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Ausgegraben

Maya-Stadt Uxul Massaker am Wasserbecken

Maya-Stadt Uxul: Leichen im Wasserbecken Fotos
Nicolaus Seefeld/ Universität Bonn

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Eigentlich beschäftigt Nicolaus Seefeld sich mit Wasser, nicht mit Leichen. Für seine Doktorarbeit hat er das Wasserversorgungssystem der Maya-Stadt Uxul untersucht. Doch genau dort fand er jetzt Leichen zuhauf.

"Die Trockenzeiten in der Region waren für die vorspanischen Bewohner des Maya-Tieflands eine Herausforderung", sagt der Altamerikanist von der Universität Bonn. "Entsprechend wichtig war es, für diese Zeiten vorzusorgen." Eine Möglichkeit war, Siedlungen möglichst in die Nähe von Cenoten zu bauen - jenen Erdlöchern, die Zugang zum gigantischen System aus gefluteten Höhlen unter der Halbinsel Yucatàn boten. Die Maya von Uxul bauten dagegen zwei 100 mal 100 Meter großen Wasserbecken. Eines lag an der Ost-, eines an der Westgrenze Uxuls, relativ weit von den Wohnbereichen im Zentrum der Siedlung entfernt.

"Ich fragte mich, ob die Maya nahe ihrer Wohnbereiche zusätzlich noch weitere kleine Wasserspeicher für den täglichen Hausgebrauch angelegt hatten", erklärt Seefeld. Vor Ort fand er tatsächlich eine verdächtige Senke im Boden, nur zehn Meter von den nächsten Wohnhäusern entfernt. Darunter lag ein weiterer Wasserspeicher. Nur wurde der offenbar nicht nur zur Aufbewahrung von Wasser genutzt - sondern auch als Massengrab. Am Boden des ehemaligen Reservoirs fand der Archäologe 24 Menschen: zerstückelt, hineingeworfen und anschließend versiegelt mit einer Lehmschicht - "wohl als Maßnahme gegen das Geruchsaufkommen so nahe bei den Häusern".

Gewöhnliche Bürger Uxuls waren die Toten offenbar nicht. Einige trugen Jadeeinlagen in ihren Zähnen - bei den Maya gewöhnlich ein Anzeichen für eine hohe soziale Stellung. Im Labor bestimmte Seefeld Alter und Geschlecht von 15 der Toten. Die 13 Männer und zwei Frauen waren demnach zwischen 18 und 42 Jahre alt als sie starben. Viele von ihnen hatten bereits zu Lebzeiten Zähne aufgrund schlechter Mundhygiene verloren. Ein großer Anteil ihrer Ernährung stellte sich aus tierischen Proteinen zusammen.

Wer waren die Toten?

"Es gibt zwei Möglichkeiten, wer diese Toten waren", sagt Seefeld. "Entweder handelte es sich um Bürger Uxuls oder um Kriegsgefangene aus einer anderen Stadt, die in Uxul geopfert wurden." Um das Rätsel zu lösen, plant der Forscher eine Isotopenanalyse. Anhand des Stickstoff-Isotopenverhältnisses in Knochen und Zähnen lässt sich bestimmen, wo ein Mensch seine Jugend verbracht hat.

Woher die Toten im Wasserbecken auch kamen, ihr Ende war grausam. "Keiner lag noch im anatomischen Zusammenhang", sagt Seefeld in bestem Archäologendeutsch. Im Klartext: Die Skelettteile waren bunt über den Boden der unterirdischen Kammer verstreut. Die Knochen zeugen zudem von der Brutalität, mit der die Bewohner von Uxul bei der Zerstückelung vorgingen. Hackspuren an Halswirbeln sind deutliche Zeichen für Enthauptungen. Ein Schädel wurde auf der Stirn eingeschlagen, vermutlich mit einer Keule. Viele weitere sind von Scharten gezeichnet, wie scharfe Werkzeuge - etwa Steinbeile - sie verursachen. Den meisten Köpfen hatte man darüber hinaus die Unterkiefer herausgerissen.

Könnte die Zerstückelung der Toten nicht auch lange nach ihrem Tod stattgefunden haben? In der Archäologie findet man häufig Leichen, die erst bei einer Umbettung durcheinandergerieten, als die Knochen schon lange nicht mehr durch Sehnen und Muskelfleisch verbunden waren. In diesem Fall aber seien die Leichenteile in unverwestem Zustand deponiert worden, meint Seefeld. "Ich habe Beine gefunden, die sich von der Hüfte über den Oberschenkelknochen, die Kniescheibe und den kleinsten Zehenknochen noch komplett in ihrem natürlichen Zusammenhang befanden - bloß waren sie vom Rumpf getrennt."

Rätsel um Leichenteile im Wasserreservoir

Besonders rätselhaft ist, dass die Bewohner von Uxul die Toten ausgerechnet in einem Wasserreservoir deponierten. Sicher ist, dass die unterirdische Wasserkammer lange Zeit von großer Bedeutung war. "Es war ein sehr populärer Ort", erläutert Seefeld. Rund um die kreisrunde Öffnung habe er mehrere zeremonielle Plattformen gefunden, die von der Frühklassik bis zur Endklassik - also etwa von 250 bis 900 nach Christus - immer wieder umgebaut worden seien.

Auch an dem Wasserloch selbst, dessen Rand mit einer Stuckschicht überzogen war, führten die Maya oft Verbesserungsarbeiten aus. Bis zu dem Zeitpunkt im 7. Jahrhundert, als die zerstückelten Toten hineingeworfen wurden, war das Reservoir offenbar noch in Benutzung: Unter den Leichen lag keinerlei Sediment. Anschließend wurden nur noch die Plattformen in der unmittelbaren Umgebung genutzt.

Die Bewohner von Uxul erinnerten sich anscheinend noch immer daran, was in dem Wasserloch der Toten geschehen war. Sie opferten weiter, wenn auch weit weniger brutal: Etwa hundert Jahre nach dem Massaker legten sie auf dem eingeschwemmten Sediment, das sich inzwischen über den Knochen angesammelt hatte, ein Kakaotrinkgefäß nieder - fast ein Liter passt hinein.

Mit dem Becher gingen die Bewohner Uxuls respektvoller um als mit den Leichen. "Ich konnte es ihn intakten Zustand bergen", freut sich Seefeld.

4 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
harald441 11.09.2013
katkaleen 11.09.2013
nilaterne 12.09.2013
joachim_m. 13.09.2013

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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