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Augenzeugen vor Gericht: Wenn die Erinnerung trügt

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Gegenüberstellung (Szene aus "Millionenraub in San Francisco"): Ist der Täter überhaupt dabei? Zur Großansicht
Corbis

Gegenüberstellung (Szene aus "Millionenraub in San Francisco"): Ist der Täter überhaupt dabei?

Aussagen von Augenzeugen sind in vielen Strafverfahren das wichtigste Beweismittel. Doch sie sind besonders fehleranfällig. Dabei wissen Psychologen, wie man die Erinnerung nicht auf falsche Fährten lockt.

Plötzlich war Joseph Abbitt der Hauptverdächtige: Er sollte zwei Mädchen missbraucht haben. Aus einer Fotoaufreihung identifizierten sie den jungen Mann als ihren Peiniger. Abbitt wurde zu zweifach lebenslänglich plus 110 Jahre verurteilt. Erst nach 14 Jahren Haft entlastete ihn eine DNS-Untersuchung. Er kam frei.

Mehr als 300 solcher Fehlurteile sind durch nachträgliche DNS-Tests in den vergangenen Jahren in den USA zu Tage getreten. Die Hauptfehlerquelle: Zeugenaussagen. Drei Viertel der falschen Verurteilungen entstanden, nachdem Augenzeugen eine Person als Täter identifizierten, die das Verbrechen nicht begangen hatte. In jedem vierten dieser Gerichtsverfahren beruhte die Fehlidentifikation sogar auf zwei Zeugenaussagen, mehr als jede zehnte sogar auf drei oder mehr Zeugen

Gleichzeitig zählen Augenzeugen zu den wichtigsten Informationsgebern eines Gerichtsverfahrens. Ihre Aussage wiegt meist schwer. Doch die Erinnerung von Menschen ist fehleranfällig, warnen Forscher seit Jahren. "Wie bei physischen Beweismitteln können Gedächtnisspuren verschmutzt werden, kaputt- oder verlorengehen", schreiben die US-Rechtspsychologen Gary Wells und Elisabeth Loftus im Lehrbuch "Handbook for Psychology, Forensic Psychology".

Vorstellung als Erinnerung abgespeichert

Inzwischen gibt es umfangreiche Erkenntnisse, welche Einflüsse auf eine Zeugenaussage wirken. Wells und Kollegen nennen zwei gewichtige Aspekte:

  • Zum einen hängt die Erinnerung an ein Ereignis von den betreffenden Personen und dem Ereignis selbst ab.
  • Zum anderen können Polizei und Justiz die Erinnerungen ihrer Zeugen ungewollt verfälschen.

"Teilweise gibt es bei Gericht kein Bewusstsein für die Probleme, die eine Augenzeugenaussage mit sich bringen kann", beklagt der Gerichtspsychologe Günter Köhnken von der Universität Kiel, der auch im Kachelmann-Prozess als Gutachter zu Rate gezogen worden ist. "Einige denken, man legt beim Zeugen einfach eine Drainage ans Gehirn an und die Erinnerung tropft dann heraus", sagt er.

Tatsächlich können schon ganz natürliche Prozesse des Gehirns auf falsche Fährten führen, wie Köhnken an einem Beispiel verdeutlicht: "Stellen Sie sich vor, Sie schlendern durch eine Einkaufsstraße, gucken in ein Schaufenster und hinter ihnen kracht es plötzlich. Ein Autounfall. Dann kann es passieren, dass Ihr Gehirn konstruiert, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. Ohne dass Sie den Vorfall gesehen haben, speichert es die Konstruktion als echte Erinnerung ab."

Auch persönliche Eigenschaften beeinflussen die Erinnerungsleistung. Studien zeigten, dass Menschen Gesichter ihrer eigenen ethnischen Gruppe besser wiedererkennen, als die von einer anderen. Zudem erinnern sich sehr junge Kinder und Senioren weniger zuverlässig an Details.

"Vergessen funktioniert allerdings nicht nach der Rasenmäher-Methode", sagt Köhnken. "Manches bringen wir schon nach dreißig Minuten durcheinander, anderes erinnern wir noch nach zehn Jahren exakt." Das hänge davon ab, wie aufmerksam und emotional beteiligt wir in der Situation waren, ob sie für uns von Bedeutung war. Zu großes Stressempfinden etwa kann die Gedächtnisspuren verwischen. Menschen, die mit einer Waffe angegriffen wurden, entsinnen sich oft schlechter an das Gesicht des Täters. Denn ihre Aufmerksamkeit lag auf dem bedrohlichen Gegenstand.

Gegenüberstellungen bergen viele Fehler

Diese und noch mehr Faktoren müssten Richter, Staatsanwälte und Polizisten im Hinterkopf haben, wenn sie verhören, ermitteln oder urteilen. Noch wichtiger: Sie müssen wissen, in welchen Situationen sie selbst Fehler bewirken können.

