Auf Setis Spuren Mit dem Privat-PC gegen Krebs und Aids

Verteiltes Rechnen ist in. PC-Besitzer können bereits bei der Suche nach Außerirdischen und der Berechnung von Klimamodellen helfen. Im "World Communitiy Grid" sollen Privatleute und Firmen nun im Kampf gegen Aids und Krebs mitmischen.


Prionen-Modell: Tausende PCs sollen Krankheiten erforschen
UCSF

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Prozessoren von Computern arbeiten die meiste Zeit im Leerlauf. Der erste spektakuläre Versuch, die ungenutzten Ressourcen Tausender Rechner weltweit anzuzapfen, war Seti@home: Zwischenzeitlich stellten mehrere Millionen Menschen die Rechenpower ihrer Computer zur Verfügung, um bei der Suche nach Signalen außerirdischer Intelligenzen mitzuhelfen - bislang allerdings ohne Erfolg.

Der Computerhersteller IBM und verschiedene Forschungsorganisationen weltweit unternehmen nun einen neuen Anlauf in Sachen verteiltes Rechnen. Sie haben das "World Community Grid" gestartet, mit dem unter anderem Gene von HIV-Viren entschlüsselt sowie Krankheiten wie Alzheimer und Krebs sowie die Abläufe von Naturkatastrophen erforscht werden sollen. Teilnehmer müssen ein kleines Programm installieren, das automatisch Aufgaben herunterlädt, ausführt und die Ergebnisse an den Projektserver meldet.

Vorbild des World Community Grid ist grid.org, das bereits seit mehreren Jahren Krebs und Pockenerreger erforscht. Zu den Sponsoren gehören unter anderem Intel und Microsoft, die Zahl der Teilnehmer beträgt mehrere Millionen.

Über das World Community Grid sollen pro Jahr zwischen drei und fünf verschiedene Projekte laufen. Begonnen wird mit der Erforschung der Proteinfaltung beim Menschen. Bei diesem in jeder Zelle ablaufenden Prozess erhalten die produzierten Proteine ihre dreidimensionale Struktur und somit ihre Funktion. Wissenschaftler wollen bei der Untersuchung der Proteinfaltung Genstrukturen identifizieren, die Krankheiten verursachen können.

Das World Community Grid ähnelt zwar Seti@home, es bestehen jedoch Unterschiede: "Das ist kein Projekt für Technik-Freaks allein", sagte Jonathan Eunice, Analyst beim Forschungsunternehmen Illuminata aus Nashua im Bundesstaat New Hampshire.

Computergeneriertes HIV-Knäuel: "Menschen wollen wirklich helfen"
IBM

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Die Wissenschaftler hoffen, dass durch die Beteiligung des Weltkonzerns IBM bis zu zehn Millionen Teilnehmer zusammen kommen. Die Firma bürge für die Seriosität des Projekts. Dies könnte auch manchen Systemadministrator überzeugen, sein Netzwerk für das verteilte Rechnen zu öffnen. So ließe sich auch an Tausenden Firmen-PCs nebenbei Forschung betreiben. Seti@home war hingegen eher ein Projekt der Netzcommunity.

Die Initiatoren des Wissenschafts-Grids setzen auch auf die karitative Karte: "Menschen wollen wirklich helfen", sagte IBM-Managerin Linda Sanford. "Aber nicht jeder kann Geld geben." Das "World Community Grid" biete die Möglichkeit, etwas zur Forschung beizutragen.

Koordiniert wird das Projekt von einem 16-köpfigen Gremium, in dem auch der südafrikanische Wissenschaftler Sibusiso Sibisi sitzt. Er setzt große Hoffnungen in das verteilte Rechnen - unter anderem bei der Erforschung von Klimaveränderungen und Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Derartige Forschungen seien für viele Institute anders kaum möglich, sagte Sibisi, weil sie selbst keine Supercomputer bezahlen könnten.

Einzigartig ist die Idee des "World Community Grid" nicht, selbst wenn man von Seti@home absieht. Vor einem Jahr hatten britische Wissenschaftler das Klimaforschungsprojekt Climateprediction.net gestartet. Mittlerweile berechnen über 40.000 Rechner Modelle, mit denen globale Klimaentwicklungen prognostiziert werden sollen. Die Software-Plattform BOINC der University of Berkeley führt verschiedene Projekte zum verteilten Rechnen zusammen, unter anderem Seti@home, Climateprediction.net und Einstein@home.



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