Aus der Region Fukushima berichtet Cinthia Briseño
Die Pfirsiche aus Date sind ein beliebtes Souvenir. Das kleine, beschauliche Städtchen, unweit der Stadt Fukushima gelegen, ist berühmt für sein Obst. Auch Japans kaiserlicher Hof lässt sich die saftig-süßen Früchte aus der Präfektur liefern. Jetzt im feucht-heißen August hängen sie schon handtellergroß an den Bäumen. Die Ernte steht vor der Tür.
Dieser Tage macht man besonders viel Werbung für die ansonsten so beliebten Pfirsiche. Gleich in der großen, offenen Eingangshalle des modernen Rathauses von Date liegen liebevoll gestaltete PR-Magazine aus. Doch kaum einer kauft noch Früchte, erst recht nicht als Mitbringsel. Verstrahltes Obst verschenkt man nicht.
Vor dem Rathaus leuchten auf einem Metallkasten neben der Eingangstür große rote LED-Ziffern. Doch statt der Temperatur zeigen sie die aktuelle Strahlenbelastung an: 0,79 Mikrosievert pro Stunde sind es an diesem sonnigen Vormittag, etwa das Dreifache des Mittelwerts in Deutschland.
Es ist eines von vielen Anzeichen für die Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima, auf die man bei einem Besuch in der Region immer wieder trifft. Seit dem Beben und dem anschließenden Unfall in dem AKW mögen Monate vergangen sein. Doch die Auswirkungen sind immer noch präsent.
Vom Rathaus aus geht es auf einer kleinen Straße vorbei an leuchtend grünen Reisfeldern und den Obstplantagen ans andere Ende der kleinen Stadt. Dort, auf halber Höhe eines kleinen Berghügels steht die Tominari-Grundschule. Katsumi Satsuki, die kleine, zierliche Schulleiterin mit adretter, blauer Bluse und blauem Rock tritt aus dem Haupteingang auf den Schulhof. Eigentlich sind Ferien, aber sie hat sich viel Zeit genommen für dieses Gespräch.
Hauptsache keine Panik
Es liege ihr am Herzen vom Glück zu erzählen, das sie und die 60 Schüler hatten: Nuklearexperten des Radiation Safety Forum (RSF), einer gemeinnützigen Organisation aus Tokio, haben vor wenigen Wochen die Schule dekontaminiert, sie von radioaktivem Staub und Schmutz befreit. Seither dürfen die Kinder wieder in der Sommerhitze draußen spielen - ganz ohne Schutzmaßnahmen.
Vorher wäre das undenkbar gewesen. Zwei Tage nachdem der nukleare Alptraum über die Menschen in der Region hereinbrach, erfuhr Satsuki, dass man in der Stadt Fukushima eine radioaktive Belastung von 25 Mikrosievert pro Stunde gemessen hatte. Was das für sie und ihre Schüler zu bedeuten hatte, wusste sie damals nicht. Wenig später kam der Anruf von den Stadtbehörden: Auch die Tominari-Schule sei hoch belastet. 60 Kilometer Luftlinie trennen Date vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi.
"Plötzlich stand der Name unserer Grundschule in allen Zeitungen", sagt Satsuki. Sie redet leise und bedacht. Zorn sucht man in ihrer Stimme vergebens. "Wir zählten zu den am meisten belasteten Schulen des Landes." Satsuki blieb ruhig, versuchte, Panik zu vermeiden. "Das hätte keinem geholfen." Für die Kinder aber wurde das Schulleben ein anderes: Tagsüber durften sie nicht mehr nach draußen, lange Kleidung war Pflicht, auch Masken gehörten fortan zum Alltag.
Dann kam Jun Ichiro Tada und erlöste die Schüler und Lehrer. Tada ist ein großer, hagerer Mann mit Brille. Er trägt einen weiß-grauen Camouflage-Hut, sein Schnurrbart passt zur Hutfarbe. Der Direktor des RSF hörte von den hohen Strahlungswerten und beschloss, dort einen Feldversuch zu starten: Wie dekontaminiert man eine Schule am besten? Wie wird man die radioaktiven Partikel auf der Wiese, auf dem asphaltierten Hof, an den Fenstern, im Schwimmbecken, auf dem Sandplatz los?
Mit Geigerzählern ausgestattet, rückte ein RSF-Team an und begann, überall die Strahlung zu messen. Die Ergebnisse zeigten eindrücklich, dass die Spuren des Reaktorunfalls auch die Tominari-Schule erreicht hatten: Bis zu acht Mikrosievert pro Stunde gaben die Messgeräte an.
Tada wusste, was das zu bedeuten hatte: Kinder, die hier tagein, tagaus spielen, sind einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt, deren Folgen nur schwer abzuschätzen sind. Genaue Kalkulationen sind schwierig. Angenommen, ein Mensch würde sich an 365 Tagen im Jahr sechs Stunden täglich einer Dosis von fünf Mikrosievert je Stunde - wie im hinteren Garten der Schule - aussetzen, so betrüge seine zusätzliche Strahlenbelastung knapp elf Millisievert pro Jahr. Zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung beträgt in Japan jährlich durchschnittlich 2,4 Millisievert.
Im April griff die japanische Regierung zu einer umstrittenen Maßnahme: Sie legte fest, dass für die Schulkinder in der Region Fukushima die Jahresbelastung mit bis zu 20 Millisievert als unbedenklich einzustufen sei. Das ist der gleiche Wert, dem in Deutschland beispielsweise AKW-Mitarbeiter ausgesetzt sein dürfen.
Tadas Team machte sich an die Arbeit. Knapp drei Wochen benötigten die Experten für die Aktion. Um die Oberfläche des Asphalts abzukratzen, waren schwere Gerätschaften notwendig, mit Hochdruckreinigern säuberten sie Dächer und Fenster, mit Hilfe von Spezialstaubsaugern entseuchten sie die Hänge um die Schule herum. Lehrer, Eltern der Schüler und Freunde halfen, die Wiesen umzupflügen, den kontaminierten Rasen und Laub zu entfernen, Bäume zu stutzen.
Im August will die japanische Regierung einen Plan zur Reinigung der betroffenen Gebiete vorlegen. Man werde die Verantwortung sowohl für die Dekontamination als auch für die Beseitigung des radioaktiven Abfalls übernehmen, verkündete jüngst Japans Krisenminister Goshi Hosono auf einer Pressekonferenz.
Denn der strahlende Müll, das verrät schon der Blick hinter die Turnhalle der Grundschule, könnte zu einem der größten Probleme werden. Seit Ende Juli liegt dort ein aufgetürmter strahlender Haufen, abgedeckt mit einer blauen Plane und Sandsäcken. Nur ein Schild und eine Schnur warnen vor der Gefahr. "Am besten sollte man Tepco den Müll vor die Tür fahren", sagt Tada und lacht. Doch in Japan ist der Transport von radioaktivem Boden gesetzlich verboten. So wäre es derzeit gar nicht möglich, den Müll beispielsweise in Sonderlagerstätten zu bringen. Ein Hindernis, an dem die Regierung angeblich bald arbeiten will.
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