Ausgegraben

Ausgegraben-Blog Armbrüste für den Kaiser

Xia Juxian

Tausende tönerne Krieger bewachen das Grab des chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi. Doch wer bewaffnete diese gewaltige Terrakottaarmee für den Toten? Um das herauszufinden, untersuchten Archäologen ein winziges Detail in der Grabanlage: die Abzugsbügel der Armbrüste.

Qin Shihunangdi war erst zarte 13 Jahre alt, als er im Jahr 246 vor Christus den Befehl zum Bau seines Grabmals gab. Damals hieß er noch Ying Zheng und hatte gerade von seinem verstorbenen Vater Zhuangxiang den Thron des Reiches Qin geerbt. Glaubt man den schriftlichen Überlieferungen, waren in den nächsten 40 Jahren 700.000 Arbeiter damit beschäftigt, den Grabkomplex für die sterblichen Überreste des Herrschers bezugsfertig zu machen.

Geschätzte 8000 Soldaten und 670 Pferde aus Terrakotta sollten den späteren Kaiser begleiten, dazu Akrobaten und Musiker. Wie diese Figuren hergestellt wurden, ist gut untersucht. Ihr Rohbau wurde aus standardisierten Formen gefertigt: Kopf, Arme, Beine und Torso entstanden in separaten Bauteilen, die erst später zusammengefügt wurden. Für die Gesichter standen wahrscheinlich nur acht verschiedene Rohformen zur Verfügung, am Ende aber gaben Künstler mit zusätzlichem Ton und Farbe jedem Krieger ein individuelles Aussehen.

Doch wie entstanden die Waffen für die tönerne Armee? Ein Team um die Forscher Xiuzhen Janice Li vom Museum des Qin-Shihuangdi-Mausoleums in Xi'an und Andrew Bevan vom University College London diskutieren in ihrem Aufsatz in der aktuellen Ausgabe der britischen Zeitschrift "Antiquity" drei Möglichkeiten. Entweder könnten die Waffen direkt im Auftrag des Kaisers speziell für die Terrakottaarmee gefertigt worden sein. Oder sie stammen aus den Waffenmanufakturen des Reiches, die auch die lebendigen Soldaten belieferten, und unterscheiden sich nicht von den in der Schlacht genutzten Waffen. Die dritte Möglichkeit wäre, dass die Waffen sogar tatsächlich in der Schlacht genutzt wurden und erst nach ihrem Gebrauch eingezogen wurden.

Armbrüste bescherten militärische Erfolge

Von der einstigen Ausstattung der Armee ist heute nicht mehr viel übrig. Wahrscheinlich kamen schon bald nach Fertigstellung des Grabmals die Plünderer. Sie entwendeten Schwerter, Speere und Armbrüste aus den Händen der Krieger. Zurück blieben Reste. Und auch von denen verrotteten mit der Zeit die hölzernen Teile - übrig blieb nur, was aus Metall gefertigt war. Trotzdem bargen die Archäologen noch über 40.000 Pfeilspitzen und mehrere hundert Waffen aus Bronze. Für ihre Untersuchungen nahmen sich die Forscher aber erst einmal nur eine Waffengattung vor: die Armbrüste.

Die waren zur Zeit des Kaisers Qin Shihuangdi noch eine relativ junge Erfindung und zum Teil sogar mitverantwortlich für die militärischen Erfolge des Reiches Qin. Erst in der Zeit der streitenden Reiche (476 bis 221 vor Christus) hatten schlaue Köpfe diese schreckliche und zugleich idiotensichere Waffe erfunden. Anders als für einen Kompositbogen braucht der Schütze für eine Armbrust weder besonders viel Kraft noch ein ausgeprägtes Zielvermögen. Der Abzug übernimmt das Halten der Sehne. Dadurch konnte der Schütze schwerere Pfeile einspannen. Diese flogen weiter und hatten entsprechend mehr Durchschlagskraft.

