Mobbing: Wer andere ausschließt, leidet auch selbst

Von Julia Merlot

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Corbis

Ausgrenzung: Auf Anweisung sind die meisten Menschen zu seelischer Grausamkeit bereit

Depressionen oder Angststörungen können die Folgen permanenter Ausgrenzung sein. Doch auch Täter leiden offenbar unter ihrem asozialen Verhalten, zeigt eine Studie. Demnach geht es Menschen vor allem nahe, wenn sie aus Opportunismus mobben.

In der Schule, am Arbeitsplatz oder im Sportverein - in allen Bereichen des Alltags kommt es vor, dass Gruppen Einzelne ausgrenzen. Offenbar sind es aber nicht nur die Opfer des Mobbings, die dadurch leiden: Auch Täter, vor allem Mitläufer, die der Stigmatisierung aus sozialem Druck folgen, schaden damit offenbar ihrer Psyche, berichten Forscher im Fachmagazin "Psychological Science".

"Der Mensch ist ein soziales Tier", sagt Nicole Legate von der University of Rochester im US-Bundesstaat New York. "Typischerweise sind wir empathisch und vermeiden es, anderen zu schaden, solange wir uns nicht bedroht fühlen."

152 Studenten spielten in der Untersuchung der Wissenschaftler das Computerspiel Cyberball. Dabei warf sich je ein Proband mit zwei virtuellen Mitspielern einen Ball zu, wusste allerdings nicht, dass seine Mitspieler computergesteuert waren und entweder auf faires oder unfaires Verhalten programmiert.

Die Wissenschaftler verglichen mehrere Spielvarianten: Im Ausgrenzerszenario spielte der eine Computer dem anderen den Ball nahezu gar nicht zu. Die Studenten wurden angewiesen, sich diesem Verhalten anzupassen und den dritten Mitspieler so vom Spiel auszugrenzen. In einer Vergleichsgruppe ließen die beiden Computer die Studenten nicht mitspielen. Vor und nach dem Spiel füllten die Probanden einen Fragebogen zu ihrer Stimmung, ihrem Autonomie- und Zugehörigkeitsgefühl sowie zur Einschätzung ihrer Fähigkeiten aus.

"Auch wenn sie keine sichtbaren Wunden hinterlässt, aktiviert Ausgrenzung die gleichen Schmerzmechanismen im Gehirn, wie körperliche Gewalt", sagt Legates Kollege Richard Ryan. Andere aufgrund äußerer Umstände auszugrenzen, wirke auf die Täter gleichermaßen entmutigend wie auf die Opfer - nur aus anderen Gründen: Jene Probanden, die andere auf Anweisung ausgrenzten, schämten sich anschließend und fühlten sich schuldig. Ihr Unabhängigkeitsgefühl sei abgemindert und ihr Gefühl, dazuzugehören, beschädigt worden.

Auf Anweisung grausam

In zwei weiteren Szenarien prüften die Wissenschaftler, wie sich die Teilnehmer fühlten, wenn sie niemanden ausgrenzten. Studenten, die über den Computer die Anweisung erhielten, den Ball beiden Mitspielern gleich oft zu zuspielen, fühlten sich stärker in ihrer Freiheit eingeschränkt, als Probanden, die spielen konnten, wie sie wollten. Kein Student aus diesen Gruppen hatte jedoch ähnlich negative Gefühle wie die Ausgrenzer oder Ausgegrenzten.

Die Studie unterstütze damit die sogenannte Selbstbestimmungstheorie der Motivation, schreiben die Forscher. Sie besagt, dass alle Menschen nach sozialer Integration sowie Kompetenz- und Autonomieerfahrung streben, weil sie sich dadurch glücklicher und zufrieden fühlen.

Gleichzeitig unterstreicht die Arbeit aber auch die negative Seite des sozialen Gefüges: Kaum ein Student weigerte sich, seinen Mitspieler auszugrenzen. Bereits Anfang der sechziger Jahre hatte der Psychologe Stanley Milgram gezeigt, dass die meisten Menschen unter Anweisung sogar bereit sind, ihre Mitmenschen mit Stromstößen zu misshandeln.

Was genau die Mitläufer von den Verweigerern unterscheidet, bleibt in beiden Studien offen.

