Atommülllager Asse Betreiber wechselt, Personal bleibt

Die Atomkontrolleure aus Salzgitter sollen es richten: Das Bundesamt für Strahlenschutz übernimmt die Verantwortung über das Atommülllager Asse. Im Idealfall wird dadurch der Weg frei für die Suche nach neuen Konzepten zur Schließung des maroden Ex-Bergwerkes.

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Protest gegen die Asse (in Evessen, Juni 2008): "Flucht aus der Verantwortung"
dapd

Protest gegen die Asse (in Evessen, Juni 2008): "Flucht aus der Verantwortung"


So richtig freuen mag sich Udo Dettmann noch nicht. "Bis jetzt hatten wir wenig Zeit für Gefühle", sagt der Anti-Atomkraft-Aktivist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dettmann ist Sprecher des Asse-II-Koordinierungskreises - und als solcher in diesen Tagen ziemlich beschäftigt. Nach einem Spitzentreffen am Donnerstag in Berlin müssten Dettmann und seine Kollegen, deren Symbol ein gelbes, aus Holz gefertigtes A ist, eigentlich Morgenluft wittern. Denn zum ersten Mal haben die skandalösen Zustände in dem niedersächsischen Atomlager Asse Konsequenzen.

Die Verantwortung für das atommüllgefüllte Ex-Salzbergwerk nahe Wolfenbüttel wechselt vom Helmholtz-Zentrum München zum Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Das hat Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) nach einem Spitzengespräch mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und dessen niedersächsischem Amtskollegen Hans-Heinrich Sander (FDP) mitgeteilt. Gabriel lobte die "richtige und konsequente" Entscheidung.

Dieser Schritt hat sich bereits seit längerem abgezeichnet. Zuletzt hatte ein Prüfbericht Informations- und Kommunikationsdefizite des bisherigen Betreibers festgestellt, der aus dem Etat des Bundesforschungsministeriums bezahlt wurde. Zu den Problemen habe gehört, dass "in der Asse viele Jahre lang mit radioaktiven Laugen umgegangen werden konnte, ohne dass eine formale strahlenschutzrechtliche Genehmigung" existiert habe, sagte Ministerin Schavan.

Das Landesbergamt als Aufsichtsbehörde sei der Überzeugung gewesen, eine formale Erlaubnis sei nicht nötig gewesen. Und tatsächlich: SPIEGEL ONLINE liegt die Genehmigung der Behörde an die Betreiber vor, die auf den 3. März dieses Jahres datiert ist. Erst zu diesem Zeitpunkt hatte das Amt die Notwendigkeit einer formalen Genehmigung für das Verpumpen radioaktiver Lauge innerhalb des Bergwerks erkannt. Dabei liefen die Arbeiten seit mindestens 2005.

Gegen den Präsidenten des Landesbergamts läuft bereits seit dem Frühsommer ein Disziplinarverfahren, bestätigte ein Sprecher des zuständigen Wirtschaftsministeriums in Hannover auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" berichtet von einem weiteren Verfahren gegen eine Referenten des Amts. Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig hat Vorermittlungen zu den Vorgängen in der Asse aufgenommen.

Nun soll also das BfS die Zügel in die Hand nehmen. Die Behörde beaufsichtigt bereits das Atommüllendlager Morsleben in Sachsen-Anhalt und das Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben. Außerdem rüstet das Bundesamt das frühere Eisenerzbergwerk Schacht Konrad in Salzgitter zum zentralen Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle um. In den vergangenen Monaten haben sich mehrere BfS-Mitarbeiter - offiziell als Gutachter - ohnehin bereits in die Probleme der Asse eingearbeitet.

So ist es folgerichtig, dass sich die Behörde in Salzgitter zukünftig auch offiziell mit dem ehemaligen Salzbergwerk befasst. Damit wechseln auch in Berlin die Verantwortlichkeiten vom Forschungsministerium zum Umweltministerium. Ministerin Schavan, die im Fall Asse immer ein wenig pikiert daneben gestanden hatte, ist mit der Entscheidung vom Donnerstag aus dem Schneider. Umweltminister Gabriel, dem die Probleme im Atomlager als Wahlkampfthema durchaus ins Kalkül passen dürften, ist stattdessen am Zug.