Die Verteilung der Armbrustschützen in der Terrakottaarmee des Qin Shihuangdi spiegelt die tatsächliche Situation auf dem Schlachtfeld wieder: Die Schützen wurden in den ersten Reihen und an den Flanken gruppiert, damit sie ihre Pfeile über lange Distanzen hinweg schießen konnten, noch bevor der Feind überhaupt nahe kam. Doch von den Waffen selber haben in den allermeisten Fällen lediglich die bronzenen Abzugsmechanismen überdauert. 216 Stück konnten die Archäologen im gut erforschten östlichen Teil der Grube 1 identifizieren und für ihren Aufsatz untersuchen.

Inschriften deuten auf ein größtenteils staatliches Werk hin

Der Abzugsmechanismus einer Armbrust besteht jeweils aus fünf Teilen: dem Abzugshebel selber (A), dem Haken, in dem die Sehne liegt (B), dem Kipphebel, der Abzugshebel und Haken zusammenhält (C), sowie den Bolzen oder Schrauben (D und E). Jedes dieser Teile wurde in einer Gussform hergestellt, anschließend zurechtgefeilt, mit den anderen Teilen zusammengesetzt und dann auf die Waffe montiert.

Doch wer machte diese Arbeit - und wie? Wurden die Armbrüste in großen Produktionseinheiten mit strikter Arbeitsteilung hergestellt? Dann müssen spezialisierte Arbeiter Teile in unterschiedlichen Gussformen (also A1, A2, A3; B1, B2, B3, B4 etc.) in großen Mengen gegossen haben, während andere diese zusammensetzten. Zwischen dem Gussvorgang und Zusammenbau lag ein gewisser Zeitraum, in denen die Teile zwischengelagert wurden. Dabei konnten Teile aus unterschiedlichen Gussformen vermischt werden. Nicht immer wurden die A1-Teile mit B1-Teilen zusammengebaut - je nachdem, von welchem Haufen der Arbeiter sich bediente, auch mal mit B2 oder B3. Anders sieht das Szenario bei kleinen Produktionseinheiten aus. Hat nur ein Arbeiter die Teile hergestellt und dabei für jedes Teil eine einzige Gussform verwendet, dann ist seine Produktion am Ende homogen.

Unter den 216 Abzugsmechanismen aus der Grabanlage des Kaisers gab es drei verschiedene Formen von Teil A und jeweils vier von B und C. Von den insgesamt 48 möglichen Kombinationen (3x4x4) tauchten jedoch nur acht besonders häufig auf. Dabei ist die Kombinationsvielfalt in den östlichen Bereichen der Anlage größer als in den nördlichen und südlichen Bereichen. Für die beiden letzteren konnten die Forscher zudem beobachten, dass die Teile hier besonders oft mit der Inschrift gong markiert waren. Das könnte ein Hinweis dafür sein, dass die Abzüge in einer staatlichen Werkstatt gefertigt wurden.

Waffen waren niemals für den Krieg bestimmt

Handwerker, die in dieser Werkstatt arbeiteten, so folgern die Wissenschaftler, stellten insgesamt mehr Armbrüste her. Um die anderen Bereiche mit Waffen auszustatten, mussten jedoch viele einzelne Produktionszellen, möglicherweise unter Zeitdruck, zusammenarbeiten. Teile aus unterschiedlichen Produktionen wurden verstärkt gesammelt und gemeinsam gelagert, bevor sie dann verbaut wurden. "Die verschiedenen Bereiche könnten möglicherweise unterschiedliche chronologische Phasen der Errichtung widerspiegeln", vermuten die Forscher.

Insgesamt wird jedenfalls klar, dass bei der Ausstattung der Terrakottakrieger ein hohes Maß an administrativer Kontrolle ausgeübt wurde. Die Waffen waren niemals für den Krieg bestimmt, sondern wurden eigens für das Mausoleum gefertigt - und zwar von verschiedenen Handwerkern aus unterschiedlichen Werkstätten, die allesamt koordiniert werden mussten. "Die Organisation der Produktion für die Ausstattung von Grube 1 ist ein Mikrokosmos, der in die größeren Muster der straffen politischen und wirtschaftlichen Kontrolle des Qin-Reiches Einblick gewährt", schließen die Archäologen ihren Bericht.



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