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Atomwaffen in Deutschland: USA haben Nuklear-Arsenal in Ramstein geräumt

Von und John Goetz

Der US-Stützpunkt Ramstein galt jahrelang als Atomwaffen-Lager mitten in Deutschland - jetzt befinden sich dort nach Erkenntnissen von Experten keine Nuklearsprengköpfe mehr. Eine Kontrollliste belegt, dass sie außer Landes gebracht wurden.

Berlin - Ohne großes Aufsehen hat die US-Armee offenbar ihren gesamten Bestand an Atomwaffen aus der Air Force-Base in Ramstein abgezogen. In der Anlage lagerten 130 der rund 480 nuklearen Sprengköpfe, welche die US-Armee in Europa bereithält.

US-Basis Ramstein: "Die Armee kann die Waffen nicht ohne regelmäßige Inspektionen lagern"
AP

US-Basis Ramstein: "Die Armee kann die Waffen nicht ohne regelmäßige Inspektionen lagern"

Nun scheint das nukleare Potential komplett geleert worden zu sein. Das jedenfalls geht aus einer aktuellen Studie der renommierten Organisation Federation of American Scientists hervor. "Ich denke, es ist fast sicher, dass die Bomben nicht mehr in Ramstein sind", sagte der Autor Hans M. Kristensen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es gibt jedenfalls viele Indizien, dass sie nicht mehr da sind."

Der Wissenschaftler, der seit Jahren nukleare Arsenale erforscht und beobachtet, stützt sich bei seinen Behauptungen vor allem auf einen öffentlich zugänglichen Bericht aus dem Januar 2007, in dem die Armee Auskunft über Routine-Kontrollen an Standorten für nukleare Technik gibt. Außer Deutschland zählten dazu auch Basen in Großbritannien, Belgien, der Türkei und den Niederlanden.

Keine Nuklear-Experten mehr für Ramstein

Im Gegensatz zu früher wird Ramstein nicht mehr als Standort aufgeführt, der von Nuklear-Experten untersucht wurde. "Die Air Force hat die Hauptbasen in Ramstein von der Liste genommen", sagt Kristensen. "Das zeigt, dass vorher dort gelagerte Nuklearwaffen entfernt und in die USA gebracht worden sind."

Offizielle Zahlen über die Sprengköpfe der Amerikaner geben die Nato-Partner grundsätzlich nicht heraus, allerdings wurde die Zahl der Waffen von Experten in den vergangenen Jahren konstant auf 480 Stück geschätzt. In Deutschland lagerten 130 Sprengköpfe in Ramstein, 20 weitere auf der deutschen Flieger-Basis in Büchel. Dort trainieren deutsche Kampfpiloten bis heute den Abwurf der US-Bomben, den sie auf Befehl der USA ausführen müssten.

Der Luftwaffenstützpunkt Ramstein hat spezielle Lagerstätten für insgesamt 216 nukleare Bomben der Typen B-61-3 und B-61-4. Tief im Boden unter den Flugzeughangaren sind 54 sogenannte "vaults" eingelassen worden. Die Grüfte können jeweils vier Atomwaffen aufnehmen, bei Bedarf können diese dann direkt unter die Jets montiert werden. Eine ähnliche Anlage steht auch in Büchel.

"Die Waffen sind weg"

Auf die neuen Erkenntnisse der Studie gab es bislang keine offizielle Reaktion. Das Pentagon in den USA teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, dass man "zur Anzahl und Position von Atomwaffen der US-Armee" grundsätzlich keine Auskunft erteile. Das Bundesverteidigungsministerium verweigerte ebenfalls eine Stellungnahme: "Im Rahmen der Geheimhaltung unter Nato-Partner können wir die Stationierung oder die Anzahl von Waffen nicht kommentieren", sagte eine Sprecherin. Dennoch ist sich Kristensen sicher: "Die Liste belegt eindeutig, dass die Waffen fort sind. Die Armee kann sie dort nicht lagern, ohne dass es regelmäßige Inspektionen gibt. Die Waffen sind weg. In diesem Geschäft ist das, was wir haben, der beste Beweis, den man bekommen kann."

Wann die Waffen aus Ramstein abtransportiert wurden, ist nicht klar. Im Jahr 2005 hatte die US-Armee nach SPIEGEL-Informationen alle nuklearen Waffen wegen umfangreicher Umbauarbeiten in Ramstein ausgelagert, vermutlich in die USA. Möglicherweise kamen die Waffen nie nach Deutschland zurück.

Mit der Auslagerung 2005 gab es in Deutschland eine heftige Debatte um die Stationierung der US-Waffen in Deutschland. Zeitweise wollte sogar die rot-grüne Regierung in den USA Druck machen, die Waffen als letztes Relikt des Kalten Kriegs abzuziehen. Doch dann sah Berlin von der Forderung ab, das Thema verschwand von der Bildfläche. Erfüllte die US-Regierung den Deutschen ihren Wunsch im Stillen und brachte die Waffen nie zurück?

Neue Debatte um Büchel?

Eine ähnliche Debatte wie 2005 könnte nun wiederaufleben - denn in Büchel in Rheinland-Pfalz sind noch immer 20 Sprengköpfe der Amerikaner in unterirdischen Lagern deponiert. Mit der Leerung der Ramsteiner Arsenale, sagen Experten, könne nun Büchel wieder in die politische Diskussion kommen. In der Opposition fänden sich dafür sicherlich reichlich Befürworter, Linke und Grüne fordern seit langem das Ende der Lagerung von Atomwaffen auf deutschem Boden. Galt bisher stets das Argument, die Amerikaner bestünden auf der Stationierung, gibt es nun eine neue Lage.

Ob allerdings die Bundesregierung in diesem Fall an die USA herantreten will, ist eher unwahrscheinlich. Erst im Juni 2005 hatte die nukleare Planungsgruppe der Nato (NPG) die Wichtigkeit der Stationierung von US-Atomwaffen in Europa betont. Demnach seien die Waffen wichtig für die Erhaltung des Friedens und seien von "hohem Wert".

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