Gabriel dürfte sich darum bemühen, die Endlagerproblematik gegen die von der Union propagierte Verlängerung der AKW-Laufzeiten ins Feld zu führen - auch wenn der Minister in der Öffentlichkeit davor warnt, die Asse als Beweis dafür zu missbrauchen, dass "Endlagerei nicht geht". Das sei "Flucht aus der Verantwortung".

Doch die Diskussion um ein Endlager ist bereits in vollem Gange. Gabriels Amtsvorgänger Jürgen Trittin von den Grünen erklärte, der derzeit gültige Baustopp in Gorleben müsse aufrechterhalten werden, bis die Vorkommnisse in der Asse aufgeklärt seien. Auch solle umgehend nach Alternativen zu Gorleben besucht werden. Unionsatomexpertin Katherina Reiche konterte flugs, sie sehe keinen Grund, dem Salzstock Gorleben als Endlagerstandort zu misstrauen.

Eine Kabinettsvorlage zum Betreiberwechsel in der Asse soll es noch im September geben, wenige Wochen später sollen dann die neuen Schilder an der Asse angeschraubt werden. Denn viel mehr passiert zunächst nicht: Das Bundesamt für Strahlenschutz hat versprochen, die Helmholtz-Mitarbeiter in der Asse zu übernehmen. Es sind rund 200, dazu kommen etwa 100 Arbeiter von Fremdfirmen. "Wir werden alles tun, um keine Zeitverzögerungen eintreten zu lassen bei der Übergabe", sagte der Sprecher des Helmholtz-Zentrums, Heinz-Jörg Haury. Das BfS wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern.

"Jetzt steht Umweltminister Gabriel in der Pflicht"

In Zukunft wird die Asse als kerntechnische Anlage behandelt und unterliegt dem Atomrecht. Das bedeutet vor allem, dass die Öffentlichkeit mehr Mitspracherechte bekommt, es wird eine öffentliche Anhörung geben. "Jetzt steht Umweltminister Gabriel in der Pflicht", sagt Anti-Atomkraft-Aktivist Dettmann. "Die Messlatte liegt hoch." Konkret geht es um die Frage, wie das Bergwerk genau geschlossen wird. Das Helmholtz-Zentrum hatte mit Hochdruck an einer kompletten Flutung der Asse mit einer Magnesiumchlorid-Lösung gearbeitet - und darauf verwiesen, dass das Bergwerk nur noch bis zum Jahr 2014 standsicher sei.

Tatsächlich muss man das entsprechende Gutachten des Instituts für Gebirgsmechanik Leipzig wohl differenzierter lesen. Ab dem Jahr 2014, so heißt es darin, sei mit "einem zunehmenden Tragfähigkeitsverlust" zu rechnen. "Unmittelbar nach diesem Jahr ist aber kein Zusammenbruch des Abbaufeldes abzuleiten", schreiben die Experten weiter. Möglicherweise bleibt so doch noch genug Zeit, um Alternativen zu prüfen. Es gebe vorsichtige Hinweise darauf, dass die Standsicherheit mit technischen Mittel verlängert werden könne, sagte auch Minister Gabriel.

Denn ist das Bergwerk einmal geflutet, dann lösen sich die Fässer auf. Es könnte die Gefahr bestehen, dass sich die strahlende Brühe aus der Asse mit dem Grundwasser mischt. "Mit dem Betreiberwechsel ist die Flutung unwahrscheinlicher geworden", hofft Udo Dettmann, "aber vom Tisch ist sie noch nicht."

Das Problem: Bis jetzt hat das Helmholtz-Zentrum nur die Flutung als einzige ernstzunehmende Option untersuchen lassen. Andere Konzepte, darunter die milliardenteure Rückholung des Mülls aus dem Berg, müssen jetzt erst mühevoll ausgearbeitet werden. Optimistisch hat Forschungsministerin Schavan dennoch angekündigt, dass noch in diesem Jahr ein Schließungskonzept "im Sinne der Sicherheit für Mensch und Umwelt" vorgelegt werden soll. Doch Atomkraftgegner Dettmann warnt: "Die Entwicklung eines Konzepts dauert Jahre."

Um Druck zu machen, wollen die Atomkraftgegner weiter demonstrieren. Für kommenden Freitag haben sie zu einer "Nacht am Schacht" eingeladen. Dabei soll es unter anderem einen Laternenumzug rund um das Bergwerk geben.