Besonders anfällig sind Gegenüberstellungen. Viele Jahre war es Standard, dem Zeugen mehrere mutmaßliche Täter zeitgleich vorzuführen, in echt oder auf Fotos. Die Zeugen sollten sagen, ob einer davon der Täter oder die beobachtete Person ist. Die Polizei mischt zumeist einen Tatverdächtigen darunter - der natürlich unschuldig sein kann.

Experimente von Aussageforscher Wells, die jeder selbst ausprobieren kann, offenbaren das Problem daran: Er bat Probanden bei einer Gegenüberstellung anzugeben, ob sie eine der gezeigten Personen von einem vorhergehenden Video oder Ereignis wiedererkennen. Tatsächlich befand sich der Gesuchte nicht in der Aufreihung. Fast 70 Prozent der Probanden benannten dennoch einen Täter - also einen Unschuldigen. Auf eine echte Ermittlung übertragen heißt das: Durch schlichtes Pech kann der Zeuge auf den mutmaßlichen Täter deuten und so einen unbegründeten Verdacht erhärten. Der Hinweis, dass die gesuchte Person nicht unbedingt unter den gezeigten Personen sein muss, könnte solche Fehler vermeiden. Er wird aber noch oft vergessen, betont Aussageforscher Gary Wells.

Der Tatverdächtige darf nicht hervorstechen

"Wichtig bei den sogenannten Line-ups ist es auch, dass alle vorgestellten Personen die Merkmale erfüllen, die der Zeuge bei der Personenbeschreibung angegeben hat", ergänzt Günter Köhnken. Steche der Tatverdächtige hervor oder passe nicht ins Muster, sei das, "als würde man einen 25-Jährigen zwischen vier alte Damen stellen und fragen, wer von denen es gewesen sei."

Inzwischen seien viele Polizeidienststellen dazu übergegangen, die möglichen Täter nicht mehr gleichzeitig vorzuführen, sondern nacheinander. Das soll verhindern, dass die Zeugen sich schlicht für eine Person entscheiden, die am wenigsten vom erinnerten Äußeren des Täters abweicht.

"In einigen Bundesländern berücksichtigen Befragungsrichtlinien bereits die Erkenntnisse aus der Forschung", sagt Köhnken - aber leider nicht in allen.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Ungewollt?
saywer,tom 27.10.2013
"Zum anderen können Polizei und Justiz die Erinnerungen ihrer Zeugen ungewollt verfälschen. " Oft genug geht es den Beteiligten doch nur darum, den Fall abschliessen zu können und der Öffentlichkeit den Täter präsentieren zu können. Hier wird vergessen/verdrängt, dass die Verurteilung eines Unschuldigen mindestens genauso schlimm ist wie die Nichtverurteilung des Schuldigen.
2. ....
jujo 27.10.2013
Zitat von sysopCorbisAussagen von Augenzeugen sind in vielen Strafverfahren das wichtigste Beweismittel. Doch sie sind besonders fehleranfällig. Dabei wissen Psychologen, wie man die Erinnerung nicht auf falsche Fährten lockt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/augenzeugen-wenn-die-erinnerung-truegt-a-927666.html
In den USA wo die Strafverfolger Wahlbeamte sind, diese also "Erfolge" nachzuweisen habe um wiedergewählt zu werden, leidet die Objektivität besonders häufig. Der Versuch den Zeugen "behilflich" zu sein ist so verführerisch. Dazu kommen überall auf der Welt die unterschwelligen Vorurteile anderen Menschen gegenüber, aus welchen Gründen auch immmer. In Deutschland stehen die Sonderermittler unter Druck, bei besonders spektakulären Fällen, schnellstmöglich erfolgreich ermittelt zu haben.
3.
moistvonlipwik 27.10.2013
Zitat von sysopCorbisAussagen von Augenzeugen sind in vielen Strafverfahren das wichtigste Beweismittel. Doch sie sind besonders fehleranfällig. Dabei wissen Psychologen, wie man die Erinnerung nicht auf falsche Fährten lockt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/augenzeugen-wenn-die-erinnerung-truegt-a-927666.html
Von den fünf Beweismitteln des Strengbeweises ist der Zeuge das schwächste und unzuverlässigste. Das wird sich auch nicht ändern. Leider wird in der Ausbildung darauf zu wenig Wert gelegt.
4. Jeder Kriminalbeamte
Pfaffenwinkel 27.10.2013
kann ein Lied von einer fehlerhaften Aussage eines Augenzeugen singen. Auch erfahrene Richter würden dieses Indiz stets mit Vorsicht bewerten.
5. Die kenne ich doch!
mamacru 27.10.2013
Der dritte von rechts ist Alain Delon und der dritte von links ist Christian Slater. Ich kenne doch ihre Filme, ich bin doch nicht blöd :-)
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