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insgesamt 49 Beiträge
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1.
HuFu 05.03.2013
Na ja. Also soviel Intelligenz habe ich auch, um zu bestätigen, daß Täter im Allgemeinen Probleme mit sich und der Umwelt haben und dann passiv oder aktiv mobben. ACHTUNG. Dazu gehört aber auch der Gebrauch von Markenware und das Ausgrenzen Derer, die diese nicht nutzen / sich leisten können, wie sie hier im SPON z.B. öfters beworben wird. So gesehen müsste sich der SPON selber an die Nase fassen, wenn es um das Thema Mobbing geht! Denn KEINE andere Firma der Welt wie die bewusste Hype-Firma, die hier mehrfach! und fast täglich! beim SPON beworben wird, gibt sich so "hipp" und "jugendlich" wie es diese Firma tut! Das hat zur Folge, daß Portale wie der SPON eben wunderbar das Theater mitmacht und Täter gar ermutigt in ihrem Tun - wenn auch indirekt! Ja, SO sieht das aus @SPON, gelle? Das nächste Mal etwas mehr nachdenken, wenn man hier solche Artikel reinstellt und woanders auf dem Portal genau solche Dinge mehr oder weniger (wenn auch indirekt) unterstützt! Das kann Euch jeder Psychologe sagen!
2. Mobbing ist gewollt!
maliperica 05.03.2013
Zitat von sysopKaum ein Student weigerte sich seinen Mitspieler auszugrenzen.
Besser ausgrenzen, als ausgegrenzt werden. Es liegt in der Natur des Menschen. Übrigens auch bei anderen Lebensarten ersichtlich. Eine andere Frage wäre interessanter gewesen. In wie weit wird Mobbing gewürdigt, so gar ganz gezielt als Verhaltensmuster gefördert? Wenn sich die Menschen gegenseitig mobben und miteinander und gegeneinander ausschöpfen, dann ist zwar etwas laut in der Bude, aber die gesamte Ordnung wird leichter gehalten.
3. Na und?
OskarVernon 05.03.2013
Zitat von sysopDepressionen oder Angststörungen können die Folgen permanenter Ausgrenzung sein. Doch auch Täter leiden
Mobber zwingt keiner, sich als solche zu betätigen - wo also ist das Problem, wenn die *AUCH* leiden? -_-
4.
wosenjohn 05.03.2013
Zitat von sysopEs ist mir, gelinde gesagt, scheiß egal, ob es einem Mobber "auch schlecht dabei geht". Mich hat der Spaß als Opfer schon mal für 13. Wochen in die Klinik gebracht und mein Mitgefühl für die Ärsche, die dafür verantwortlich waren, hält sich demzufolge in sehr engen Grenzen. Von mir aus können sie verrecken; an ihrer Selbstgefälligkeit ersticken. Ich kann ihnen das jedenfalls niemals vergeben und wünsche ihnen auch zehn Jahre später immer noch die Pest an den Hals und dass sie der Blitz beim Scheißen trifft.
Das kann ich voll und ganz unterschreiben, alles was Sie beschreiben könnte aus meiner Feder stammen. Ich spreche ebenso aus eigener Erfahrung. Es lief bei mir zwar nicht auf Klinik hinaus, ich habe rechtzeitig die Konsequenzen gezogen und bin gegangen, aber ich denke ich war nicht weit davon entfernt. Bei mir nahm in dieser Zeit der Alkoholkonsum gefährliche Züge an, fast jeden Abend 2-3 Falschen Bier. Der Höhepunkt liegt fast genau ein Jahr zurück. Inzwischen arbeite ich in einem sehr angenehmen Team und ich bin glücklich.
5.
Preppy 05.03.2013
Zitat von sysopEs ist mir, gelinde gesagt, scheiß egal, ob es einem Mobber "auch schlecht dabei geht". Mich hat der Spaß als Opfer schon mal für 13. Wochen in die Klinik gebracht und mein Mitgefühl für die Ärsche, die dafür verantwortlich waren, hält sich demzufolge in sehr engen Grenzen. Von mir aus können sie verrecken; an ihrer Selbstgefälligkeit ersticken. Ich kann ihnen das jedenfalls niemals vergeben und wünsche ihnen auch zehn Jahre später immer noch die Pest an den Hals und dass sie der Blitz beim Scheißen trifft.
Bei Ihnen hat sich offensichtlich eine Menge Hass angestaut. Den kann man einerseits vermutlich gut nachvollziehen, aber andererseits hat ihr Posting in mir auch das mulmige Gefühl hervorgerufen, wie leicht gerade aus "Opfern" später selbst "Täter" werden können.
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