück" in Hiroshima ein relativer Begriff ist. Akihiro Takahashi verbrachte sein ganzes Leben lang in ärztlicher Behandlung, zu stark waren die Brand- und Strahlenschäden seines Körpers. Neben ihm überlebten nur neun von 60 Klassenkameraden die Explosion.

Akiko Takakura, die junge Bankangestellte, wurde zu einem medizinischen Wunder. Kaum ein anderer Mensch war dem Hypozentrum so nah gewesen wie sie und hatte überlebt. Sie wechselte später ihren Beruf und leitete einen Kindergarten.

Hibakusha wurden die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki genannt: "die Bombenopfer". Etliche bekamen später keine Arbeit - zu groß war vielen Chefs das Risiko, dass diese Menschen häufig krank sein würden. Aus diesen Gründen fanden viele Hibakusha keinen Ehepartner. Und manche haben, oft ihr ganzes Leben lang, über den schrecklichen Tag im August geschwiegen. Aus Scham.

Von Cay Rademacher, GEO Epoche

Teil 1 der Serie: Was die Amerikaner zur Entwicklung der ersten Atombombe veranlasste

Teil 2: Vernichtung, "sobald das Wetter es erlaubt"

Teil 3: Bombenabwurf auf Hiroshima: Das Inferno und die Überlebenden

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