Ausgegraben

Bücher in Timbuktu Vor Islamisten gerettet, vom Schimmel bedroht

Bedrohte Schätze: Im Ahmed-Baba-Institut lagerten 40.000 wertvolle Schriften, bis es von Islamisten in Brand gesetzt wurde Zur Großansicht
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Bedrohte Schätze: Im Ahmed-Baba-Institut lagerten 40.000 wertvolle Schriften, bis es von Islamisten in Brand gesetzt wurde

Tapfere Privatleute haben die wertvollen Bibliotheken von Timbuktu vor islamistischen Rebellen gerettet. Doch nun bedrohen Schimmel und Stock im Geheimversteck die jahrhundertealten Manuskripte. Die letzte Hoffnung der Aktivisten: Crowdfunding.

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In Timbuktu, der Oasenstadt im westafrikanischen Mali, gab es einen besonderen Schatz. Es war kein Gold und es waren auch keine Edelsteine - sondern alte Manuskripte. Timbuktu galt als Stadt der Bücher. Jede Familie, die etwas auf sich hielt, investierte in ihre Bibliothek. Schon Mansa Musa, der von 1312 bis 1337 über Mali herrschte, brachte angeblich von seiner Pilgerfahrt eine Kamelladung Manuskripte nach Timbuktu.

Gesammelt wurde alles: Schriften zu Kunst, Medizin und Philosophie, Abhandlungen zu Mathematik und Rechtskunde, Traktate und Briefe zu Religionsfragen. Seit der Islamisierung Westafrikas im 13. Jahrhundert wurde hier alles zusammengetragen, was die Gelehrten der arabischen Welt dachten und schrieben. Viele der Schriften stammten aus dem 16. Jahrhundert oder waren sogar noch älteren Datums, aber noch im 20. Jahrhundert kopierten Kalligrafen fleißig Werke im Auftrag reicher Familien. Bis zu 300.000 Schriften sollen in den Regalen, Schränken und Kisten Timbuktus gelagert haben.

Dieser Schatz war oft in Gefahr. Auch Bücher sind ein attraktives Ziel für Plünderer. Schon im 16. Jahrhundert kam das marokkanische Heer, dann im 18. Jahrhundert die europäischen Entdecker. Im 19. Jahrhundert erschienen die französischen Kolonialherren und im 21. al-Qaida. Jedes Mal versteckten die Familien von Timbuktu ihre Bücher vor den neuen Herren. Die kostbaren Werke verschwanden dann vorübergehend in Geheimzimmern, unter Fußböden, in Höhlen, in der Wüste - und leider allzu oft wegen der zwischenzeitlich unsachgemäßen Lagerung auch im Magen von Termiten.

Im April vergangenen Jahres marschierten die Gotteskrieger der Gruppe Ansar Dine ("Unterstützer des Glaubens") in Timbuktu ein - ein Zusammenschluss aus Tuareg-Rebellen und militanten Islamisten. Das Weltkulturerbe Timbuktus wurde zum Pfand. Mit der angedrohten Zerstörung dessen, was der verhassten westlichen Welt am Herzen liegt, ließ sich gut Druck ausüben.

Als die Unesco auf die Gefährdung des Weltkulturerbes in Timbuktu durch die Ansar Dine hinwies, reagierten diese prompt: Sie begannen, systematisch die Mausoleen der Stadtheiligen zu sprengen. Jeden Tag konnten die Bücher - insbesondere das staatliche Ahmed-Baba-Institut, in dem 40.000 besonders wertvolle Handschriften lagerten - das nächste Ziel werden.

Rettungsaktion mit Autos und Eselkarren

Zum Glück gab es eine Gruppe von Leuten, die wussten, dass diesmal ein einfaches Verstecken der Bücher nicht ausreichen würde. Zu ihnen gehört Abdel Kader Haïdara. Von 1984 bis 1993 arbeitete Haïdara für das Ahmed-Baba-Institut, seitdem kümmert er sich um die Bibliothek seiner eigenen Familie, die Bibliothèque Mamma Haïdara, deren Bestände ähnlich umfangreich sind wie die des Instituts.

Auf dem Handwerkermarkt von Mopti kaufte Haïdara Hunderte von Blechkisten. Zusammen mit Abdoulaye Cissé vom Ahmed-Baba-Institut organisierte er, dass die Manuskripte in diese Kisten verpackt und im Schutz der Dunkelheit auf Privathäuser verteilt wurden.

Als die Islamisten die Gräber sprengten, begannen die Aktivisten, die Kisten aus der Stadt zu schaffen. Die Buchretter - ein kleiner, geheimer Zirkel, bestehend meist aus den Söhnen der Eigentümer von Privatsammlungen - mieteten alte Geländewagen und schafften die Kisten über die Straße nach Süden Richtung Bamako. Zunächst nur einzelne Kisten, um kein Aufsehen zu erregen, später bis zu fünf Kisten pro Auto.

Als am 28. Januar die französischen Infanteristen vor der Stadt standen, luden sie die letzten Kisten auf Eselkarren. Keinen Ausgenblick zu spät. Bevor die Islamisten sich zurückzogen, steckten sie das Ahmed-Baba-Institut in Brand. Insgesamt konnte die Gruppe um Haïdara und Cissé 2507 Kisten mit Schriften aus 32 Sammlungen evakuieren - insgesamt mehr als 160.500 Manuskripte.

Schimmel und Stock bedrohen die Schriften

Die Schätze Timbuktus liegen nun an 21 Orten in Bamako versteckt - in Garagen, in Wohnungen, in Kellern. Noch ist die politische Lage zu instabil, um die Bücher zurückzubringen. Doch auch hier droht ihnen Gefahr. In Timbuktu ist es stets trocken. In Bamako aber hat gerade die Regenzeit begonnen. Die Feuchtigkeit dringt unweigerlich in die Kisten.

Die Initiative "Libraries in Exile" hat nun zu einer weltweiten Spendenaktion aufgerufen, damit Schimmel und Stock nicht die Bücher vernichten, die knapp dem Feuer entkommen sind. Sie brauchen nicht viel: Raumentfeuchter und stabilere Archivboxen als die alten Blechkisten würden schon reichen. Dazu kommen noch die ersten dringend notwendigen Konservierungsmaßnahmen. Rund 100.000 Dollar benötigen die Bücher-Aktivisten für die erste Hilfe. Bis Freitag morgen um neun Uhr deutscher Zeit läuft die Kampagne noch auf der Webseite der Buchretter.

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5 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
AxelSchudak 19.06.2013
kannmanauchsosehen 19.06.2013
hatschon 19.06.2013
Miere 20.06.2013
nilaterne 22.06.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.