Augenzeugen vor Gericht Simpler Trick schützt vor falschen Erinnerungen

Vor Gericht können die Aussagen von Augenzeugen über schuldig oder nicht schuldig entscheiden - dabei gelten sie oft als unsicher. Forscher haben eine Methode entdeckt, mit der Gerichte Fehlurteile verhindern könnten.

Augenzeuge vor Gericht: Befragung Monate oder gar Jahre später
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Augenzeuge vor Gericht: Befragung Monate oder gar Jahre später


Trug der potenzielle Täter eine Brille? Oder doch nicht? Darüber, wie verlässlich Augenzeugenberichte sind, wurde sowohl vor Gericht als auch in der Psychologie schon häufig diskutiert. Denn oft unterscheiden sich die Aussagen von Menschen, die denselben Tathergang beobachtet haben, erheblich.

Dabei sind in vielen Strafprozessen die Angaben von Augenzeugen ein entscheidendes Indiz, von dem eine Verurteilung oder ein Freispruch der Angeklagten abhängt. Allerdings sind falsche Erinnerungen der häufigste Grund für Fehlurteile. Die US-Organisation Innocence Project untersuchte kürzlich 333 Fehlurteile seit 1989, die alle durch spätere DNA-Analysen widerlegt werden konnten.

Mehr als 70 Prozent dieser Justizirrtümer beruhten auf falschen Angaben von Augenzeugen, betonen die Psychologen um John Wixted von der University of California in San Diego. Dass es möglich ist, durch Augenzeugenaussagen zu einem besseren Ergebnis zu kommen, haben er und seine Kollegen nun in einer neuen Untersuchung herausgefunden.

Sehr sicher oder mäßig sicher?

Wichtigstes Resultat ihrer Studie, die in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen ist: Schon bei der ersten Identifizierung sollten Zeugen angeben, wie sicher sie sich ihrer Aussage sind. Diese Selbsteinschätzung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt sei zuverlässig und wesentlich glaubwürdiger als Monate oder gar Jahre später vor Gericht.

"Beim Zeitpunkt der ersten Einschätzung können Augenzeugen uns verlässliche Informationen über ihre Zuverlässigkeit geben", wird Wixted in einer Mitteilung seiner Universität zitiert.

Das Team wertete Aussagen von Zeugen echter Raubdelikte aus, bei denen die Polizei von Houston im Jahr 2013 ermittelte. In der Studie sollten 717 Augenzeugen Verdächtige identifizieren - entweder anhand gleichzeitig oder nacheinander vorgelegter Fotos. Zudem sollten die Zeugen auf einer Skala angeben, wie sicher sie sich ihrer Angaben waren: sehr sicher, mäßig sicher oder wenig sicher. Diese Selbsteinschätzung erwies sich im Nachhinein vor Gericht als zuverlässig.

Die Erkenntnis ist keinesfalls selbstverständlich: Oft werden Augenzeugen erst vor Gericht gefragt, wie sicher sie sich sind - meist Monate oder gar Jahre nach dem Vorfall. In diesem Zeitraum kann aus einer unsicheren Annahme Gewissheit geworden sein, die Unschuldigen mitunter zum Verhängnis wird. "Es ist wohlbekannt, dass das Gedächtnis formbar ist, so dass eine anfänglich unsichere Identifizierung bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Zeuge vor Gericht oder in Anhörungen vor dem Prozess aussagt, zur Gewissheit wird", schreiben die Autoren.

"Die Erkenntnisse sollte man auch in Deutschland beachten"

Dies müsse man unbedingt berücksichtigen, betonen sie. "Wenn man eine geringe Zuversicht anfänglich ignoriert, macht man einen großen Fehler", sagt der Psychologe Wixted. Zudem deutet die Studie darauf hin, dass das gleichzeitige Vorlegen von Fotos etwas besser ist als eine Aufeinanderfolge von Bildern. Wünschenswert wäre ferner, dass der Ermittler, der die Fotos vorlegt, nicht weiß, welche der Personen der Tatverdächtige ist.

"Um Unschuldige zu schützen, muss man erkennen, dass eine anfängliche Identifizierung mit geringer Gewissheit unzuverlässig ist", bilanziert Wixted. "Andererseits, wenn die Aufstellung neutral präsentiert wird, kann eine hohe Gewissheit zu Beginn ziemlich aussagekräftig sein. Richter und Geschworene sollten auf beides achten. Andernfalls leisten sie der Gerechtigkeit im Allgemeinen und dem Schutz von Unschuldigen im Besonderen einen Bärendienst."

Die Untersuchung sei aus verschiedenen Gründen herausragend, erläutert der Psychologe Karl-Heinz Bäuml von der Universität Regensburg. Es sei keine Laborstudie, sondern die Daten stammten aus der tatsächlichen Ermittlungsarbeit der Polizei. Zudem sei im Gegensatz zu vielen früheren Untersuchungen die Selbsteinschätzung der Zeugen erhoben worden.

Das Ergebnis, dass eine möglichst frühe Selbsteinschätzung zuverlässig sei, sei extrem deutlich. "Die Größenordnung dieses Effekts ist sehr bemerkenswert", sagt Bäuml. "Bislang befragt man solche Zeugen während der Ermittlungen sehr oft und verlässt sich dann darauf, was sie vor Gericht sagen. Aber Menschen neigen dazu, ihre Urteile im Lauf der Zeit zu verfestigen. Die Erkenntnisse sollte man auch in Deutschland beachten und in die Rechtsprechung einfließen lassen."

joe/dpa

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