Ausgegraben

Frühe Vegetarierer Ägypter mochten keinen Fisch

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Der Beweis: Schädel einer Mumie aus Gournah (641- 525 v. Chr.), untersucht im französischen Lyon

Der Beweis: Schädel einer Mumie aus Gournah (641- 525 v. Chr.), untersucht im französischen Lyon


Vieh und Fisch gab es am Nil reichlich - und dennoch aßen die Menschen im alten Ägypten offenbar überwiegend Getreide und Gemüse. Eine neue Studie zeigt, wie wenig sich ihr Geschmack über Jahrtausende änderte.

Wenn ein Bewohner des alten Ägyptens am Abend nach getaner Arbeit auf der Baustelle oder am Schreibtisch nach Hause kam, womit stillte er dann seinen Hunger? Gab es Fisch, frisch aus dem Nil gefangen? Oder kaute er Brot aus grob gemahlenem Mehl, oft noch mit kleinen Steinchen darin, wie der Abrieb an ägyptischen Zähnen nahelegt? Aß er dazu auch Zwiebeln, Salat, Erbsen und Linsen, die als Naturalien auf den überlieferten Lohnlisten für die Arbeiter im Tal der Könige auftauchen? Und spülte er am Ende das Mahl, wie auf Wandgemälden in den Gräbern zu sehen, mit einem Schluck Bier oder Wein hinunter?

Verräterisches Leibgericht

Ein französisches Forscherteam um Alexandra Touzeau und Christophe Lécuyer aus Lyon untersuchte das Gewebe von Mumien, um diese Fragen zu beantworten. In dem Material lagern Kohlenstoffatome, die ein Mensch mit seiner Nahrung aufnimmt. In der Natur kommt das Element hauptsächlich in zwei unterschiedlichen Isotopen vor: dem schwereren, seltenen C-13 und dem leichteren, häufigen C-12. Je nachdem, wie eine Pflanze Photosynthese betreibt, nimmt sie mehr C-13 oder mehr C-12 auf.

Es gibt die sogenannten C4-Pflanzen, die mehr Kohlenstoff-13 aufnehmen. Zu ihnen gehören überwiegend die Grasarten, aber auch Mais, Zuckerrohr, Hirse oder Amaranth. C3-Pflanzen nehmen dagegen weniger Kohlenstoff-13 auf. In unserer Nahrung sind sie häufiger vertreten, weil die Getreidearten Weizen, Roggen, Hafer und Reis zu den C3-Pflanzen zählen. Obwohl der Mensch keine Photosynthese betreibt, gelangen die Kohlenstoffisotope über die Nahrungskette auch in unseren Körper.

Isotopenverhältnisse zeigen Erstaunliches

Die Forscher untersuchten für ihre Studie im "Journal of Archaeological Science" Gewebeproben von 45 Mumien aus zwei Museen ihrer Heimatstadt Lyon. Die Toten stammten aus unterschiedlichen Gebieten Ägyptens und aus verschiedenen Zeiten. Die ältesten kommen aus der prädynastischen Zeit bis 3500 vor Christus, die jüngsten aus koptischer Zeit um 600 nach Christus.

Soweit es möglich war, entnahmen die Wissenschaftler den Mumien Proben von Zahnschmelz, Knochen und Haar. Der Zahnschmelz ist das älteste Material im menschlichen Körper, er wird während der Kindheit angelegt und bleibt danach unverändert. Anders sieht es bei Knochen aus, deren Gewebe der Organismus - wenn auch langsam - im Laufe der Zeit austauscht. Die schnell wachsenden Haare erzählen dagegen von der letzten Lebensphase, denn sie sind erst kurz vor dem Tod gewachsen.

Die Isotopenverhältnisse der 45 Mumien ergaben ein erstaunlich homogenes Bild: Sie ähnelten im Wesentlichen dem heutiger Vegetarier, die sich überwiegend von C3-Pflanzen ernähren. Obwohl die C4-Pflanzen wie Millethirse oder Sorghumhirse durchaus in Ägypten wachsen, standen sie offenbar nur selten auf dem Speiseplan. Um ganz sicherzugehen, verglichen die Forscher die Werte der Mumien mit denen von Schweinen, die kontrolliert entweder vermehrt mit C4- oder C3-Pflanzen gefüttert worden waren - denn Schweine verdauen Pflanzen ähnlich wie Menschen.

Erst Kopten aßen Fisch

Die große Überraschung der Untersuchung war, dass die Ägypter offenbar keinen Fisch mochten. Zwar zeigen sowohl Wandbilder als auch Statuen Männer, die mit Speeren oder Netzen auf Fischfang sind, doch der tatsächliche Fischkonsum lässt sich im Verhältnis der Stickstoff- und Schwefelisotope nicht nachweisen. Erst bei den Kopten scheint öfter Fisch auf dem Speiseplan gestanden zu haben.

Und verblüfft waren die Forscher auch darüber, dass sich die Ernährungsgewohnheiten der Ägypter offenbar über Jahrtausende hinweg nicht änderten - C3-Pflanzen scheinen ihnen schon immer besser geschmeckt zu haben. "Das ist ein erstaunliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass C4-Pflanzen sich besser für den Anbau in trockenen Gebieten eignen und dass das Klima in dem betreffenden Zeitraum immer trockener wurde", schreiben die Forscher in ihrem Bericht. Wieder sind es erst die Kopten, bei denen der durchschnittliche Kohlenstoff-13-Wert höher liegt. "Das aber", vermuten die Wissenschaftler, "ist möglicherweise bedingt durch die Einführung von Olivenöl in römischer Zeit."

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27 Leserkommentare
Hamstedt 19.05.2014
ecbert 19.05.2014
Morpheus_Ahrm 19.05.2014
mangeder 19.05.2014
limubei 19.05.2014
widower+2 19.05.2014
7eggert 19.05.2014
tijeras 19.05.2014
Manwirddasdochsagendürfen 19.05.2014
lemmuh 19.05.2014
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rot 20.05.2014
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Thagdal 20.05.2014
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7eggert 20.05.2014
weserbaer 20.05.2014
danielscharr 20.05.2014
Herr Hold 20.05.2014

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