Remlingen - Am Anfang gab's warme Worte vom Neuen. Die Asse sei eine "klaffende Wunde in der Natur", gestand Umweltminister Peter Altmaier bei seinem ersten Besuch in dem maroden Atommülllager ein. Die Sanierung des Bergwerks sei daher eine der wichtigsten umweltpolitischen Aufgaben in Deutschland, so der CDU-Politiker. Für ihn sei es "eine Frage der Glaubwürdigkeit, dass wir ehrlich und offen damit umgehen".
Altmaier versprach, Anwohner und Umweltschützer bei dem Mega-Projekt einzubeziehen. Er könne nicht versprechen, dass die Bürger immer zu 100 Prozent mit seinen Entscheidungen einverstanden seien. Er verspreche aber, "dass ich mit Ihnen über alle Probleme reden werde".
Und zu reden gibt es einiges. Denn noch immer ist unklar, wie die Abfälle aus dem einsturzgefährdeten Bergwerk zurückzuholen sind. Zuletzt hatte ein Terminplan des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) für erhitzte Gemüter gesorgt. Darin war zu lesen, dass die endgültige Rückholung im schlimmsten Fall erst im Jahr 2036 beginnen könnte. Altmaier forderte daraufhin eine Beschleunigung bei der geplanten Rückholung.
Und passend zu seinem Besuch kann er sich über einen ersten Erfolg freuen: Nach monatelangem Hin und Her wird ab Freitag eine Kammer mit radioaktiven Abfällen angebohrt. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erhofft sich davon Informationen über den Zustand der dort gelagerten Fässer. Es ist zum Beispiel völlig unklar, ob sich der Müll überhaupt noch in den Fässern befindet - oder ob eingedrungenes Wasser ihn aufgelöst hat.
Pro Tag dringen rund 12.000 Liter Wasser in die Asse ein, in die bis zum Jahr 1978 etwa 126.000 Atommüllfässer gekippt wurden. Die Bergung könnte mehrere Milliarden Euro kosten - wenn sie denn überhaupt möglich ist. Allein das Anbohren und Ausspähen der Kammern mit Minikameras dürfte lange dauern. Die Arbeiten stehen unter Atomrecht, weshalb viele strenge und komplizierte Auflagen zu erfüllen sind. Allein für das Anbohren der ersten Kammer war ein Forderungskatalog von fast tausend Seiten abzuarbeiten. Die Arbeiten sollte schon vor Monaten beginnen.
Abgekippt und mit gemahlenem Steinsalz überdeckt
Wenn die Testergebnisse zeigen, dass eine Bergung der Abfälle tatsächlich möglich ist, müssten ein ganz neuer Schacht und ein oberirdisches Zwischenlager gebaut werden. All das - im Zusammenspiel mit den Auflagen - könnte eben zu der vom BfS skizzierten Verzögerung bis 2036 als Start für die Bergung führen. Eine als Alternative diskutierte Verfüllung des Bergwerks würde das Risiko bergen, dass der strahlende Müll über eindringendes Wasser nach oben gedrückt wird und das Grundwasser der Region verseucht. Die Bürger sind daher strikt dagegen.
Also am besten Rückholung - ein weltweit einmaliges Vorhaben. Die nun untersuchte Kammer 7 liegt in 750 Meter Tiefe. Sie ist etwa 33 Meter breit, 59 Meter lang und im Mittel zehn Meter hoch. Der Hohlraum wurde ursprünglich in den Jahren 1919 und 1920 zum Salzabbau aufgefahren. Vom Juli 1977 bis zum Juni 1978 wurden dann die Behälter mit schwach radioaktiven Abfällen eingelagert.
Im einzelnen handelte es sich um
Das Gesamtvolumen der in dem Raum eingelagerten Gebinde beträgt 3.993 Kubikmeter. Die 200- und 400-Liter-Fässer wurden im unteren Bereich der Kammer abgekippt und danach mit gemahlenem Steinsalz überdeckt. Darüber wurden die "Verlorenen Betonabschirmungen" gestapelt.
Im April 1982 wurde die Kammer 7 dann verschlossen. Das Verschlussbauwerk ist etwa 20 Meter lang. Wie aus Aufzeichnungen des früheren Betreibers hervorgeht, besteht es aus Salzbeton, Mauersteinen und Bitumenfugen. Der genaue Aufbau soll beim Anbohren erkundet werden.
Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) hatte die als Bergwerk unwirtschaftlich gewordene Asse 1965 im Auftrag der Bundesrepublik für 900.000 Mark erworben, um ein Atommüll-Endlager oder ein Forschungsbergwerk einzurichten. Nach Pannen und Versäumnissen wurde dem Betreiber GSF, der später im Helmholtz Zentrum München aufging, 2009 die Verantwortung entzogen. Seitdem ist das BfS zuständig, das dem Umweltministerium untersteht.
Der Sprecher des Asse-2-Koordinationskreises, Udo Dettmann, forderte Peter Altmaier bei seinem Besuch auf, ein konkretes Datum zu setzen, bis wann die Bergung des Atommülls abgeschlossen sein soll. Die Rückholung müsse als ein Projekt mit einem festen Schlussdatum organisiert werden, auf das hin alle Arbeiten auszurichten seien. "Wir erwarten von Ihnen, dass das Umweltministerium das als Ziel formuliert", forderte Dettmann.
Und Heike Wiegel vom atomkraftkritischen Verein "Aufpassen" überreichte dem Minister einen Gutschein für ein "A" aus Holz - der Buchstabe ist ein Symbol der regionalen Umweltbewegung. Den Gutschein könne Altmaier einlösen, sobald er "gute Taten vollbracht" und "endlich ein Gesamtkonzept" für die Räumung des Bergwerks vorgelegt habe. Der Minister erwiderte, der Gutschein bekomme einen Platz an der Wand seines Ministerbüros. Über die Einlösung sagte er offenbar nichts.
chs/dapd/dpa
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