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Ausgegraben

Kriegstrümmer an der Elbe Spuren der Operation "Gomorrha"

Bombenschutt: Traumstrand für Archäologen Fotos
Landkreis Stade

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Es ist wie eine Zeitreise in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ein Abschnitt des Elbufers nahe Hamburg ist übersät mit Trümmern aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs - für Archäologen ein Traumstrand.

Der Begriff lässt die meisten Menschen vermutlich eher daran denken, wie Palmen sich in einer warmen Brise wiegen und türkisfarbene Wellen auf schneeweißen Sand schwappen. Wenn aber Archäologen vom Strand träumen, dann sind da weder Sandkörner noch Palmen - sondern Trümmer, gelegentlich festgehalten von den Wurzeln einer alten Weide, und das kilometerweit. Und genau einen solchen Strand gibt es an der Elbe an der Hamburger Stadtgrenze.

Bis 1943 noch waren die Steine, die hier liegen, zu ganzen Straßenzügen zusammengefügt - in den Hamburger Stadtteilen Rothenburgsort, Hammerbrook, Borgfeld, Hamm, Eilbek, Hohenfelde, Barmbek, Wandsbek oder der Altstadt Altonas. Dann kamen die Bomber der Briten und Amerikaner. Vom 25. Juli bis 3. August 1943 versanken bei der Operation "Gomorrha" 277.330 Wohnungen, 580 Industriebetriebe, 2632 gewerbliche Betriebe, 80 Anlagen der Wehrmacht, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen und 58 Kirchen in Schutt und Asche.

"Man nahm, was damals gerade zu haben war"

Der größte Teil ihrer Reste ruht heute unter den Hügeln des Öjendorfer Parks in Hamburg. "Aber hier brauchte man nach dem Krieg Material, um das Elbufer zu befestigen", sagt Daniel Nösler, Landkreisarchäologe von Stade, während er über den Architrav eines ehemaligen Stadthauses steigt. "Man nahm, was damals eben gerade zu haben war - den Bombenschutt."

Orkan "Xaver" hat hier im Dezember das Unterste zuoberst gekehrt. Noch waren kaum Sammler unterwegs, der Strand liegt voller neuer Stücke. Hausreste sind häufig unter den Trümmern: Bauornamente, Ziegel, Kacheln. An den Wurzeln eines Baumes hat sich eine Heizung verfangen. Eine Ofentür liegt auf dem Strand wie ein vergessenes Surfbrett. Ein Stück weiter ragt eine Straßenlaterne aus dem Sand.

Nösler bückt sich und sammelt den Fuß eines Sektkelchs auf: "Die Reste einer Hausbar." Ein paar Schritte weiter findet er den Porzellanverschluss einer Bierflasche. "Otto Kapell - Hamburg" ist draufgestempelt. Die Flasche allein erzählt ein Stück deutsche Geschichte: Sie stammt aus der Brauerei des sozialdemokratischen Politikers und Gewerkschafters August Kapell, der gemeinsam mit seinem Bruder Otto eine Gastwirtschaft in Hamburg betrieb und Weißbier verkaufte - wenn er nicht gerade im Reichstag flammende Reden hielt.

Geschmolzenes Glas erzählt vom Feuersturm

Am eindrucksvollsten erzählt das geschmolzene Glas, das überall zwischen den Trümmern liegt, von dem Inferno in Hamburg. "Glas beginnt erst bei weit über 1000 Grad zu schmelzen", erklärt Nösler. "Diese Stücke geschmolzenen Glases sind in dem Feuersturm zerlaufen, der in Hamburg wütete." Feuerstürme entstehen, wenn durch Flächenbrände gigantische Luftmassen wie durch einen Kamin in die Höhe steigen und von außen Frischluft ansaugen. Das Ergebnis sind orkanartige Winde und eine unvorstellbare Hitzeentwicklung.

Einzelnen Straßen lassen sich die Trümmer kaum zuordnen. Nur bei zwei Steinen, die im Frühjahr 2011 gefunden wurden, gelang das. Es handelt sich um Fragmente mit Inschriften auf Hebräisch. Auf dem größeren der beiden Teile waren noch fünf Reihen der Schriftzeichen gut zu erkennen: Der Stein war einst der untere Teil eines Grabsteins. Mit Hilfe des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte und des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden Hamburg fand Nösler die obere Hälfte. Es war der Grabstein von Schimon ben Izek Gowe, der am 22. September 1745 starb und auf dem jüdischen Friedhof an der Altonaer Königstraße begraben wurde.

Der Friedhof überlebte trotz einiger Zerstörungen den Feuersturm und die Zeit des Nationalsozialismus, die umliegende Wohnbebauung wurde größtenteils vernichtet. Er steht heute unter Denkmalschutz und gilt als eines der bedeutendsten jüdischen Gräberfelder der Welt. "Wie der untere Teil des Grabsteins in den Trümmerschutt kam, weiß ich nicht", sagt Nösler. "Es hat nach dem Feuersturm ein ziemliches Chaos geherrscht, und es brauchte Jahre, bis die gigantischen Trümmermassen beseitigt waren." Die Grabsteine sind nicht die einzigen jüdischen Artefakte aus dem Bombenschutt. "Wir finden immer wieder Steinplatten, auf denen der Davidstern zu sehen ist", erzählt Nösler. "Aber wir wissen noch nicht genau, zu welchem Bauwerk sie gehört haben."

Immer wieder spült die Elbe an diesem Strand neue Hamburger Geschichten aus dem Schutt. Und es kommen auch heute noch neue dazu. "Es ist ein beliebter Campingplatz für Jugendliche, weil man hier ziemlich ungestört ist", schmunzelt Grabungstechniker Dietrich Alsdorf. "Und deren Spuren finden wir hier natürlich auch."

49 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Acer99 13.01.2014
tijeras 13.01.2014
huettenfreak 13.01.2014
stammtischhistoriker 13.01.2014
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steueragent 13.01.2014
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz
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