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Aufmerksamkeit: Multitasker sehen mehr 

Manchmal übersehen wir Dinge, die direkt vor unserer Nase geschehen - weil wir anderweitig beschäftigt sind. Mit einem verblüffenden Video zeigen jetzt Psychologen, dass das mit unserem Arbeitsgedächtnis zusammenhängt.

Beim Fahren telefonieren: Eine Frage des Arbeitsgedächtnisses Zur Großansicht
DPA

Beim Fahren telefonieren: Eine Frage des Arbeitsgedächtnisses

Telefonieren am Steuer vermindert die Aufmerksamkeit und führt zu mehr Unfällen - das ist inzwischen unumstritten. Dahinter steckt die sogenannte Unaufmerksamkeitsblindheit. So nennen Psychologen das Phänomen, dass Objekte und Ereignisse nicht wahrgenommen werden, wenn die Aufmerksamkeit woanders liegt - zum Beispiel eine rote Ampel während man beim Autofahren telefoniert.

Noch immer sind die Ursachen dafür unbekannt, doch eine neue Studie, die im Mai im Fachblatt "The Journal of Experimental Psychology" veröffentlicht werden soll, liefert neue Erklärungen: Die Psychologen um James Watson an der University of Utah, Salt Lake City, zeigen, dass Menschen mit besserem Arbeitsgedächtnis weniger anfällig dafür sind.

Die Unaufmerksamkeitsblindheit wird seit den neunziger Jahren erforscht, wegweisend war eine Studie der Forschungsgruppe von Daniel Simons an der University of Illinois, die auf dem folgenden Video basiert.

Das Video zeigt zwei Mannschaften von Basketballspielern, die sich Bälle hin- und herwerfen. Versuchspersonen sollten die Anzahl der Pässe zählen, die die weißgekleideten Basketballer einander zuspielten. Dabei ging es den Forschern aber um etwas anderes: In der Mitte des Videos spaziert seelenruhig eine Frau in einem schwarzem Gorillakostüm durch das Bild, bleibt in der Mitte stehen, klopft sich auf die Brust und geht anschließend weiter.

Das Verblüffende: Obwohl der Gorilla sehr auffällig in dem Video zu sehen ist, blieb er für die Hälfte der Teilnehmer unbemerkt, die die Pässe ungefähr richtig gezählt hatten. Daraus folgerten die Forscher, dass die Unaufmerksamkeitsblindheit sehr weit verbreitet ist und mit der Funktionsweise des Gehirns zusammenhängt, bei schwierigen Aufgaben andere Reize auszublenden. Objekte können sich direkt durch das Zentrum des Blickfelds bewegen und werden trotzdem nicht gesehen, wenn wir ihnen keine spezielle Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Umgekehrt aber fragten sich Forscher seither: Wieso sehen Menschen den Gorilla? Sind sie leichter abgelenkt und beobachten deswegen auch Ereignisse, die nichts mit der gestellten Aufgabe zu tun haben? Oder fällt Ihnen die Aufgabe leicht, so dass sie Kapazitäten haben, ihre Aufmerksamkeit schweifen zu lassen? Die neue Studie von Watson verstärkt die zweite Hypothese.

Die Psychologen wiederholten das Simons-Experiment mit etwa 200 Psychologiestudenten, doch zusätzlich unterteilten sie die Teilnehmer nach deren sogenanntem Arbeitsgedächtnis. So wird jener Teil des Kurzzeitgedächtnisses genannt, der für die Lösung komplexer Aufgaben notwendig ist. Die Studenten sollten Rechenaufgaben lösen und sich gleichzeitig Buchstaben merken. Von den Teilnehmern, die bei den Aufgaben gut abgeschnitten hatten, sahen zwei Drittel den Gorilla - im Vergleich zu nur einem Drittel von den anderen.

