Atommülllager Asse Minister Altmaier startet erste Probebohrung

Monatelang hatten die bürokratischen Vorarbeiten gedauert - doch dann ging alles ganz schnell: Pünktlich zum Besuch des neuen Umweltministers Peter Altmaier darf in der Asse eine Atommüllkammer angebohrt werden. Damit soll geklärt werden, ob der Strahlenmüll geborgen werden kann.

Vorbereitungen für Probebohrung in der Asse (Archivbild): "Klaffende Wunde in der Natur"
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Vorbereitungen für Probebohrung in der Asse (Archivbild): "Klaffende Wunde in der Natur"


Remlingen - Am Anfang gab's warme Worte vom Neuen. Die Asse sei eine "klaffende Wunde in der Natur", gestand Umweltminister Peter Altmaier bei seinem ersten Besuch in dem maroden Atommülllager ein. Die Sanierung des Bergwerks sei daher eine der wichtigsten umweltpolitischen Aufgaben in Deutschland, so der CDU-Politiker. Für ihn sei es "eine Frage der Glaubwürdigkeit, dass wir ehrlich und offen damit umgehen".

Altmaier versprach, Anwohner und Umweltschützer bei dem Mega-Projekt einzubeziehen. Er könne nicht versprechen, dass die Bürger immer zu 100 Prozent mit seinen Entscheidungen einverstanden seien. Er verspreche aber, "dass ich mit Ihnen über alle Probleme reden werde".

Und zu reden gibt es einiges. Denn noch immer ist unklar, wie die Abfälle aus dem einsturzgefährdeten Bergwerk zurückzuholen sind. Zuletzt hatte ein Terminplan des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) für erhitzte Gemüter gesorgt. Darin war zu lesen, dass die endgültige Rückholung im schlimmsten Fall erst im Jahr 2036 beginnen könnte. Altmaier forderte daraufhin eine Beschleunigung bei der geplanten Rückholung.

Und passend zu seinem Besuch kann er sich über einen ersten Erfolg freuen: Nach monatelangem Hin und Her wird ab Freitag eine Kammer mit radioaktiven Abfällen angebohrt. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erhofft sich davon Informationen über den Zustand der dort gelagerten Fässer. Es ist zum Beispiel völlig unklar, ob sich der Müll überhaupt noch in den Fässern befindet - oder ob eingedrungenes Wasser ihn aufgelöst hat.

Pro Tag dringen rund 12.000 Liter Wasser in die Asse ein, in die bis zum Jahr 1978 etwa 126.000 Atommüllfässer gekippt wurden. Die Bergung könnte mehrere Milliarden Euro kosten - wenn sie denn überhaupt möglich ist. Allein das Anbohren und Ausspähen der Kammern mit Minikameras dürfte lange dauern. Die Arbeiten stehen unter Atomrecht, weshalb viele strenge und komplizierte Auflagen zu erfüllen sind. Allein für das Anbohren der ersten Kammer war ein Forderungskatalog von fast tausend Seiten abzuarbeiten. Die Arbeiten sollte schon vor Monaten beginnen.

Abgekippt und mit gemahlenem Steinsalz überdeckt

Wenn die Testergebnisse zeigen, dass eine Bergung der Abfälle tatsächlich möglich ist, müssten ein ganz neuer Schacht und ein oberirdisches Zwischenlager gebaut werden. All das - im Zusammenspiel mit den Auflagen - könnte eben zu der vom BfS skizzierten Verzögerung bis 2036 als Start für die Bergung führen. Eine als Alternative diskutierte Verfüllung des Bergwerks würde das Risiko bergen, dass der strahlende Müll über eindringendes Wasser nach oben gedrückt wird und das Grundwasser der Region verseucht. Die Bürger sind daher strikt dagegen.

Also am besten Rückholung - ein weltweit einmaliges Vorhaben. Die nun untersuchte Kammer 7 liegt in 750 Meter Tiefe. Sie ist etwa 33 Meter breit, 59 Meter lang und im Mittel zehn Meter hoch. Der Hohlraum wurde ursprünglich in den Jahren 1919 und 1920 zum Salzabbau aufgefahren. Vom Juli 1977 bis zum Juni 1978 wurden dann die Behälter mit schwach radioaktiven Abfällen eingelagert.

Im einzelnen handelte es sich um

  • 1079 200-Liter-Fässer
  • 139 400-Liter-Fässer
  • 3130 sogenannte "Verlorene Betonabschirmungen". Das sind Fässer, die zum Schutz vor Strahlung mit einem zehn Zentimeter dicken Betonmantel umkleidet wurden.

Das Gesamtvolumen der in dem Raum eingelagerten Gebinde beträgt 3.993 Kubikmeter. Die 200- und 400-Liter-Fässer wurden im unteren Bereich der Kammer abgekippt und danach mit gemahlenem Steinsalz überdeckt. Darüber wurden die "Verlorenen Betonabschirmungen" gestapelt.

Im April 1982 wurde die Kammer 7 dann verschlossen. Das Verschlussbauwerk ist etwa 20 Meter lang. Wie aus Aufzeichnungen des früheren Betreibers hervorgeht, besteht es aus Salzbeton, Mauersteinen und Bitumenfugen. Der genaue Aufbau soll beim Anbohren erkundet werden.

Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) hatte die als Bergwerk unwirtschaftlich gewordene Asse 1965 im Auftrag der Bundesrepublik für 900.000 Mark erworben, um ein Atommüll-Endlager oder ein Forschungsbergwerk einzurichten. Nach Pannen und Versäumnissen wurde dem Betreiber GSF, der später im Helmholtz Zentrum München aufging, 2009 die Verantwortung entzogen. Seitdem ist das BfS zuständig, das dem Umweltministerium untersteht.

Der Sprecher des Asse-2-Koordinationskreises, Udo Dettmann, forderte Peter Altmaier bei seinem Besuch auf, ein konkretes Datum zu setzen, bis wann die Bergung des Atommülls abgeschlossen sein soll. Die Rückholung müsse als ein Projekt mit einem festen Schlussdatum organisiert werden, auf das hin alle Arbeiten auszurichten seien. "Wir erwarten von Ihnen, dass das Umweltministerium das als Ziel formuliert", forderte Dettmann.

Und Heike Wiegel vom atomkraftkritischen Verein "Aufpassen" überreichte dem Minister einen Gutschein für ein "A" aus Holz - der Buchstabe ist ein Symbol der regionalen Umweltbewegung. Den Gutschein könne Altmaier einlösen, sobald er "gute Taten vollbracht" und "endlich ein Gesamtkonzept" für die Räumung des Bergwerks vorgelegt habe. Der Minister erwiderte, der Gutschein bekomme einen Platz an der Wand seines Ministerbüros. Über die Einlösung sagte er offenbar nichts.

chs/dapd/dpa

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
sukowsky, 01.06.2012
1. Das Wahlvolk wird es ihn sicherlich danken
Also was wir bislang gehört haben, ist Herr Altmaier eine sehr gute Wahl frei von Selbstdarstellung nur der Sache dienend. Das Wahlvolk wird es ihn sicherlich danken, weil es ja sonst viel Selbstbeweihräucherung der Darsteller gewöhnt ist..
felisconcolor 01.06.2012
2. Ich stelle
Zitat von sukowskyAlso was wir bislang gehört haben, ist Herr Altmaier eine sehr gute Wahl frei von Selbstdarstellung nur der Sache dienend. Das Wahlvolk wird es ihn sicherlich danken, weil es ja sonst viel Selbstbeweihräucherung der Darsteller gewöhnt ist..
nur mal die Frage unter welcher politischen Ägide damals die Asse ins Leben gerufen wurde. Wer glaubt das dieser Klientel heute an einer sauberen Lösung gelegen ist... ...träumt weiter. Traue nie dem Lächeln einer Katze
brux 01.06.2012
3. Toll
Zitat von sysopDPAMonatelang hatten die bürokratischen Vorarbeiten gedauert - doch dann ging alles ganz schnell: Pünktlich zum Besuch des neuen Umweltministers Peter Altmaier darf in der Asse eine Atommüllkammer angebohrt werden. Damit soll geklärt werden, ob der Strahlenmüll geborgen werden kann. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,836431,00.html
Das ist ja echt beruhigend. Man weiss nicht einmal mehr, was man 1982 gebaut hat, aber die Anlage soll den Dreck 50.000 Jahre sicher verwahren. Und das in Deutschland, wo technische Standards wahrlich nicht die schlechtesten sind.
exminer 01.06.2012
4. Ich befürchte daß der jetzige Aktionismus
als Ergebnis die Unmöglichkeit einer Bergung feststellen wird. Auch ist eine Frage im Vorfeld dieser Show noch garnicht angesprochen worden, wohin mit dem Dreck ? Sofern er überhaupt noch einmal das Tageslicht erblickt. Angela hat doch das Assekonzept abgesegnet in dem Job den der Herr Altmaier jetzt bekleidet. Kurzfristiges Denken in den Zeiträumen zwischen den Wahlen lösen keine Probleme die uns Jahrtausende erhalten bleiben und, auch in der Geologie gibt es keinen Status Quo, so händeringend das auch erhofft wird. Den Preis für diese Technologie beinhaltet eine Hypothek an dem uns nachfolgende Generationen verfluchen werden. Unter geologischen Zeiträumen betrachtet reichen die Überlegungen der heute Agierenden von zwölf bis Mittags, und die Parole scheint zu sein "Aus den Augen aus dem Sinn".
Reiner_Habitus 01.06.2012
5.
Zitat von bruxDas ist ja echt beruhigend. Man weiss nicht einmal mehr, was man 1982 gebaut hat, aber die Anlage soll den Dreck 50.000 Jahre sicher verwahren. Und das in Deutschland, wo technische Standards wahrlich nicht die schlechtesten sind.
Sollte das mit der Einlagerung so stimmen. Also zuerst Fässer unkontrolliert in eine Grube kippen, dann Steinsalz drüber. Anschließend noch Betonfässer drauf, dürfte eine Rückholung sagen wir mal schwierig werden. Stellen sie sich mal vor sie würden bauen: Grube Auf. Fässer reingeschmissen. Dann Sand drüber. Da kriegen sie wegen der Holräume zwischen den verkeilten Fässern und den Fässern selber einen prima statisch unbetimmbaren Untergrund. Versuchen sie mal auf so einem Untergrund eine Baugenehmigung für ihr Haus zu kriegen. Das Bauamt schickt sie unter Tränen vor Lachen weg. Anschließend sind sie die für die nächsten 20 Jahre Gesprachs stoff, nach dem Moto da wollte mal einer. LOL...... Aber bei Atommüll da geht das. Ist klar. Bin echt mal gespannt wie es in der Kammer um die Rückholbarkeit bestellt ist....
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