Mit Material der Agenturen



Forum - Wohin mit dem Atommüll?
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tempus fugit 26.06.2008
1. ...keine produzieren
Zitat von sysopNeuerdings wird der Atomausstieg immer häufiger in Frage gestellt, weil er den Klimaschutzzielen im Wege stehe. Doch ein ganz anderes Problem ist die Entsorgung der atomaren Abfälle. Nun sind erneut Probleme im Atommüllager Asse II aufgetreten. Wie soll mit der strahlenden Fracht umgegangen werden?
...keine produzieren = Ausstieg aus der Sch.... so schnell wie möglich, die Alternativen sind da.
anbue 26.06.2008
2.
So ein paar Milliarden für die Sanierung der ein oder anderen Landesbank waren doch kurzfristig aufzutreiben. Da sollte man jetzt bei der Asse nicht so knauserig sein. Man kann es ja wieder als "Forschung" deklarieren: Wie saniert man ein abgesoffenes Endlager. 1000 Jahre dauern in Deutschland 12, die Ewigkeit 40 Jahre - daran braucht man nicht mehr rumzuforschen.
Realo, 26.06.2008
3. Atomenergie....
.....ist ja soooooo billig - Harharhar ! Jetzt ist genau das eingetreten, was wir in den 60igern, 70igern und 80igern mit unserem Protest verhindern wollten. ATOMKRAFT - NEIN DANKE ! Wenn mir jetzt wieder Blödmänner ins Gesicht sagen: "Atomkraft ist billig und ohne Risiko" kann ich nur lachen ! - Folgekosten für die nächsten 1 Mio. Jahre - Nicht beherrschbare Technik Ich bin wirklich froh und dankbar, dass die Lagerprobleme jetzt an Tageslicht kommen, bevor weiter über verlängerte Restlaufzeiten und sogar über den Neubau von AKWs diskutiert wird. Kernenergie ist /war und wird es auch NIEMALS sein, eine von Menschen zu beherrschende Energieversorgung. Das sind die Fakts, alles andere ist eine Lüge ! Liebe Grüsse Realo AKW - nee!
computerkid 26.06.2008
4. Alles Koscher ?
Es ist schon interessant, wie man jetzt darum bemüht ist, den Inhalt von Asse II 'unter den Teppich' zu kehren. Hat sich schon einmal jemand Gedanken gemacht, was die BRD im Kalten Krieg eigentlich so alles in den 'Forschungsreaktoren' getrieben hat ? Vielleicht war das ja ein kleines Atomwaffenprogramm...
descartes101, 26.06.2008
5. So eine Überraschung...!
Zitat von anbueSo ein paar Milliarden für die Sanierung der ein oder anderen Landesbank waren doch kurzfristig aufzutreiben. Da sollte man jetzt bei der Asse nicht so knauserig sein. Man kann es ja wieder als "Forschung" deklarieren: Wie saniert man ein abgesoffenes Endlager. 1000 Jahre dauern in Deutschland 12, die Ewigkeit 40 Jahre - daran braucht man nicht mehr rumzuforschen.
Wer nach diesem Artikel noch den Ausbau der Kernkraft verlangt, der kann nicht ganz dicht sein. Noch viel undichter ist jemand, der auch nur für einen Moment glaubt, dass dies die einzige Leiche im Keller der Kernkraftindustrie und ihrer politischen Handlanger sei. So viel also zum Märchen von der billigen, sauberen Kernenergie. Es soll ja Leute geben, die es von Anfang an gewusst haben. Aber die werden ja auf breiter Fläche als fortschritts- und wirtschaftsfeindliche Traumtänzer abgetan. Die Lösung unseres Energieproblems ist nicht, mehr zu produzieren. Die einzige sinnvolle Lösung ist, sehr viel weniger und effizienter zu verbrauchen, und auch weniger zu produzieren, damit die tatsächlich sehr stark begrenzten Rohstoffe noch wenigstens über die nächsten 50 Jahre reichen. Erst wenn der gesamte Energiebedarf über Solarenergie gedeckt werden kann, dann können wir (zumindest auf diesem Problem) vorsichtig aufatmen. Natürlich ist unser heutiger Bedarf nicht über Solarenergie zu decken. Einige werden ihre Gewohnheiten ziemlich umstellen müssen, egal, was sie sich und anderen einzureden versuchen. Auf die Lügen von Politik und Industrie geben sowieso nur Vollidioten etwas. Lest den Artikel. q.e.d.
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