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Atomunfall in Österreich: Probleme im Pannenlabor waren bekannt

Atompanne mit Ansage: Bereits seit längerer Zeit war klar, dass das Labor der Internationalen Atomenergiebehörde in Österreich altersschwach ist. Doch die Mitgliedstaaten weigerten sich, das nötige Geld bereitzustellen. Nun ist es zu einem kleineren Unfall gekommen.

Wien - Der Generalsekretär konnte seine Wut kaum verhehlen. Als Mohamed ElBaradei Ende November vergangenen Jahres vor die Mitglieder des Gouverneursrats der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) trat, beklagte er mit deutlichen Worten die desaströse Finanzlage des Analyselabors der Atomkontrolleure im österreichischen Seibersdorf.

Bereits im September 2002 habe er die "chronische und zerstörerische Unterfinanzierung" der Anlage vor den Toren Wiens angemahnt, sagte der Ägypter vor den Diplomaten aus 35 Staaten, und auch danach regelmäßig um mehr Geld gebeten. Passiert sei rein gar nichts.

Uno-Atombehörde IAEA: "Chronische und zerstörerische Unterfinanzierung"
AP

Uno-Atombehörde IAEA: "Chronische und zerstörerische Unterfinanzierung"

Dann ging ElBaradei ins Detail - und sein Vortrag gab Anlass zur Sorge: Die alternde technische Infrastruktur und Analyseanlagen im Safeguards Analytic Laboratory (SAL) gefährdeten den Auftrag der Organisation, wie gefordert nukleare Verifikation zu betreiben. "Die Umkreissicherheit an der Anlage entspricht nicht den Standards der Agentur und des Uno-Systems." Ein weiteres wichtiges Problem sei der Raummangel im Labor, bei dem die Gefahr bestehe, gegen eigene Sicherheitsvorschriften zu verstoßen.

ElBaradei setzte ein Beratergremium ein, um den genauen Finanzbedarf im Labor zu ermitteln. Der Bericht der Gruppe soll noch in diesem Jahr vorliegen. Das Problem: Inzwischen ist es in Seibersdorf tatsächlich zu einem Zwischenfall gekommen. Eine kleine versiegelte Flasche, in der Plutonium aufbewahrt wurde, platzte - aus noch unbekannten Gründen. Glücklicherweise offenbar ohne Folgen für Mensch und Umwelt.

Das IAEA-Labor liegt auf dem Gelände des Austrian Research Centres und wird seit 1976 von der IAEA genutzt. Es ist Teil eines Laborverbundes aus rund 20 Labors in verschiedenen Mitgliedstaaten der Organisation. In Deutschland gehören Einrichtungen in Berlin und Karlsruhe dazu. Nach Angaben der Organisation werden jedes Jahr bis zu tausend Proben nuklearen Materials und weitere 600 Umgebungsproben analysiert. Seine Hochzeit hatte das Labornetzwerk in den Jahren nach dem Fall der Mauer.

Die Proben, die die Inspektoren der Organisation weltweit nehmen, werden in Wien mit Codenummern versehen und so anonymisiert. Dann werden sie zum Teil in die Partnerlabors weiterverschickt und zum Teil vor Ort unter die Lupe genommen. Die britische Militärzeitschrift "Jane's" berichtet, das Labor sei als "class-100 clean facility" eingeordnet. Das bedeutet, dass die Luft im Inneren der Analyseräume besonders rein ist. Sie enthält pro Kubikfuß (das entspricht etwa 28,3 Litern) nicht einmal mehr als 100 Partikel, die 0.5 Mikrometer oder größer sind. Diese Menge ist laut "Jane's" 10.000-mal kleiner als Partikel in der normalen Umgebungsluft.

Die IAEA verwies darauf, dass das Labor mehrere Sicherheitssysteme habe, unter anderem einen Luftfilter zur Entfernung von radioaktiven Partikeln aus der Abluft. Zudem gebe es eine ständige Messung des Plutoniumgehalts im Labor. Dieses System schlage bei der geringsten Abweichung vom Normalwert Alarm, was auch bei dem Vorfall am Sonntag der Fall gewesen sei. Ein erhöhter Plutoniumwert sei in jenem Raum, in dem die Flasche aufbewahrt worden sei, sowie in zwei weiteren Räumen festgestellt worden.

chs/AP

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