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Atommüllendlager Asse: Expertengruppe soll über "Schweizer Käse" beraten

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Protest gegen Asse (in Evessen, Juni 2008): "Vortrag gehalten, warum da kein Wasser eindringen kann" Zur Großansicht
dapd

Protest gegen Asse (in Evessen, Juni 2008): "Vortrag gehalten, warum da kein Wasser eindringen kann"

Eilig wurde das Krisentreffen zu den Vorfällen am Atommüllendlager Asse einberufen: Forschungsministerin Schavan, Umweltminister Gabriel und dessen niedersächsischer Amtskollege Sander vereinbarten eine Art Burgfrieden. Nun sollen Experten klären, was eigentlich schief gelaufen ist.

Berlin - Bereits im zarten Alter von 16 Jahren will er es gewusst haben. Sigmar Gabriel, mittlerweile Bundesumweltminister und damit oberster Strahlenschützer des Landes, besuchte damals das Forschungsbergwerk Asse. Dort verstaute die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) seit Ende der sechziger Jahre schwach- und mittelradioaktiven Abfall tief unter dem Boden Niedersachsens. Man wollte lernen, wie sich die strahlenden Rückstände des Atomzeitalters möglichst gut lagern ließen.

Bei dem Besuch damals habe er gefragt, so erinnert sich Gabriel heute, wie es sein könne, dass im Bergwerk Asse II die strahlende Fracht eingelagert würde, obgleich die benachbarten Schächte I und III bereits wegen Wassereinbrüchen "abgesoffen" seien. "Damals haben uns die Ingenieure einen langen Vortrag gehalten, warum da kein Wasser eindringen kann."

Seit Ende der achtziger Jahre ist klar, dass das ein Wunschtraum und keine Analyse war: Jeden Tag fluten seitdem mehr als 10.000 Liter Salzlösung in das Bergwerk - und machen dessen Wände immer maroder. Der Betreiber der Asse, das Helmholtz-Zentrum München, hat seit einiger Zeit allerdings noch ein weiteres, kurzfristigeres Problem: Radioaktive Salzlauge, von der niemand so recht weiß, woher sie kommt, überschreitet teilweise schon die Grenzwerte um das bis zu Achtfache. Besonders problematisch ist das, weil die Informationen über die Cäsium-137-haltige Brühe nur in einer Art Salamitaktik an die Öffentlichkeit gegeben wurden. Eine Kommunikationsschwäche mit politisch fatalen Folgen: Am Mittwoch wird sich der Bundestag mit dem Thema befassen, in Niedersachsen drohte - zumindest zeitweilig - ein langwieriger Untersuchungsausschuss.

Aufgeschreckt traf sich am Dienstag außerdem eine Dreierrunde in der Parlamentarischen Gesellschaft zu Berlin, direkt neben dem Reichstag, zum Krisengipfel: Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU), Umweltminister Gabriel (SPD) und dessen niedersächsischer Amtskollege Hans-Heinrich Sander (FDP). Auf dem knapp einstündigen Treffen sollte die Frage geklärt werden, wie es weiter gehen soll mit dem Pannenlager - in dem immerhin 130.000 Fässer Strahlenabfälle lagern.

Berlin als neutraler Ort für das Krisentreffen wurde wohl gewählt, weil es zwischen den Partnern, namentlich Schavan und Gabriel, gehörig knirscht. Die Atomkraftbefürworterin Schavan vertritt als Forschungsministerin den Betreiber, die Helmholtz-Gesellschaft, die vollständig aus Bundesmitteln finanziert wird. Gabriel, der von der Atomenergie rein gar nichts hält, kümmert sich um den Strahlenschutz. Er sähe das Endlager lieber unter der Ägide des zu seinem Haus gehörenden Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS).

Die Dreierrunde von Berlin vereinbarte nun aber eine Art Burgfrieden. "Das Thema eignet sich nicht für politischen Streit", beteuerte Schavan nach dem Treffen. Sander und Gabriel äußerten sich ähnlich. In den nächsten Monaten werde man nicht über einen Betreiberwechsel sprechen, erklärten alle drei unisono. Stattdessen werde "über die Sommerzeit" eine Task-Force aus beiden Ministerien einen Bericht zur Lage in der Asse erstellen. Man wolle klären, was genau eigentlich im Berg landete, wie die Einlagerung dokumentiert wurde und auf welcher rechtlichen Grundlage das alles stattfand. Bis der Bericht der Expertengruppe vorliege, dürfe der Betreiber "keine Maßnahmen ergreifen, die unumkehrbare Zustände herstellen", forderte Minister Gabriel.

Streit über Flutung des "Schweizer Käses"

Noch ist völlig unklar, wie es mit dem Lager weitergehen soll, doch die Zeit drängt. Das Problem: Die Asse ist baufällig. Experten wollen keine Prognosen für die Standsicherheit nach dem Jahr 2014 abgeben. Um den Berg zu stabilisieren, den Gabriel mit einem "Schweizer Käse" verglich, werden seit Jahren Hohlräume mit Salz aufgefüllt. Außerdem würde die Betreiberfirma das Lager gern komplett mit einer Magnesiumchlorid-Lösung fluten. Dieser Schritt wäre aber nicht mehr rückgängig zu machen - und würde in jedem Fall die Fässer auflösen, in denen sich der Strahlenmüll derzeit befindet. Eine - ohnehin bisher nicht geplante - Rückholung des Mülls wäre dann definitiv ausgeschlossen.

Wenn der Bericht der Task Force vorliegt, soll auch über das Flutungskonzept noch einmal gesprochen werden. Gabriel sähe am liebsten einen gänzlich anderen Ansatz: "Magnesiumchlorid muss nicht zwingend das richtige Schließungskonzept sein." Wichtig war den Ministern jedoch vor allem eine Aussage: Derzeit gebe es keine Gefahr durch die Asse. Es gehe vielmehr darum, "dass unsere Kinder und Enkel keine Schäden davontragen", wie es Gabriel ausdrückte.

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