Atombombenbau Bohrs Brief mit Zeitzünder

Die Diskussion um die Rolle deutscher Physiker bei der Entwicklung der Atombombe für die Nazis bekommt neuen Zündstoff: Jetzt sind bisher unveröffentlichte Briefe von Niels Bohr an Werner Heisenberg erschienen.


Bohr-Brief: Neuer Zündstoff für alte Diskussion
www.nbi.dk / Niels Bohr Archive

Bohr-Brief: Neuer Zündstoff für alte Diskussion

Die vom Niels-Bohr-Archiv im Internet veröffentlichten Briefe beziehen sich auf das seit Jahrzehnten heftig diskutierte Treffen zwischen den Physikern Bohr, Heisenberg und Carl-Friedrich von Weizsäcker im September 1941, das Historiker bis heute vor Rätsel stellt.

Eine Antwort auf die zentrale Frage, warum die deutschen Wissenschaftler ins besetzte Kopenhagen reisten, können aber auch die jetzt veröffentlichten Briefe nicht geben. Wollten sie Bohr, der 1941 nichts von den deutschen Bemühungen um den Bau der Atombombe ahnte, warnen? Heisenberg behauptete das nach dem Krieg, und auch Weizsäcker weicht bis heute nicht von dieser Darstellung ab. Oder wollten sie Bohr zur Mitarbeit bewegen, ungeachtet dessen Abneigung gegen das Hitler-Regime?

"Zwei Seiten im Kampf auf Leben und Tod"

Letzteres legt ein nach 1957 verfasster Brief Bohrs nahe, den er nie abgeschickt hat: "Es hat großen Eindruck auf mich (...) gemacht, dass Du und Weizsäcker Eure definitive Überzeugung zum Ausdruck gebracht habt, dass Deutschland siegen würde und es deshalb dumm von uns anderen sei, weiter auf einen anderen Ausgang zu hoffen und alle deutschen Angebote zur Zusammenarbeit abzulehnen." Das führt Bohr zu der Feststellung, dass Heisenberg und er sich in dieser "großen Frage für die Menschheit" ungeachtet ihrer persönlichen Freundschaft "als Vertreter zweier Seiten in einem Kampf auf Leben und Tod betrachten mussten."

Vorwürfe an Heisenberg

Weiterhin habe Heisenberg durchblicken lassen, dass er sich beim Bau der deutschen Atombombe selbst stark engagiert habe. Bohr: "Du sprachst in vagen Worten, die mir nur den festen Eindruck vermitteln konnten, dass unter Deiner Führung in Deutschland alles getan werde, um Atomwaffen zu entwickeln, und dass wir nicht über Details sprechen müssten, da Du mit ihnen vollkommen vertraut seiest und in den vergangenen zwei Jahren an fast nichts anderem gearbeitet hättest."

Bohr schrieb seinen Brief nach dem Erscheinen der dänischen Übersetzung von Robert Jungks Buch "Heller als 1000 Sonnen". Jungk hatte die Physiker des deutschen Atomwaffenprojekts "Uranverein" als Helden dargestellt, die den Bau der Atombombe durch Täuschung verhindert hätten. Bohr aber schreibt, seine Erinnerung sei eine ganz andere: Heisenberg hätte den Bau der Atombombe für möglich gehalten und keinen Hinweis darauf gegeben, dass deutsche Physiker ihn verhindern wollten.

"Bohr ist tiefem Irrtum erlegen"

Der heute 89-jährige Weizsäcker widerspricht der Darstellung des dänischen Physikers: "Bohr ist in seiner Erinnerung einem tiefen Irrtum erlegen", erklärte Weizsäcker am Mittwoch gegenüber der dpa. Im September 1941 hätten er selbst, Heisenberg und andere deutsche Forscher die Arbeit an der Atombombe bereits unverrichteter Dinge eingestellt. "Wir waren darüber froh, denn vorher hatten wir Angst, dass wir sie für ein Scheusal wie Hitler bauen würden", sagte der Bruder des Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Heisenberg habe Bohr in Kopenhagen davon überzeugen wollen, dass auch die USA und Großbritannien die Atombombe nicht weiterentwickeln. Bohr aber habe davon nichts wissen wollen, erklärte Weizsäcker.

So bleibt das Rätsel über den Grund des Physiker-Treffens weiterhin ungelöst. Helmut Rechenberg, Verwalter des Münchner Heisenberg-Archivs, will in den Bohr-Briefen keine Sensationen entdecken: "Sie sind wie auch alles von Heisenberg dazu Übermittelte subjektive Erinnerung."



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