Die Forscher folgern daraus, dass Menschen, die weniger anfällig für Unaufmerksamkeitsblindheit sind, über ein flexibleres Aufmerksamkeitsvermögen und somit besseres Multitasking verfügen. Gleichzeig Telefonieren und Autofahren sollten sie trotzdem nicht, schreiben die Forscher: Watson habe bei früheren Experimenten festgestellt, dass dies nur weniger als drei Prozent der Probanden ohne Probleme gelingt.

hrb

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1. Für eine...
hollo43 18.04.2011
Zitat von sysopManchmal übersehen wir Dinge, die direkt vor unserer Nase geschehen -*weil wir*anderweitig beschäftigt sind.*Mit einem verblüffenden Video zeigen jetzt Psychologen, dass das mit unserem Arbeitsgedächtnis zusammenhängt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,757727,00.html
...effektive Forumsdiskussion fehlt noch der Bezug auf die Parteienpräferenz. Oder wenigstens die Unterscheidung weiblich/männlich oder Raucher/Nichtraucher.
2. ...
brain_in_a_tank, 18.04.2011
Titel: "Multitasker sehen mehr" Text: "Die Forscher folgern daraus, dass Menschen, die weniger anfällig für Unaufmerksamkeitsblindheit sind, über ein flexibleres Aufmerksamkeitsvermögen und somit besseres Multitasking verfügen." Ist doch mal ein schoenes Beispiel fuer schlechten Wissenschaftsjournalismus. Hier werde die Schluesse einfach mal umgekehrt. Der Test hat gar nicht unabhaengig vorher bewertet, wer von den Probanden Multitasker ist, also ist eine Korrelation, wie sie der Titel impliziert. Stattdessen wurde aufgrund der Ergebnisse vermutet, dass diese flexiblere Resourcenverteilung bei Multi-Taskern nuetzlich ist. Aber hier wird nun dieser Befund zur Definition des Multitaskers, denn nur wer mehr sieht, ist einer.
3. Oh
VPolitologeV, 18.04.2011
Zitat von brain_in_a_tankTitel: "Multitasker sehen mehr" Text: "Die Forscher folgern daraus, dass Menschen, die weniger anfällig für Unaufmerksamkeitsblindheit sind, über ein flexibleres Aufmerksamkeitsvermögen und somit besseres Multitasking verfügen." Ist doch mal ein schoenes Beispiel fuer schlechten Wissenschaftsjournalismus. Hier werde die Schluesse einfach mal umgekehrt. Der Test hat gar nicht unabhaengig vorher bewertet, wer von den Probanden Multitasker ist, also ist eine Korrelation, wie sie der Titel impliziert. Stattdessen wurde aufgrund der Ergebnisse vermutet, dass diese flexiblere Resourcenverteilung bei Multi-Taskern nuetzlich ist. Aber hier wird nun dieser Befund zur Definition des Multitaskers, denn nur wer mehr sieht, ist einer.
DIESEN "Gorilla" habe ich übersehen! Respekt!
4. (¯`*•.¸¸.•*´¯)
iimzip 19.04.2011
Mal abgesehen davon, dass ich den Gorilladarsteller (G) vor einigen Jahren auch übersehen habe: Kleine aber wichtige Nebenbedingung ist, dass der G genauso schwarz ist, wie *die* Spieler, die zu ignorieren sind. Würde mit einem gelben G nicht funktionieren. Ein ähnlicher "Test" ist der, bei dem ein Reporter Passanten befragt und während des Interviews ausgetauscht wird. Dem/Den Befragten fällt es nicht auf, weil es höchste Aufmerksamkeit erfordert, jetzt interviewt zu werden und eine Aufgabe zu lösen, während der Wechsel hinter einem durchs Bild getragenen Brett erfolgt. Video bei Quarks&Co: http://www.wdr.de.varnish.gl-systemhaus.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2007/0828/006_taeuschen.jsp?smonat=2011-2
5. Tja...
Dumme Fragen 23.04.2011
Die "Krönung der Schöpfung" bzw. "Gottes Ebenbild" ist halt eine ziemlich simpel gestrickte biomechanische Maschine... Den Gorilla hab ich damals im Seminar übrigens auch nicht gesehen, worüber ich hinterher sehr dankbar war, da es die Leistungsfähigkeit bzw. Unfähigkeit unseres Hirns gut dokumentiert. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die üblicherweise normalverteilten Eigenschaften hinweisen, Stichwort Gaussche Glockenkurve. Sie gibt m.E. auch die Leistungsfähigkeit des Hirns in unserer Population wieder. Zum ersten Posting: interessante Fragestellung. Ich vermute aber, dass Multitasking und Intelligenz unabhängig voneinander sind, jedenfalls weisen die Eigenschaften von Menschen mit Savant-Syndrom darauf hin. *@ Autoren:* bitte den Spoiler rausnehmen! Die Leser sollten ERST das Video sehen mit der Aufgabenstellung, alle Ballpässe zu zählen, und dann über den Gorilla informiert werden!!
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