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Ausgegraben

Ausgegraben Göttliches Gebräu

Fotostrecke: Lieblingsgetränk aus uralten Zeiten Fotos
Marcus Wärme

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Wie lässt sich das Lieblingsgetränk skandinavischer Häuptlinge wieder zum Leben erwecken? Eine Brauerei und ein Biomolekular-Archäologe aus dem US-Staat Pennsylvania haben den Coup geschafft. Er heißt Kvasir und schmeckt extrem trocken.

Der Name des Getränks verspricht Großes, glaubt man den alten Sagen: Als die nordischen Göttergeschlechter der Asen und der Wanen es leid waren, sich zu bekämpfen, spuckten sie zum Zeichen des Friedens gemeinsam in einen Krug. Aus dem Speichel formten die Asen den Weisen Kvasir. Der war so schlau, dass die beiden Zwerge Fjalar und Galar ihn umbrachten. Sie brauchten sein Blut, um daraus mit Honig den Dichtermet zu brauen - ein Getränk, dass jedem, der davon kostet, Klugheit verleiht.

Für eine Flasche Kvasir braucht man nun keinen Weisen mehr um die Ecke zu bringen, sondern kann sie - zumindest in 24 Staaten der USA - ganz legal beim Getränkehändler kaufen. Hinter dem Produkt stecken die Brauerei Dogfish Head und der Biomolekular-Archäologe Patrick McGovern vom Museum of Archaeology and Anthropology der University of Pennsylvania in Philadelphia. Der braute es in Schweden ebenfalls nach - unter dem Namen Arketyp.

Bier-Wein-Met-Mischgetränk

Für das Rezept hat der Forscher mit seinem Team den Inhalt von Gefäßen aus Gräbern in Nandrup, Kostræde und Juellinge in Dänemark sowie Havor auf der schwedischen Insel Gotland untersucht. Doch so sehr sie auch suchten, keines ihrer modernen Messverfahren brachten eine Spur Götterspucke zum Vorschein. Stattdessen fanden die Forscher in der Regel ein Gemisch aus drei verschiedenen Zutaten: Met, Bier und Wein. Dieser "Nordische Grog", wie McGovern ihn nennt, war von etwa 1500 vor Christus bis ins erste nachchristliche Jahrhundert bei den Skandinaviern so beliebt, dass er nicht nur zu Lebzeiten getrunken, sondern ihnen auch mit ins Grab gegeben wurde.

Für ihren Grog kippten die Skandinavier alles zusammen, was die Wälder hergaben: "Sie verarbeiteten Zutaten, die im hohen Norden Europas heimisch sind: Wacholder, Gagelstrauch, Preiselbeeren, Moosbeeren und Wildblütenhonig", listet McGovern die Zutaten auf. Wein als weitere Zutat wurde erst etwas später populär: "Ab etwa 1100 vor Christus begannen sie dann, Traubenwein aus dem Süden dazu zu mischen."

In einem gerade erschienenen Aufsatz im "Danish Journal of Archaeology" legen McGovern und seine Kollegen dar, was sie im Einzelnen fanden. Der älteste Grog kam aus dem Grab eines Kriegers, der zwischen 1500 und 1300 vor Christus mit seinen Waffen und einem Krug im dänischen Nandrup begraben worden war. In dem Krug schwappte unverdünnter Honigwein.

Schmuck, Kosmetik und Schöpfkelle

Doch schon in der nächsten Probe, die von einem Sieb aus einem Hortfund aus der späten Bronzezeit (etwa 1100 bis 500 vor Christus) im dänischen Kostræde stammt, entdeckten die Forscher Tartrate - Salze und Ester von Weinsäure - von einer eurasischen Rebe, die zu jener Zeit in Skandinavien nicht heimisch war. Außerdem fanden sie Honig, Birken- und Kiefernharze, Wacholder und Gagelstrauch - sowie einen Hinweis auf Getreide. Damit wird hier zum ersten mal die Mischung von Met, Bier und Wein fassbar, aufgepeppt mit heimischen Gewürzen.

Ähnliches trank auch jene reiche, etwa 30-jährige Frau aus dem dänischen Juellinge. Sie lebte in der römischen Eisenzeit, um 200 vor Christus. Ins Grab hatten ihre Angehörigen ihr nicht nur Schmuck und Kosmetik gegeben, sondern auch ein römisches Trinkgeschirr, bestehend aus Gläsern, einem Eimer und einer Schöpfkelle. Die Analyse zeigte, dass sie aus dem Eimer zu Lebzeiten einen Mix aus fermentierten Moosbeeren, Preiselbeeren und importiertem Traubenwein getrunken hatte - vermischt mit Gerstensaft.

Im Geschmack wie das belgische Lambic

Die Brauerei Dogfish Head hat in der Vergangenheit schon mehrfach Mut bewiesen. Sie brachten nach den wissenschaftlichen Vorlagen von McGovern ein 9000 Jahre altes Bier aus Nordchina auf den Markt, ebenso wie einen alkoholischen Schokoladentrank, der im alten Honduras konsumiert wurde. Die Wagnis hat sich gelohnt, alle Produkte verkauften sich hervorragend. Aber ein Mischgetränk aus Met, Bier und Wein?

"Kvasir erinnert im Geschmack ein wenig an das belgische Lambic", beschreibt McGovern die neueste Kreation. Dieses sehr trockene Bier entsteht durch Spontangärung und wird meist mit Früchten versetzt. "Vor Kvasir war eigentlich das chinesische mein Lieblingsbier aus dieser Serie", verrät McGovern.

Doch der skandinavische Grog hat durchaus das Potential, sein neuer Favorit zu werden: "Mit seinem gut ausbalancierten herben Profil steht Kvasir jetzt für mich mindestens auf dem zweiten, wenn nicht gar auf dem ersten Platz."

12 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
thanks-top-info 26.01.2014
buckrogers 26.01.2014
Lupus003 26.01.2014
mrgould 26.01.2014
geri&freki 26.01.2014
artusdanielhoerfeld 26.01.2014
Miere 26.01.2014
ariovist1966 26.01.2014
IntelliGenz 26.01.2014
reinerhohn 27.01.2014
Fackel01 27.01.2014
jez_ibel 05.02.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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