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Atomruine Fukushima: Tonnenweise radioaktives Wasser freigesetzt

AFP

Mehr als hundert Tonnen verseuchtes Wasser sind in Fukushima kürzlich im Boden versickert, das muss die Betreiberfirma Tepco jetzt eingestehen. Dabei soll unter anderem Strontium-90 in deutlich erhöhter Konzentration freigesetzt worden sein.

Tokio - Es ist eine weitere peinliche Nachricht des Versagens, die der japanische Energiekonzern Tepco nun öffentlich machen muss: Aus einem Tank an der Atomruine Fukushima sind nach Angaben des Unternehmens rund hundert Tonnen schwer radioaktiv belastetes Wasser ausgetreten. Das Problem sei am Mittwoch aufgetreten, weil ein Sperrventil an dem riesigen Behälter versehentlich offengeblieben sei. Arbeiter hätten auf einem Kontrollgang festgestellt, dass Wasser aus einer Leitung an der Seite des Tanks getropft sei.

Am Donnerstag habe man das Leck stopfen können. Der Konzern ergreife verschiedene Maßnahmen und bitte die Öffentlichkeit um Entschuldigung für den Vorfall, so Firmensprecher Masayuki Ono.

Die Tanks befinden sich nach Angaben der Firma rund 700 Meter vom Meer entfernt. Tepco geht nach eigenen Angaben davon aus, dass kein verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt ist - und dass die komplette Menge im Boden versickert ist. Zur Begründung gibt die Firma an, in dem Bereich des Geländes gebe es keine Entwässerung, die zum Ozean führe.

Veröffentlichung von Messwerten verschleppt

Es handelt sich demnach um das größte Leck, seit im August 2013 rund 300 Tonnen Wasser aus einem anderen Tank geflossen waren. Infolge des schweren Erdbebens und Tsunamis im März 2011 waren drei der sechs Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima zerstört worden; es kam zu Kernschmelzen. Tepco flutet die Anlage mit Wasser, um die überhitzten Reaktoren zu kühlen. An den Speichertanks, in denen jenes verseuchte Wasser gelagert wird, werden immer wieder undichte Stellen entdeckt. Tepco hat angekündigt, alle Reaktoren in Fukushima dauerhaft stillzulegen - also auch die vergleichsweise wenig beschädigten Blöcke 5 und 6.

Die japanische Atomaufsicht hatte die Firma zuletzt kritisiert, weil sie problematische Strahlenwerte zum Isotop Strontium-90 im Grundwasser erst mit massiver Verspätung veröffentlicht hatte - trotz wiederholter Anfragen der Behörden. Auch bei dem aktuellen Vorfall soll unter anderem Strontium-90 freigesetzt worden sein. Die Strahlenbelastung des betroffenen Wassers habe bei 230 Millionen Becquerel pro Liter gelegen. Der betreffende Grenzwert für die Freisetzung von Strontium-90 in den Pazifik liegt eigentlich bei 30 Becquerel pro Liter.

chs/dpa/Reuters

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1. Und hier ...
graetz777 20.02.2014
... regt man sich auf über Windräder und Stromtrassen. Wir werden in Zukunft schon genug Probleme mit dem Atommüll haben, der bis jetzt schon in Deutschland angefallen ist. Ich denke, die Bevölkerung von Fukushima würde gerne mit uns tauschen und nur noch Windräder und Stromtrassen bauen.
2. Verschleppung von Messdaten
kjartan75 20.02.2014
Ach, man soll Tepco doch bitte nicht so streng behandeln. Wie viele Foristen ja hier immer wieder betonen, wie ungefährlich das ist, da muss man über Nebensächlichkeiten wie Strahlenwerte nicht gleich Auskunft erteilen. Passiert doch eh nix. Naja, die werden schon ihre Gründe haben, warum sie kaum was veröffentlichen.
3. Neuigkeit
darthmax 20.02.2014
Es ist also jetzt verstrahltes Wasser aus einem Behälter getropft. Keine 100 Tonnen, dass könnte man wohl nicht als tropfen bezeichnen. Was ist denn nun passiert ?
4. Getropft?
jasmin.deneke87 20.02.2014
Wie stelle ich mir das vor, wenn durch "Tropfen" eine Menge von mehr als 100.000 Liter austritt? Ein tropfender Wasserhahn verliert täglich 5 Liter. Bei Tepco bleibt ein ganzes Ventil versehentlich offen und dies führt lediglich zu einem "Tropfen"? Und das Wasser, stark radioaktiv verseucht, hat Vielleicht sollte Tepco ein ganz winziges Bisschen weniger bagatellisieren; so, dass es nicht jeder auf den ersten Blick merkt,
5. Es ist unendlich peinlich...
Dr. Clix 20.02.2014
für die Atomkraftbeführworter. Rs gilt immer noch: wäre die Baukosten det AKW's für Wärmedämmung ausgegeben worden, bräuchte man die AKW's gar nicht. Geld wärmt nicht, beruhigt(?) aber ungemein.
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Fukushima: Risikofaktor Abklingbecken

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.


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